In unseren digitalen Tagen, da sich Neugier meist so schnell erschöpft, wie sie entstanden ist, findet man kaum Leute, die es lebenslang bei einer Sache aushalten. Populäre Unermüdliche der Neuzeit sind beispielsweise Oswalt Kolle, Beate Klarsfeld und Max Merkel. Oder Maynard Solomon: Der gründete das Label Vanguard Records, machte Joan Baez und Pete Seeger berühmt und wurde später zum gefeierten Chefautor der Wiener Klassik. Gelernte Wissenschaftler dagegen sitzen, abgeschieden von der Welt, am Schreibtisch und forschen, bis ihnen die Augen zufallen. So einer ist Lewis Lockwood, Professor für Musikologie in Harvard. Ludwig van Beethoven kennt er so gut, dass er nachts um 4.17 Uhr jede Stimme aus dem wenig bekannten Christus-Oratorium singen oder Passagen des Heiligenstädter Testaments rezitieren könnte, dieser ergreifenden Daseinsklage des ertaubenden, doch für die Welt und den Ruhm sich immer noch verzehrenden Komponisten.

Wenn einer wie Lockwood über Beethovens Musik und Leben schreibt (sein seit Jahrzehnten vorbereitetes Buch erschien 2003 in den USA und wurde jetzt ins Deutsche übertragen), darf man vorderhand befürchten, ein Starkregen aus Spezialwissen und abgedrehten Details werde einen durchnässen, nach dem Motto: Wer so viel forscht, muss reiche Beute vorweisen. Nun, der gemeine Musikliebhaber wird mit Lockwoods Opus summum dennoch froh, weil der Autor es ihm leicht macht: Die Subdominante ist schon nach wenigen Seiten wieder eine alte Bekannte, und mit Spürsinn erschließt sich auch der Tonartenplan der Eroica.

Theorie ist einem ohnedies nicht so fremd, weil Beethovens Musik, ihre klassischen Baustoffe und Formprinzipien jener Leserschaft, auf welche das Opus zielt, bekannter sind als der Mann, der sie komponierte. Dessen Vita ist uns bruchstückhaft präsent: Bonn, wo er 1770 zur Welt kam, und Wien, wo er 1827 starb, unruhige Lebensbahnen, aber wachsender Erfolg, schweres Gehörleiden, aufsässiger Charakter, Junggesellentum, Vereinsamung – das sind die wenigen Morsezeichen, die aus der Erinnerung an ein offenbar unvorteilhaftes, spaßfreies, einzig für höhere Erlöse bestimmtes Leben zu uns dringen. Der Komponist selbst musste sich mit diesem Ungleichgewicht von Glück und Erfolg arrangieren, schon früh hatte er das Amt des Monomanen eingenommen, der dem olympischen Aufstieg alles unterordnete, und fand es nicht unpassend. Er war daran gewöhnt, als "sturer und ungeselliger Junge" gescholten zu werden. Derlei gab er offenbar geradlinig weiter: Als Onkel und Vormund hatte er mächtige pädagogische Schwierigkeiten mit seinem Neffen Karl.

Wie hätte er es lernen sollen? In Bonn wuchs Beethoven, wie Lockwood zu Recht betont, in einem "Haus ohne Frauen" auf, musste einen trunksüchtigen Vater ersetzen und schon als Jüngling beträchtliche Verantwortung für die Familie übernehmen. Nie wich er ihr aus; auch in ethischen und moralischen Kategorien war Beethoven frühreif. Die humanistische Neigung, Künstlerschaft für die Verbesserung der Verhältnisse einzusetzen, war am heimischen Herd gewachsen; ihr später Ausdruck ist die 9. Sinfonie d-moll. Das politisch-menschliche Feuer seiner Musik und seines Denkens begriff er jedoch nur als Teil eines viel größeren Auftrags, seiner prometheischen Berufung: Bereiche des Komponierens zu erschließen, in die noch keiner vorgedrungen war, und dort das Feuer zu finden, das den musikalischen Ausdruck von aller irdischen Mühsal reinigt.

Das Management seiner Karriere, so Lockwood, gelang so gut, weil Beethoven die eigene Begabung schon früh taxierte. Der Weg sollte demütig über die Idole Mozart und Haydn führen und doch beide überwinden, überhöhen. Dabei durften keine Fehler unterlaufen. Einmal fiel Beethoven in einer Komposition versehentlich ein Mozart-Zitat auf. Wie zur Selbstgeißelung machte er am Rand des Notenblatts auf das vermeintliche Plagiat aufmerksam: "Diese ganze Stelle ist gestohlen aus der Mozartschen Sinfonie in c." In Wirklichkeit unterlag Beethoven einer Selbsttäuschung – es gibt keinen einzigen Takt bei Mozart, der für die Stelle auch nur annähernd als Leihgeber infrage kommt.

Lockwood überblickt seinen Beethoven aus der Nähe und gleichzeitig aus der Vogelperspektive. So kann er die streng gemauerte Dreiteilung der Perioden aufrechterhalten und zugleich quasi osmotisch durch die Schaffensprozesse hindurchreisen. Dabei hilft ihm die genaue Kenntnis der chronologisch sortierten Skizzenbücher, in denen Beethoven jeden musikalischen Geistesblitz, der ihm kam, vor der Vergänglichkeit bewahrte. Die Skizzen zeigen, dass sogar mancher Gedanke aus Bonn noch sehr spät in Wien ankommen konnte. Hermetisch voneinander getrennt waren die Schaffensphasen mitnichten.

Indem Lockwood Musik und Leben glänzend synchronisiert, scheinen die Werke direkt aus ihrer Zeit zu erstehen, doch wachsen sie eben auch autonom – durch zunehmende Komplexität der Strukturen, der Gedanken, des rhythmischen Willens. Einen so tief auf den Meeresgrund führenden, langsamen Satz wie den der Hammerklavier-Sonate hätte Beethoven schwerlich früher schreiben können.