Es gibt problematische Naturen, die keiner Lage gewachsen sind, in der sie sich befinden, und denen keine genug tut. Daraus entsteht der ungeheure Widerstreit, der das Leben ohne Genuss verzehrt.« Das meinte Goethe einmal, wobei er vor allem an Bürger dachte, die einzelne Fähigkeiten ausbilden müssen, um sich brauchbar zu machen, und darüber die Harmonie ihres Wesen versäumen. Die vermisste auch schmerzlich der Philosoph Ludwig Wittgenstein, mit dem immer noch alle eins sind, die mit sich nicht zurechtkommen. Sie entbehrte auch sein Bruder, der stets mit sich hadernde Paul Wittgenstein, der große Pianist, der nur mit der linken Hand spielte, weil er den rechten Arm im Krieg verloren hatte. Diesen Mangel empfand selbst der Vater der beiden, Karl Wittgenstein, der waghalsige Unternehmer, der seine Familie steinreich machte. Insofern waren die Wittgensteins gar keine ungewöhnliche Familie wegen der Fülle problematischer Naturen, sondern eine typische bürgerliche Familie.

Engländer lassen sich wegen ihrer Freude an individuellen Arabesken gern von den Persönlichkeiten bezaubern, deren Porträt sie als Biograf mit einer Fülle anekdotischer Tupfer pointillistisch vergegenwärtigen, ohne viel auf Raum und Zeit zu achten. Alexander Waugh erliegt den Verlockungen dieses Impressionismus nicht. Ihm geht es um eine großbürgerliche Familie in Wien, die er vor dem Hintergrund der Krise des Bürgertums und seines Untergangs beschreibt.

Der Familienpatriarch Karl Wittgenstein rebellierte zunächst gegen das großbürgerliche Milieu, dem er entstammte. Er verließ die Schule, riss aus bis nach New York, verdingte sich als Kellner, spielte in einer Straßenkapelle oder versuchte sich als Lehrer, bis er schließlich zum Geschäftsmann reifte. Er wurde zum österreichischen Krupp und überhaupt zu einem der reichsten Männer der Welt. Wie bereits sein Vater herrschte er despotisch in der Familie, die er ununterbrochen an eines erinnerte: nie an den Genuss zu denken, sondern immer an die Arbeit, an die Selbstüberwindung und an die Leistung, die längst die Stelle einnahm, die einmal der Tugend vorbehalten war. Seine neun Kinder – Karl vernachlässigte auch seine ehelichen Pflichten überhaupt nicht –, zwischen 1874 und 1889 geboren, wurden, obschon sehr klug, unter dem Druck des fordernden Vaters menschenscheu, ungemein nervös, streitsüchtig, hysterisch und konnten noch nicht einmal in sexuellen Ausschweifungen, die ihnen entsetzlich peinlich waren, eine gewisse Erholung finden.

Die Wittgensteins sind typische Wiener Bürger um 1900, also Zeitgenossen der Epoche, in der die Nerven, die Sexualität, die Seele, das Ich und das Über-Ich entdeckt und zum Problem wurden. Früh gereift und zart und traurig, begriffen die jungen Wittgensteins, von denen keiner in die väterlichen Unternehmen eintreten wollte, das Leben nicht als eine Kette von Handlungen, sondern von Zuständen. Ihre Mutter brauchte man nicht zu fragen: Wie geht es Ihnen? Es war vielmehr angebracht, sich zu sorgen: Welche Krankheit haben Sie heute? Krank kamen sich alle Wittgensteins vor. Als sehr kultivierte Bürger litten sie am Bürgertum, am Reichtum, am Geld, an der kapitalistischen Gesellschaft und dem zu ihr gehörenden Kulturbetrieb, der ihnen die Sprache verschlug und sie erst recht auf den Weg nach innen verwies.

Ludwig Wittgenstein, der später in Cambridge zum sprachgewandten Philosophen der Sprachlosigkeit wurde, erweiterte seine privaten und seine bürgerlich-klassenspezifischen Ratlosigkeiten zu Raum und Zeit durchdringenden Existenzfragen schlechthin. Im Hause Wittgenstein, nicht nur anständig, sondern wegen des ungeheuren Reichtums »hochanständig«, durfte über vieles nicht gesprochen werden. Rudolf und Hans waren homosexuell, der eine zelebrierte seinen Selbstmord in einer Berliner Bar, der andere verschwand in die USA, um weniger sensationell aus dem Leben zu scheiden. Ludwig Wittgenstein, der alle Frauen für entsetzlich idiotisch hielt – mit Ausnahme seiner Mutter –, sehnte sich nach Männern und Freunden, schämte sich aber, wenn er sich allzu handfest auf sie einließ. Sein Bruder Paul, der Pianist, mochte Frauen, aber möglichst aus einem kleinbürgerlichen Milieu, nicht beschädigt von bürgerlicher Disziplin, die er selbstverständlich achtete und beachtete.

Die Geschwister mit ihrer jeweiligen inneren Vollbeschäftigung verstanden sich untereinander nicht, waren sich darin aber einig, zu einer großen Familie zu gehören und sich ihr als würdig erweisen zu müssen. Das meinte, wohltätig zu wirken über Spenden und Stiftungen, im Krieg für das Vaterland zu kämpfen oder wenigstens Verwundete zu pflegen. Was sie untereinander verband und sogar mit ihren Eltern innig verknüpfte, das war das gemeinsame Musizieren. Wo Worte Friedlosigkeit stifteten, waren es die Töne, die alle miteinander versöhnten. Karl Wittgenstein, mit Johannes Brahms befreundet, mit dem Geiger Joseph Joachim und dem Musikkritiker Eduard Hanslick, der Richard Strauss und Gustav Mahler zu sich einlud, verlor alle tyrannischen Allüren, wenn er Geige spielte.

Die Musik hat es den Wittgensteins ermöglicht, die verschiedenen Katastrophen des 20. Jahrhunderts auszuhalten. Das Geld, weil gut angelegt, ging auch trotz der Inflation und des Börsenkrachs 1929 nicht aus. Das Vermögen schmolz, aber kein Wittgenstein war nach dem Ersten Weltkrieg der demütigenden Erfahrung ausgesetzt, verarmt und deklassiert zu sein. Die entsetzlichste Überraschung und Demütigung war für sie alle, dass sie nach dem Anschluss Österreichs 1938 als Volljuden behandelt wurden. Diese bildungsbürgerliche, erst kulturprotestantische und dann wegen Karls Ehe mit einer Katholikin zumindest nominell katholische Familie war nie frei von ästhetischen, auch sozialen Vorbehalten gegen Juden, was hieß gegen Ostjuden, aber nicht die Juden der »zweiten Gesellschaft« meinte, die zum guten Wiener Bürgertum gehörten. Die Wittgensteins hatten vergessen oder wollten sich nicht daran erinnern, dass Großvater Hermann Christian sich taufen ließ, und Margaret und Helene hatten die Ermahnungen ihres Vaters, auf gar keinen Fall Juden zu heiraten, nicht beachtet.