Als habe es Dur und Moll nie gegeben, klingt diese Musik. Als wolle sie listig, verschlungen und wild die Methoden verheimlichen, nach denen sie erdacht wurde. Man stellt sich unwillkürlich einen Komponisten vor, der die Abstände zwischen den Tönen berechnet, die Struktur des Materials vermisst und Zeichen notiert, die sich selbst Eingeweihten kaum erschließen. Aber das passt nicht zu der zwanglos anmutenden Person, die einem gegenübersitzt. Schauplatz ist das Café um die Ecke in New York, in der First Avenue, Lower East Side. Henry Threadgill lässt einen in die Nähe kommen – und bleibt doch distanziert. Man ist geneigt zu sagen: Der Künstler hält Hof, wenn er über sein neues Album this brings us to, volume I Sätze sagt wie: »Es vollendet die gesamte Kompositionsarbeit meines Lebens auf dem höchsten Niveau, das mir möglich ist.«

Seit über 30 Jahren wohnt Threadgill schon in New York, er hat in Spanish Harlem, Chinatown und Brooklyn gelebt, doch erst hier fühle er sich wohl, sagt er. Sein Apartment nennt er geräumig, da Frau und Tochter ebenso bibliophil seien wie er, reiche der Platz allerdings nie. Überall türmten sich Bücher, Musik komponiere er auf dem Klavier in seinem Arbeitszimmer. Wenn er mit seinem langjährigen Quintett, das den rätselhaften Namen Zooid trägt, proben will, macht er einen Termin in einem nahe gelegenen Studio.

Henry Threadgill ist der sperrigste Visionär in der aktuellen amerikanischen Musik. Für einen Jazzexperten haben seine Kompositionen etwas Eiferndes. Verortet man ihn dagegen in der Welt der Ernsten Musik, in der Moderne eines Edgar Varèse etwa, vernachlässigt man die Tradition eines Louis Armstrong. Threadgill ist einfach nicht zu fassen, das ist seine Strategie. Seine Kompositionstechnik bezeichnet er paradox als »chromatisch und seriell«. Sein sehr privater Kosmos der musikalischen Strukturen kennt außerdem eine Art »Intervall-Serialismus«, durchaus gedacht »als Weiterentwicklung von Arnold Schönbergs Zwölftonmusik«, erklärt Threadgill nicht eben bescheiden. Solche Tonorganisation erlaube es den einzelnen Ensemblemitgliedern, voneinander unabhängig zu spielen und doch als Team zu wirken: »Wir bewegen uns gemeinsam und gebrauchen originäre Ideen.« Die Intervalltechnik ermögliche es sogar, sich von gängigen Improvisationsmustern zu lösen. Die Grundlagen dafür haben seine jungen Bandmitglieder in den vergangenen sechs Jahren einstudiert.

Mit 65 lässt er sich zu nichts mehr drängen, anders als vor fünfzehn Jahren. Da nahm Threadgill noch für Columbia Records Platten auf, war mit seiner Band Very Very Circus auf vielen internationalen Festivals zu hören. Inzwischen liegt die letzte CD acht Jahre zurück, menschen- und kreativitätsverschleißende Tourneen hatte er ganz eingestellt. Threadgill fand, die kompositorische Herausforderung von Very Very Circus sei ausgeschöpft, die seltsame Instrumentierung jenes Großensembles mit mehreren Geigen, Gitarren und Tuben, das damals zu seinem Erkennungszeichen wurde. »Beim Verhältnis von Komposition und Improvisation geht es nicht um Prozentanteile«, sagt er heute. »Wenn ich die Nähte spüre, wenn ich sehe, wie alles zusammengesetzt ist, fehlt mir das authentische Kunst-Gefühl.« Auf seiner neuen CD will er die Aufmerksamkeit der Hörer nicht durch die Spuren des Produktionsprozesses abgelenkt wissen.