Jazz von Henry Threadgill Zuhause im LabyrinthSeite 2/2

In der afroamerikanischen Musikgeschichte zählt Threadgill bereits zu den großen Erneuerern. Der in Chicago geborene Saxofonist und Flötist schloss sich schon früh dem schwarzen Musikernetzwerk AACM (Association for the Advancement of Creative Musicians) an. Musik ist für Threadgill eine große Idee, ein Zukunftsentwurf, der von den sozialen und politischen Bedingungen der Akteure geprägt ist – Genregrenzen lehnt er entschieden ab. Manchmal gibt er eine Art Gast-Vorlesung im Workshop seines Schülers Steve Coleman, den der, längst selbst ein weltbekannter Saxofonist, regelmäßig in der New Yorker Jazz Gallery veranstaltet. Die 15 bis 20 jungen Musiker, die daran teilnehmen, eint, dass sie zu neuer Musik bereit sind. Sein Fazit: »Das ist nichts für Leute, die engstirnigen Jazz spielen und noch in Akkordfortschreitungen denken.«

Threadgills Einfluss auf die junge New Yorker Improvisationsszene ist derzeit kaum hoch genug einzuschätzen. In diesem Sommer erst hat der Saxofonist Steve Lehman auf der CD Travail, Transformation and Flow mit seiner von Threadgill inspirierten Musik ein wahres Meisterwerk veröffentlicht – ohne freilich an das Vorbild heranzureichen. Das geheimnisvoll flirrende Klangfarbenlabyrinth des Henry Threadgill ist nun einmal das Ergebnis langjähriger Studien, deren Rahmenbedingungen er selbst geschaffen hat. Wie einst Anton Webern, Alban Berg und Arnold Schönberg, sagt er, seien auch ein Ornette Coleman, ein Anthony Braxton und er selbst abhängig von »einer Gruppe von Musikern und Hörern, die die Arbeit verfolgen und unterstützen«. Nur so, mit viel Raum und Unterstützung, kann die künstlerische Idee erblühen. Die Dinge des Lebens sind nun einmal nicht so berechenbar wie die Abstände zwischen den Intervallen.

Henry Threadgill Zooid: this brings us to, volume I
pi recordings/Alive

 
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