Philosophie Ganz kranke FamilieSeite 2/2

Da ihre Männer getauft waren, handelte es sich für sie allerdings nicht um Juden. Seit dem März 1938 waren die Wittgensteins – bei besten gesellschaftlichen Beziehungen bis in die NSDAP hinein – damit beschäftigt, die nationalsozialistischen Behörden davon zu überzeugen, dass sie keine Juden seien, sondern illegitime Nachkommen der Fürsten von Sayn-Wittgenstein. Das hat sie viel Geld gekostet, aber es gelang ihnen, unmittelbar vor dem Ausbruch des Krieges gegen Polen von Hitler bestätigt zu bekommen, »Mischlinge« zu sein, die nicht weiter von der Partei beobachtet oder schikaniert werden sollten. Die in Österreich lebenden Wittgensteins – Ludwig, der Philosoph, war indessen Engländer geworden, Paul, der Pianist, lebte mittlerweile in den USA – konnten mit solchen Kompromissen immerhin ihre Schlösser und Villen retten und einen erheblichen Teil ihrer Kunst- und Musikhandschriftensammlung. Eine besondere Solidarität mit den verfolgten Juden erübrigte sich bei ihnen, denn sie begriffen sich als österreichische Patrioten und christlich angehauchte Bildungsbürger. Sie gehörten zu einer Welt von gestern, die unter dem Nationalsozialismus vernichtet wurde, zu der Welt, die Heimito von Doderer in der Strudelhofstiege und in den Dämonen eindringlich beschrieb und damit über die Zeiten rettete. Das Haus Wittgenstein ist eine heimliche Aufforderung, wieder diese beiden Romane zu lesen.

 
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