Assia Djebar Die Welt besteht doch nur aus Geschichten, die sich aus Geschichten ergeben
Sie ist eine moderne Scheherazade. In ihrer Autobiografie "Nirgendwo im Haus meines Vaters" erzählt sie von dem Zauber orientalischer Frauenleben, von ihrem Spagat zwischen der französischen und der arabischen Kultur und dem Schmerz der Vergeblichkeit. Ein Besuch bei Assia Djebar in Paris
Sie wohnt im 11. Arrondissement, erste Etage über der Avenue de la République, drei Zimmer für sich allein. Sie ist 73 Jahre alt, aber das hat sie, wie sie sagt, erst vor Kurzem bemerkt. In das Viertel ist sie vor langer Zeit gezogen. Es ist nicht das Viertel der Literaten. Falsches Ufer, falsche Gesellschaft. Eine Winterjacke kostet hier so viel wie im Café Deux Magots der Milchkaffee. Rimbaud mochte das Viertel, er hat hier gewohnt. Die Commune hat hier ihren Ausgang genommen. Damals war das Viertel labyrinthisch, die Häuser hatten viele Ausgänge. Irgendwann kamen die Einwanderer, heute (ihre schöne Nase legt sich in hundert tanzende Falten, wenn sie das sagt) gehört das Viertel den Kleinbürgern.
Ein Rendezvous mit Assia Djebar zu haben ist ein Glück. Nicht weil die berühmte Frau – sie gilt als die bedeutendste Autorin des Maghreb, sie ist Mitglied der Académie française, sie hat eine Professur in New York und den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels – so beschäftigt wäre, dass sie keine Zeit fände. Nein, das ist es nicht, denn Assia Djebar gehört nicht zu den Menschen, die mit hängender Zunge durch ihr Leben hetzen. Es ist ein Glück, weil man, kaum hat man den Mantel in ihrem bücherüberladenen Salon über die Stuhllehne gelegt und auf dem Diwan Platz genommen, in einen Wärmestrom des Erzählens hineingezogen wird, aus dem man nie wieder auftauchen möchte. Ob ich nicht wüsste, dass Ludwig der Soundsovielte einen Zwillingsbruder hatte, den man auf eine Insel verbannt und dem man eine eiserne Maske angelegt hat? Ob ich davon gehört hätte, wie man früher den Großeltern die Hände küsste, und zwar auf den Handrücken und in die hohle Hand? Ob mir klar sei, wie der Prinz von Rabat sich seine Mätressen beschaffe? Ob ich verstehen würde, warum man vom Lamm immer etwas an die Nachbarn geben müsste, auch wenn Maurice, der Sohn der Witwe Soundso in Cherchell, das gar nicht zu schätzen wusste? Was ich dazu sagen würde, dass der fromme Schuster Soundso seinen Tod im Traum vorausgesehen hat?
Wer sein Leben im Westen verbringt, vergisst manchmal, dass der Rest der Welt aus nichts als Geschichten besteht. Und aus Geschichten, die sich aus Geschichten ergeben, die wieder zu anderen Geschichten führen. Der glaubt womöglich, die Welt geht nach dem Frage-Antwort-Prinzip. Warum ist das so? Darum ist das so. Danke. Fertig. Und der denkt vielleicht nicht daran, dass die Kausalität und Hierarchisierung des Erzählens eine späte und geografisch noch immer nicht flächendeckend verbreitete menschliche Erfindung ist, die dazu dient, den uferlosen Strom der Abermillionen Geschichten zu begradigen und aus dem lebendigen Wasser des Erzählens reglose Begriffe zu schmieden.
Das alles hat uns im Westen natürlich herrlich weit gebracht. Trotzdem ist es für die Besucherin aus Deutschland eine große Freude, dass die Begriffsschmiedemeister im ersten Stock der Avenue de la République noch nicht vorbeigeschaut haben. Assia Djebar mag hier nach zwei Ehen, deren Staub sie sich noch immer aus den Kleidern schüttelt, seit vielen Jahren allein leben, aber mit ihr lebt hier ein unergründliches Graswurzelwerk zappeliger und unbezähmbarer Geschichten und Erinnerungen. Nur der allerkleinste Teil davon ist, wie sich schnell herausstellt, in ihr jüngstes Buch Nirgendwo im Haus meines Vaters eingegangen. Es ist ein Erinnerungsbuch, streng genommen, aber was heißt hier schon streng genommen? Auf dem Buch steht »Roman«, doch darin ist eine Autobiografie in Fragmenten, die von Assia Djebars Kindheit in Algerien während der Kolonialzeit bis zu ihrer Ausreise nach Frankreich im Jahr 1955 erzählt. »Das Buch ist ein Unfall«, sagt Assia Djebar. Sie wollte es nicht schreiben, es ist ihr zugestoßen. Aber wie kann einem die eigene Autobiografie »zustoßen«?
Normalerweise schreiben Autoren ihre Autobiografie am Lebensende, um Zeugnis abzulegen von sich, von ihrer Epoche und davon, wie es kam, dass man es so herrlich weit gebracht hat. Und obwohl die Frauen ihren historischen Rückstand um einige Jahrtausende, in denen die Literatur und die Kunst und die Wissenschaft den Männern allein gehörten, in rasender Geschwindigkeit aufgeholt haben, ist das Genre der Autobiografie noch immer vor allem Männersache. In Frankreich kann man die weiblichen Schriftsteller-Autobiografien an einer Hand abzählen. George Sand, Colette, Simone de Beauvoir, Marguerite Yourcenar, Nathalie Sarraute – und nun Assia Djebar und ihr »Unfall«. Nein, sie wollte keine Erinnerungen schreiben, schon gar keine artigen »Mädchenerinnerungen« à la Beauvoir, Geschichten vom Fleißigsein, von den bestandenen Examen, vom Sichhocharbeiten in der Bourgeoisie und so weiter. Auch mit der neuesten Mode, den privaten Kampf mit den Kilos oder dem Krebs in der übernächsten Saison buchfertig zum öffentlichen Gebrauch anzubieten, hat ihr »Roman« gar nichts zu tun. Das Buch, sagt sie, »ist eine Sache zwischen mir und mir«. Eines Tages wurde ihr klar, dass sie ihren Lebensweg noch einmal zurückgehen musste. Sie hatte nämlich ziemlich am Anfang dieses Weges etwas Wichtiges vergessen, das musste sie wiederfinden, um weiterleben zu können.
Was sie da vergessen hat, ist ein Ereignis in ihrer Jugend, das sie – aber auch das hatte sie vergessen – im Roman Fantasia schon einmal auf zwei Seiten erzählt hat und das nun das Finale der Autobiografie und vielleicht zum Leitmotiv ihres Lebens geworden ist.
Es war ein strahlender Vormittag im Oktober 1953 in Algier. Sie war mit ihrem späteren Ehemann, einem algerischen Widerstandskämpfer, dem sie später ins tunesische Exil folgen sollte, in einem Café. Das Paar geriet in Streit. »Wir haben uns unsere ganze Ehe über gestritten, wir haben uns zwanzig Jahre lang gestritten«, sagt sie heute. Damals brach die Welt darüber auseinander. Und sie sah nur noch das blaue Meer am Horizont, das Licht und die rötliche Helligkeit um sie herum. Und sie fing an zu laufen, zum Meer, zum Himmel, dahin, wo alles ineinanderfließt. Dort wollte sie sich auflösen. Sie rannte, immer schneller, sah eine Straßenbahn in voller Fahrt, änderte ihre Pläne, legte sich auf die Gleise – »alle Verzweiflung war verflogen«.
Die Worte des Straßenbahnfahrers, das Kreischen, das Stimmengewirr hört sie bis heute. »Sehen Sie, meine Hand zittert immer noch«, habe der Straßenbahnfahrer gesagt, als er sich über sie beugte. Danach habe sie mit niemandem jemals über diesen Oktobertag gesprochen. Die Erinnerung auf Eis gelegt und sich selbst dazu. Ein ganzes Frauenleben »vergeudet« im Schweigen. Sie könne es noch immer nicht fassen. Wie war das möglich? Sich selbst gegenüber zu verstummen! Bücher um Bücher zu schreiben, Geschichten zu erfinden, das ganze Tralala, und das Wichtigste im Leben vergessen? Sie kann sich das nicht verzeihen. Manchmal glaubt sie, es sei gar nicht sie, die ihr Leben seither lebe, sondern irgendeine Doppelgängerin.
Als sie ihre Geschichte fertig hatte, ist sie verzweifelt, fühlte sich zerrissen. Das Buch (sie schlägt sich mit einem unsichtbaren Ziegelstein gegen den Kopf) sei ihr, als es erschienen war, wie etwas Fremdes und Bedrohliches entgegengetreten. Es habe sie beinahe krank gemacht. Man versteht das. Assia Djebars Autobiografie ist eine faszinierende und aufwühlende Suche nach einer Leerstelle, an der sie zu Boden ging – und an der sie sich erst ein halbes Jahrhundert später wieder von der Erde auflas. Und es hat nichts zu tun mit der üblichen Sorte von Autobiografien, die es erlauben, sich am Lebensabend noch ein wenig die Glieder zu wärmen und das Gefieder zu spreizen.
Wir brechen auf zum Essen. Suchen gemeinsam nach den Schuhen (unterm Schrank? Nein, unterm Bett!), nach der Brille (unauffindbar, aber unwichtig), nach dem Regenschirm (ebenso). Auf dem Boulevard Ménilmontant reiht sich ein algerisches Etablissement ans andere. Hier die algerischen Backwaren, dort die Couscous-Gerichte und der süße Pfefferminztee. Im Le Miyanis sind wir die einzigen Gäste. Der Fernseher läuft über unseren Köpfen, französische Minister rollen in Limousinen vor irgendeinen Palast, halten Reden, die von der algerischen Musik im Restaurant übertönt werden. Assia Djebar steht auf, dreht sich weg von den Limousinen und den Ministern und beginnt zu tanzen, allein, im langen dunklen Wintermantel, die bunte Wollmütze tief im Gesicht. Ein unvergesslicher Augenblick. Die Minister, das ferne Algerien, das leere Restaurant, der Regen auf dem dunklen Boulevard Ménilmontant und die tanzende Assia Djebar. Manchmal hält die Welt freundlicherweise für ein paar Sekunden den Atem an.
Seit einigen Monaten arbeitet Assia Djebar an einem neuen Buch, dem vierten ihres »Algerischen Quartetts«, dessen erste drei Bände Fantasia, Weit ist mein Gefängnis und Das Erlöschen in Stein heißen und deshalb eine lose Einheit bilden, weil sie alle die Gegenwart des algerischen Frauenlebens gegenschneiden mit Ereignissen der fernen algerischen Geschichte und auf diese Weise ein Grundmuster der algerischen Existenz freilegen: in der Schusslinie dominanter westlicher Kulturen zu liegen, daran zu wachsen und zugleich zugrunde zu gehen. So war es mit der französischen Kultur, die ihr die Sprache ihrer Vorfahren genommen und sie dafür bis in die École Normale Supérieure geführt hat. Und so war es mit der römischen Kultur, das die alten schriftlosen Berbersprachen mit ihrem Gesang und ihren Rhythmen verdrängte, aber den Boden bereitete für Augustinus in Nordafrika. Wozu, fragt sie, war das alles gut? Über Augustinus will sie ihr nächstes Buch schreiben. Eigentlich, vielleicht. Sagt sie. Was zählt schon ein Buch mehr oder weniger auf der Welt? Der Satz von Augustinus, der sie am tiefsten beeindruckt hat, heißt: »Ich habe zu viel geschrieben.«
Der Schatten des Vaters liegt bis heute über ihrem Leben. Er war ein den Kolonisatoren zugeneigter Mann, ein Schulmeister in der algerischen Küstenstadt Cherchell, der gut französisch sprach. Er begleitete die Tochter, seinen Fes auf dem Kopf, in die französische Schule. Seinen Namen hatte sie auf den Lippen, als sie sich im Oktober 1953 auf die Gleise legte. So steht es in ihrer Autobiografie. Die Romane seiner Tochter Fatima (um ihn und die Familie zu schonen, erfand sie den Künstlernamen) hat der Vater nie gelesen. Dass sie jungfräulich in die Ehe ging, darüber hat er gewacht. Dass sie ihre 91-jährige Mutter heute täglich pflegt, das (sie lässt ihren Arm wie eine schwere Gewitterwolke vom Himmel niederschweben) überprüft er aus dem Totenreich. Keine Frage, sie liebt ihren Vater. Und ihre Mutter liebt sie, weil ihr Vater sie geliebt hat. Es gibt keine Abrechnungen mit der Familie da, wo sie herkommt.
eine Abrechnungen, keine Rechnungen, keine Bilanzen. Hingegeben erzählt sie in ihren Büchern von den ekstatischen Tänzen, den siebentägigen Hochzeitsfeiern, den Badezeremonien, den Trauergesängen in den weiblichen Ghettowelten ihrer Kindheit. Ob das gut oder schlecht war? Wie sie überhaupt zur Frauenfrage in der islamischen Welt stehe? Immerhin habe sie doch ein Buch über die Ermordung algerischer Frauen durch Fundamentalislamisten geschrieben? Wer fragt, hört Geschichten. Zum Beispiel die von einer alten Frau am Straßenrand während des Algerienkrieges. Die saß jeden Tag an derselben Stelle still und einsam im Staub in ihrem alten Gewand und betrachtete das Spektakel der Welt. Um solche Augenblicke geht es, um Szenen einer sprachlosen weiblichen Kultur, die so flüchtig und gewichtslos sind wie der Flügelschlag der Libellen. Solche Augenblicke hat Assia Djebar in ihren beiden arabischen Dokumentarfilmen festhalten, die sie in den siebziger Jahren in Tunesien und Algerien gedreht hat. In ihren Romanen fixiert sie die verschwindenden Bilder einer archaischen Weiblichkeit in der Vatersprache, der Sprache der ehemaligen französischen Kolonialherren, die zu ihrer Literatursprache geworden ist. Dieser Riss ist ihr Reichtum und ihre Trauer. Der aufgeschlagene Koran, der auf ihrem Bett liegt, ist eine französische Übersetzung.
Letzte Frage: Warum ihre Autobiografie genau wie die der Beauvoir, wie die der Sarraute nach der Jungmädchenblüte abbreche? Ob die alternde Frau nicht immer noch das größte Tabu der Literatur sei? Und wer, wenn nicht sie, dieses anhaltende Schweigen brechen könne? An dieser Stelle des Gesprächs tritt der französische Präsident über unseren Köpfen im Fernsehen vor die Mikrofone. Der Wirt des Le Miyanis dreht die algerische Musik sofort wieder lauter. Ob der folgende Schwall von Flüchen und Verwünschungen meinen Fragen oder dem französischen Präsidenten gilt, ist im Getöse der alten Volksweisen nicht auszumachen.
- Datum 03.12.2009 - 16:49 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
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....ist viel zu schön, um ihn zu kommentieren. An Frau Radisch ist eine Dichterin verlorengegangen. Zum Glück aber scheint das Poetische immer wieder durch ihren Text. Ach, würde Sie nur das hochmütige Kritisieren und Rezensieren sein lassen, würde Sie nur nicht so verzweifelt die Rechte der Frauen einklagen, sondern sich ganz der Poesie verschreiben, nur noch aufbauen statt analytisch zerstören....Seufz.
Wie kommt die Autorin darauf, dass die Autobiografie der Simone de Beauvoir "nach der Jungmädchenblüte" abbreche? Sie besteht aus vier Bänden, die quasi ihr gesamtes Leben erzählen und insbesondere auch auf das Älterwerden eingehen. Darüber hinaus kann kaum von "artigen Mädchenerinnerungen" die Rede sein, der Titel des ersten Bandes "Memoiren einer Tochter aus gutem Hause" ist offensichtlich eine rückblickende Veralberung ihrer gutbürgerlichen Kindheit, die bald einem philosophisch - u. a. "La deuxième Sexe" - als auch privat unkonventionellen Leben gewichen ist.
guter Ausdruck. Ich mußte als Sohn eines Flüchtlings auch eine Menge Sehnsucht ausbaden. Gibt es nicht auch sie (aus einem Gedankenexperiment)?:
Vic aus Rußlanddeutschland sieht die Sonne den Abend über dem Donnersberg ausbrennen. Die Schwärmereien seiner Eltern über die Weiten Kasachstans und die Parolen seiner Brüder knallen als morsche Dielen auf den Betonbo-den der Erinnerung an eine schmutzige Kindheit. Er braucht Platz zum Träumen und räumt seine Liebe frei von den familiären Hysterien und Katastrophen. Er denkt an Ayse, die Freie, die ein Kind von ihm erwartet.
Sie haben zusammen den Schleier verbrannt und sind auch aus den ideologischen Gefängnissen geflohen, die ihre Familien Kultur und Tradition nennen. Sieh! Der dunkel-blaue Wolkenstreif, um den die Liebe ein rotes Flammen-band zieht. Er spürt wie sich die Einsamkeit aus dem A-bendrot mit Wärme füllt. Er schickt seine Gedanken an seine Freundin, die sich nun im Frauenhaus auf ihre ge-meinsame Zukunft freut.
Seine Sehnsucht geht nach einer neuen, fremden und kalten Stadt des Anfangs, in der der Slang seiner Leute klingt wie das Gemütsfurzen eines Dialektgedichts. Wie wohl der Blick aus dem Fenster Chance sein wird?
Auch Ayse will fremd sein unter Fremden. Ihre Einsamkeit sehnt sich nach anderen Gesprächen. Kurdische Markklö-schen oder Pfälzer Blini, das Leben ist kein Saumagen. Aus dem meerestiefen hellblauen Himmel leuchten neonrote Wolkenstreifen. Sie erinnert sich an das Bild dieses franzö-sischen Malers Mon
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