Illegale Einwanderer Jugend ohne Staat
Sie haben einen Laptop, ein Handy und zwei Schreibtische – und vertreten in ganz Deutschland die Interessen der Einwanderer ohne Aufenthaltsrecht
© Jürgen Scheer

Jugendliche ohne Grenzen während einer Demonstration in Potsdam für Bleibe-und Kinderrechte
Offiziell existiert Khaled Davrisch nicht. Seine Geburt ist in keinem Register der Welt vermerkt, er hat noch nie einen Pass besessen. Und doch organisiert er nun von Berlin-Moabit aus eine bundesweite Gegenkonferenz zum Treffen der Innenminister der Länder. Wenn sie am 2. Dezember in Bremen zusammenkommen, werden auch der 22-jährige Khaled Davrisch und mehr als hundert andere junge Flüchtlinge in der Stadt sein. Denn bei der Innenministerkonferenz wird es um ihre Zukunft gehen, die Politiker werden darüber verhandeln, wer von ihnen in Deutschland bleiben darf. Der Staat ringt seit Jahren um eine dauerhafte Lösung für 100000 Flüchtlinge, die trotz eines abgelehnten Asylantrags aus unterschiedlichen Gründen nicht abgeschoben werden können.
Davrisch leitet die Sektion von »Jugendliche ohne Grenzen« in Berlin-Brandenburg. In dieser Organisation haben sich junge Flüchtlinge zusammengeschlossen, die zwar seit Jahren in Deutschland leben, aber hier nur geduldet sind. Khaled Davrisch kam als 14-Jähriger mit seiner Familie aus Syrien, wo die Kurden als staatenlos gelten. In Deutschland hat die Familie zwar eine Duldung bekommen, die aber ist kein Aufenthaltstitel und läuft alle paar Monate aus. Geduldete Jugendliche dürfen zur Schule gehen, aber sie wissen, dass sie nach dem Abschluss keine Ausbildung und kein Studium beginnen und keine Arbeit annehmen dürfen. Sie werden dazu erzogen, von staatlichem Geld zu leben. »Dabei wollen wir gar nicht die bemitleidenswerten Opfer sein, sondern selbst aktiv werden«, sagt Khaled Davrisch. Vor vier Jahren halfen ihnen deshalb Sozialarbeiter eines Berliner Beratungszentrums bei der Gründung der Organisation. »Es ist ein gutes Gefühl, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen«, sagt Davrisch.
Sein Freund Mohammed Jouni, der vor elf Jahren aus dem umkämpften Südlibanon nach Deutschland kam, koordiniert die Zusammenarbeit der Ländersektionen der Selbsthilfeinitiative. Ihr Büro im Berliner Beratungszentrum für junge Flüchtlinge, in dem sie nun seit vielen Wochen die Gegenkonferenz zum Treffen der Innenminister planen, ist nur ein paar Quadratmeter groß, zwei Sperrholzschreibtische stehen darin und ein alter Computermonitor. Es ist kaum zu glauben, dass die beiden von hier aus Unterkünfte für über hundert Teilnehmer besorgen und eine Gala und sieben Workshops zu rechtspolitischen Themen organisieren. Zum Glück hat Jouni einen Laptop und Davrisch eine Handy-Flatrate. Sieben Tage bleiben ihnen noch, um die Rede für die Protestkundgebung am 2. Dezember zu schreiben, zu der sie 1500 Teilnehmer erwarten.
Erst 2007 hatte die Große Koalition nach langem Streit eine Regelung für geduldete Flüchtlinge beschlossen. Diejenigen von ihnen, die seit acht Jahren (mit Kindern sechs) hier leben, Deutsch sprechen und nicht straffällig geworden sind, erhalten ein »Bleiberecht auf Probe«. Allerdings müssen sie bis Ende 2009 eine Arbeit nachweisen, mit der sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Rund 38000 Illegale bekamen diese Aufenthaltserlaubnis auf Abruf. Zum Jahresende läuft die Frist aus, und es zeichnet sich ab, dass diese Regelung den geduldeten Einwanderern wenig gebracht hat: Nur 7000 Menschen konnten eine Arbeit finden und damit eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis bekommen. Nun müssen die Innenminister über die Zukunft der anderen entscheiden.
Jugendliche ohne Grenzen fordert ein Bleiberecht für alle geduldeten Migranten, weil die meisten von ihnen ohnehin nicht abgeschoben werden können. Rund 60000 von ihnen leben seit mehr als sechs Jahren hier. Aber auf ein generelles Bleiberecht wird sich die Innenministerkonferenz wohl nicht einigen, weil die Vorstellungen von unions- und SPD-regierten Ländern zu weit auseinandergehen. Vermutlich wird man wieder keine langfristige Lösung finden, sondern die Frist für ein Bleiberecht noch einmal verlängern. Jouni und Davrisch haben genug politische Erfahrung, um sich davon nicht entmutigen zu lassen. »Veränderungen brauchen viel Zeit«, sagt Mohammed Jouni, der jetzt wie ein erfahrener Lobbyist klingt.
Ein paar Hundert Meter entfernt vom Fünfziger-Jahre-Bau, in dem sie ihr Büro haben, liegt das Berliner Landgericht mit seiner Jugendstrafkammer. Dort werden diejenigen verurteilt, die das Bild vom Migranten in den Medien bestimmen. Von Berlins Serienstraftätern sind rund 40 Prozent kurdischer oder arabischer Herkunft. Die Gründe dafür sind vielfältig, die Perspektivlosigkeit der Flüchtlinge in Deutschland spielt wohl eine Rolle. Diese Biografien überlagern die positiven Beispiele. Bei den Jugendlichen ohne Grenzen versammeln sich junge Migranten, wie die Wirtschaft sie braucht – und trotzdem macht man ihnen die Integration so schwer wie möglich. Davrisch hat Mittlere Reife und Jouni Abitur, im Januar werden sie ihre Prüfung zum Krankenpfleger machen, was ihnen den Aufenthalt in Deutschland sichert. Sie haben das nur mit viel Hartnäckigkeit und der Unterstützung des Beratungszentrums geschafft. Kurz bevor Davrisch im Krankenhaus beginnen sollte, sah es so aus, als würde alles scheitern, weil sich die Ausländerbehörde zu viel Zeit mit der Aufenthaltserlaubnis ließ. Als Khaled nervös vor der Sachbearbeiterin stand, habe sie zu ihm gesagt: »Sei doch froh, dass du ausschlafen darfst und nicht jeden Tag zur Arbeit musst.« Auf Druck eines Sozialarbeiters bekam er die notwendigen Papiere eine Woche vor Arbeitsbeginn.
Wenn er und Khaled nun nach Bremen fahren, tun sie das auch für Yousef Mousawi, ebenfalls Mitglied von Jugendliche ohne Grenzen. Der 19-Jährige wartet seit Monaten darauf, seine Lehrstelle in einem renommierten Feinkostrestaurant antreten zu dürfen. Aber die Ausländerbehörde hat ihm die notwendigen Papiere nicht ausgestellt. Ein paar Wochen wird ihm das Unternehmen die Lehrstelle noch frei halten. Veränderungen brauchen Zeit, das hat Mohammed Jouni ihm immer wieder gesagt. Aber nicht jeder hat sie.
- Datum 01.12.2009 - 11:05 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
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