Karibik Ausreißen!
Ein Frühwerk von Sir Patrick Fermor zeigt eine fantastische Karibik
Fermor? Man muss ihn wohl immer noch vorstellen in Deutschland – und was er tut, auch. In englischsprachigen Ländern ist Sir Patrick Leigh Fermor ein großer Name, bei uns etwas für Liebhaber. Das ändert sich langsam, ein Verdienst des Dörlemann Verlages aus Zürich, der einen Fermor nach dem anderen auf Deutsch herausbringt. Eben erschien Der Baum des Reisenden, ein frühes Werk, abermals sehr schön übersetzt von Gabriele und Manfred Allié. Schön bedeutet: so genau wie möglich, so frei wie nötig.
The Traveller’s Tree – unter diesem Titel erschien das Buch in erster Auflage 1950 in London – erzählt von der karibischen Reise des Autors und zweier Gefährten, eines griechischen Freundes und einer englischen Freundin, kurz nach dem Krieg. Aus ihm war Leigh Fermor als dekorierter britischer Offizier gekommen. Er hatte den deutschen General Heinrich Kreipe in einer tollkühnen Aktion auf Kreta entführt. Das alles lag wenige Jahre zurück, als die drei Freunde in die Karibik aufbrachen. Im Leichtsinn, den das Buch atmet, im Dahinschippern von Insel zu Insel vor und hinter dem Winde, im Entlassensein in die ganze Welt und Sichverlieren in kreolische Tagträume schwingt, wiewohl nie ausgesprochen, das Glück des siegreich bestandenen Krieges nach, den Fermors Generation geführt hatte.
Stilistisch steht der Tree auf der Wasserscheide des Jahrhunderts, er markiert den Temperaturwechsel des Reisens und der Autorschaft. In manchen Passagen ist Fermor noch ganz der Typus des Western observer der Reiseliteratur vor dem Kriege, wie ihn der schottische Reiseschriftsteller William Dalrymple neulich beschrieb: »Kaltblütig östliche Kulturen bewertend, mit der Distanziertheit eines viktorianischen Schmetterlingssammlers, der seine Opfer leidenschaftslos in sein Album pinnt.« Nur ein paar Seiten später ist Fermor im Heute: ganz subjektiver Reisender, eigene Empfindungen nicht aussparend, sich nicht scheuend, das Ego fremden Riten auszusetzen, einer im Sturm scheiternden Bootsfahrt von Guadeloupe zur Leprainsel La Désirade, wunderbar nutzlosen Tagen auf Martinique, Voodoo-Nächten auf Haiti.
Fermor stellt seinem Buch ein Vorwort zum karibischen Archipel voran, dessen trockener geografischer Ton ein wissenschaftliches Werk erwarten lässt, kein literarisches, und beschließt es mit einer gravitätischen Liste der Danksagungen. Zwischen diesen Nebelbänken liegen die Inseln der schönen Sätze, der Erzählungen, der Träume.
Auf Martinique besucht er die Pagerie, das Anwesen, dem die Kaiserin Joséphine entstammte, und erspürt noch im Verfall die Atmosphäre, die in ihren Kindertagen hier geherrscht haben müsse. »Eine verwunschene Trägheit, eine schwere, schläfrige Melancholie herrscht unter diesen Palmen... Sie klebt an den lianenüberwucherten Steinen, ringelt sich in den Ranken, die der wilde Wein über das Wasser streckt. Sie erweckt die vergangenen Zeiten genauso greifbar zum Leben wie der einzelne Ton, den man an einem schwülen Nachmittag in einem verlassenen Zimmer auf dem Spinett anschlägt.« Dann wieder Beobachtungen und Reflexionen zur kreolischen Sprache, Architektur, Mentalität, zu Tänzen und zur Art der Weißen und Schwarzen so fern der Welten, aus denen ihre Vorfahren als Herren herübergesegelt oder unter Deck auf Sklavenschiffen verschleppt worden waren.
Stilistisch wächst der Tree im Grenzland von ethnologischem und literarischem Erzählen, meist ist es karibisch heiß um ihn her, dann wieder weht es kühl, was reizvoll ist – Fermor bittet seine von all den Exotika fiebrigen Leser von Zeit zu Zeit in eine angenehm schummrige, ventilatorenbestandene Hotelbar, in der die schweren Düfte verwehen und die Gedanken sich ordnen.
Die Originalausgabe verstärkte diese Stimmung noch durch Zeichnungen und Fotos des Reisegefährten Costa. Er hat auch das Frontispiz gezeichnet, den titelgebenden Baum des Reisenden. Der sei, »wie all die Menschenwesen, die heute die Antillen bewohnen, ursprünglich ein Fremder in diesen Regionen«, ein Import aus Madagaskar. Sein Name verdanke sich Beuteln an den Wurzeln seiner Blätter, in denen Regenwasser sich sammele, genug, um durstigen Reisenden jederzeit einen tüchtigen Schluck zu gewähren.
Die Reise hat Fermor verleitet, seinen einzigen Roman zu schreiben, Die Violinen von St. Jacques. Darin verdichtet er die Hitze und die Süße dieser Inseln zu solcher Konzentration, dass am Ende die ganze zauberhafte vorrevolutionäre Welt mit ihrem Hausvulkan in die Luft fliegt.
Die Romanidee geht wohl auf ein reales Ereignis zurück, von dem Fermor berichtet – den Ausbruch der Montagne Pelée auf Martinique und die vollständige Zerstörung der alten Inselhauptstadt Saint-Pierre im Mai 1902 innerhalb von Minuten. Die Bevölkerung hätte sich retten können, doch der Gouverneur hielt sie mit aufmunternden Reden bei Laune, bis in den Tod.
Romantik ist kein deutsches Privileg. Englische Autoren plagt sie auch, nur etwas anders. Wo der englische romantische Impuls in den Raum zielt, wie bei Robert Byron, geht er nach Asien. Zielt er in die Zeit, wie beim älteren Byron, dem Lord, dann strebt er nach Byzanz. Das Griechische zieht auch Fermor mächtig an. Mit 19 Jahren, 1934, ging er zu Fuß von London nach Konstantinopel, wie er die Stadt neuzeitlich unbeeindruckt nennt, und schrieb 35 Jahre später sein Opus magnum darüber: Die Zeit der Gaben. Heute, mit 95, lebt er in seinem byzantinesken Landhaus am Messenischen Meer. Schriftstellern, die sehr alt werden, wächst eine Unberührbarkeit zu, die sie nicht verdient haben. Am wenigsten verdient hat sie dieser. Fermor zeichnet die Bereitschaft aus, sich ein Leben lang in Abenteuer zu werfen, sich von dem, was dann geschieht, berühren zu lassen – aber zu schreiben aus der Stille der Jahre und manchmal Jahrzehnte danach. Diese Methode hat ihn davor bewahrt, unter seinen literarischen Möglichkeiten zu bleiben. Wer das Erzählen dem triefäugigen Moralisieren, wie es im Zeitalter der Massenrührung in Mode gekommen ist, vorzieht, der wird Fermor lieben.
- Datum 26.11.2009 - 16:13 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
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