Thomas Hengelbrock Im Jammertal
Der Dirigent Thomas Hengelbrock hat Werke von Lotti, Zelenka und Bach aufgenommen. Mit seinen Repertoirefunden bringt er das gängige Bild vom Barock ins Wanken.
Johann Sebastian Bach wusste, warum er im Crucifixus der h-moll-Messe auf den Eingangschor seiner frühen Kantate Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen zurückgriff. Einen so atemberaubenden Einfall wie diese riesenhafte Chaconne, die sich in vier Stimmen über einer chromatisch absteigenden Basslinie in berührendem Lamentocharakter ausbreitet, hatte selbst ein Bach nicht allzu oft. Vom Schock dieses Beginns wird sich die Kantate bis zu den letzten Tönen des obligatorischen Schlusschorals nicht erholen. Tief in seinem Inneren war Bach eben doch auch ein Zweifler. In der schlichten wie magischen Interpretation von Thomas Hengelbrock und seinem Balthasar-Neumann-Ensemble liegt ein fahler Schatten auf dieser Musik. Unerbittlich zieht sie den Hörer hinab ins irdische Jammertal.
Hengelbrock schwärmt von der beispiellosen Expressivität, Traurigkeit und Melancholie, die aus diesem Chor spricht. In keinem Vorgängerwerk von Kuhnau, Rosenmüller oder Buxtehude kann er Vergleichbares entdecken. Das ließe sich ähnlich über das Miserere des Dresdner Bach-Zeitgenossen Jan Dismas Zelenka sagen: ein radikales, komplett aus dem damaligen Formenkanon herausfallendes und nur mühsam im 18. Jahrhundert verortbares Spätwerk mit einem Eingangschor von finsterster Dramatik. Am quer zu aller barocken Konvention stehenden Gloria Patri, einer explosiven Bravour-Arie für Solosopran, hätte, so findet Hengelbrock, auch ein Beethoven seine Freude gehabt.
Solch extremer Ausdruckswille prägt auch das dritte Werk der neuen Hengelbrock-CD, Antonio Lottis Missa a tre cori. Seit Jahren ist der Dirigent von der Musik des Italieners fasziniert und legt jetzt dessen fünftes Werk vor. Wer das beklemmend intensiv musizierte Et in terra pax aus Lottis Messe hört, dem leuchtet Hengelbrocks Kombination unmittelbar ein: Zelenka, Bach und Lotti verband weit mehr als nur die Zeitgenossenschaft und gegenseitige Wertschätzung. Für den klugen Dirigenten zeigt sich in den drei Werken ein musikgeschichtlicher Moment, in dem das gängige Bild vom Barockmenschen, der wohl austariert in seiner Affektwelt lebt und eingebunden war ins göttlich kosmologische Geschehen, tiefe Risse bekommt.
Geistliche Musik von Lotti, Zelenka und Bach
Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble, Ltg. Thomas Hengelbrock
Deutsche harmonia mundi 88697526842
- Datum 23.12.2009 - 16:15 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:











Hengelbrock hat immer wieder eine Intensität, die einen erschaudern lässt.
Vor Jahren im Bremer Dom mit Teilen der hmoll Messe gehört, bewegte er die Gemüter seiner Zuhörer-
Ein Qualitätsdirigent- seit Jahrzehnten.
Eben gelesen, und gestolpert...
Der Dirigent denkt, dass das Bild vom "Barockmenschen in seiner Affektwelt Risse bekommt"... Kurz vorher schwärmt er aber noch von der Expressivität der Werke, in denen der Text genau ausgedeutet ist.
Und ist es nicht das, was die barocke Affektenlehre ausmacht? Auskomponieren des im Text stehenden Affekts?
Für mich wird dieses barocke Bild also eher gestärkt als eingerissen.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren