Klavier-Aufnahmen Ausatmen und Bach spielen
Mit der ganzen Reife der Erfahrung: Maurizio Pollini, András Schiff und Murray Perahia interpretieren Bachs Klavierwerke
© Felix Broede

Murray Perahia: Alles ist in Balance, die Musik wächst aus dem Nichts
Gelegentlich stellt man sich die Großpianisten unserer Tage wie entspannte ältere Herren vor, die – dem weltlichen Getümmel entrückt – in einem Herrgottswinkel aus Versonnenheit und Genügsamkeit residieren. Dort nehmen sie täglich mehrere Stunden lang an ihren großen schwarzen Instrumenten Platz, streicheln die Tasten, als seien es alte Katzen, polieren hier die Phrasierung eines Chopin-Nocturnes und bringen da ein Beethoven-Rondo in Form. In dieser Abgeschiedenheit ordnen sich die Dinge zu schöner Übersichtlichkeit. Und manchmal gelangen sie wieder zu den Stücken der Jugend, blättern in den Noten und beginnen sie zu spielen, bis es tiefe Nacht ist.
So etwa könnte es bei dem 67-jährigen Maurizio Pollini gewesen sein, der jetzt, für viele überraschend, den ersten Band des Wohltemperierten Klaviers von Johann Sebastian Bach aufgenommen hat. Pollini ist in vielen Welten beheimatet und einer der großen Chopin- und Beethoven-Interpreten, er kümmert sich auch um Schönberg, Nono und Boulez. Pollini hat seinen eigenen Kopf – und so kommt es jetzt zu seiner späten Fühlungnahme mit Bach. Unverkennbar ist hier ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen. Bach spielen – das scheint für Pollini zu sein wie nach Hause kommen und ausatmen und sich noch einmal mit den alten Dingen beschäftigen, für die früher so wenig Zeit blieb. Warm und wohlig fließt das Herzblut des Pianisten, es strömt durch weite Adern. Der Blutdruck des Spiels ist ruhig und nicht von Stresshormonen angekurbelt. Pollini ist es offenkundig kaum um eine Lesart zu tun, die Diskussionen hervorruft. Er will nicht überraschen, die Kühnheiten und Exaltationen eines Glenn Gould und seiner Nachahmer sind vorbei. Das erklärt den defensiven Charakter der Einspielung.

Maurizio Pollini: Der Blutdruck ist ruhig, warm fließt das Herzblut
Pollinis Tempi sind gegen jede Aufsässigkeit abgedichtet, es herrscht die Atmosphäre vollständiger Muße, lange war Bach nicht mehr so erbaulich. Mit diesem Bach kann man auch deshalb entspannen, weil sich manche Kompliziertheit der Musik gleichsam von selbst löst. Pollini kann auf seine phänomenale pianistische Substanz zurückgreifen, wenn er die eng gestellten Verläufe der a-moll-Fuge fabelhaft linear auffädelt, wenn er Mittelstimmen in der G-Dur-Fuge wie unerwartete Funde im kontrapunktischen Unterholz entdeckt oder die elegische Einsamkeit des es-moll-Präludiums einfängt. Pollini will keinesfalls stören, gibt sich aber oft mit weniger zufrieden, als die Musik von sich aus anbietet oder fordert. Verlangt die c-moll-Fuge nicht nach einer Entscheidung über ihren insistierenden Gestus? Soll das D-Dur-Präludium wirklich nur bächleinhaft dahinsprudeln? Wird hinter dem Abbild ewigen Gleichlaufs nicht eine spannende Geschichte erzählt, in welcher die Harmonik zu schweifen beginnt? Bei Pollini stecken die Harmonien wie in Vitrinen, unerreichbar für jede Kommunikation. Auch die D-Dur-Fuge mit ihrem herrischen Thema macht es sich schnell bequem im Sessel. Dort ist das ganze Projekt letztlich am besten aufgehoben
Umfangreicher haben sich die Kollegen Murray Perahia (62) und András Schiff (55) öffentlich mit Bach beschäftigt. Ihnen ist er nicht Anlass später Ankunft im Heimathafen, sondern tägliche Praxis. Bach treibt sie um. Bach ist Ernstfall. Kein Ohrensessel. Beide haben bereits die Goldberg-Variationen aufgenommen, jeder ganz individuell, doch beide mit größtem Erfolg. Jetzt legen sie die sechs Bach-Partiten vor. Und wieder könnte ihr Ansatz unterschiedlicher nicht sein. Zunächst freut man sich, dass die Ergebnisse so auseinanderdriften. Gelegentlich meint man ja, diese millionenfach gespielten Stücke hätten bereits alles von sich preisgegeben, seien ausgefragt, gedreht und gewendet. Eigentlich müsste nun eine Phase der Erschöpfung eintreten, bei der sich die pianistischen Kräfte in aller Ruhe konsolidieren. Davon aber kann bei Perahia und Schiff keine Rede sein.
© Suzuki/ECM Records

András Schiff: Er trillert, frivol, verschleift jäh, spielt originell anders
Schiff hat nicht nur die Noten studiert, sondern auch historische Traktate, und Verzierungslehren. Er spielt mit historisch geschärftem Sinn, stickt Arpeggien, trillert frivol, verschleift jäh, baut überrumpelnde Eingänge bei Wiederholungen ein, etwa die lustigen Zwischensprints im Menuett der B-Dur-Partita. Es wirkt, als habe er das alles auf einem Cembalo überprüft und für den Steinway plausibel befunden. Erfinderischer als Schiff kann kaum ein Pianist sein, was die zu Bachs Zeiten nicht nur erwünschten, sondern obligaten Zusätze zum Rohtext anlangt. Auch werden rhythmisch-metrische Muster des Notentextes von dem raffinierten Ungarn hinterfragt und originell umgewertet. So spielt er etliche Achtelnoten in der Courante der c-moll-Partita nicht gerade, sondern triolisch, wodurch zum einen der Eindruck eines skurrilen Hinkens, zum anderen der von Jazzphrasierungen entsteht. So wird das historische Prinzip des »inegalen« Spiels kapriziös auf die Spitze getrieben. Bisweilen gibt Schiff auch den nervösen Motoriker, der Prozesse zuspitzt oder Gleichlauf verhindert, ähnlich jenen Schach-Großmeistern, die Stellungen gern verunklaren, um im Dunkel der Situation das Blitzlicht der Erkenntnis umso aggressiver zu zünden.
Folge dieses Vortragsstils: Man ahnt bei Schiff die Sorge, er könne in den Weiten der Bachschen Polyfonie versinken. Diese Gefahr besteht bei einem so scharfsinnigen Musiker wie ihm eigentlich nicht, trotzdem geraten manche unschuldigen Basslinien in den Verdacht, sie seien allein aus dem Kalkül der Anti-Langeweile so nachdrücklich betont. Was aber den Rang dieser emphatischen Sicht nicht mindern kann.
Im Gegensatz hierzu Perahia. Der hatte im vergangenen Jahr bereits die Partiten Nr. 2, 3 und 4 vorgelegt und lässt nun Nr. 1, 5 und 6 folgen. Perahia entwickelt seinen Bach aus der Meditation, aus der Balance. Aber es ist nicht Hypnose, sondern überraschenderweise eine Verlebendigung. Bei Schiff hatte man zuweilen den Eindruck, als seien die einzelnen Suitensätze vordefiniert – für jeden Satz eine Schiff-Idee, die dann abgearbeitet wird. Bei Perahia hingegen sind die Stücke Organismen, die vor unseren Ohren ihr Leben erst entfalten. Das ist Musik, die aus dem Nichts zu wachsen beginnt. Die Steigerungen, die Perahia etwa in der beschaulichen Allemande der B-Dur-Partita aufbaut, wirken völlig einfach, lakonisch, unschuldig – und trotzdem ungeheuerlich. Als Hörer denkt man: Das muss so sein, warum macht das sonst niemand? Und fragt sich: Wer steuert hier, der Musiker oder die Musik sich selbst? Die Phasen ozeanischer Ruhe in Bachs Sarabanden erfüllt kaum ein Pianist so reif. Hier gelingt das Paradox genialen Klavierspiels: die vollständige Kontrolle in Weltverlorenheit.
Perahia weiß, dass zum reinen Bach-Glück auch die Irritation zählt. Im Menuett der G-Dur-Partita (immer die fünfte von sechsen pro Takt) greift er sich einige der Achtelnoten und verlängert sie über sieben, acht Takte so unmerklich, dass der Hörer, der die Noten vor sich, zu lächeln beginnt: Es entsteht nämlich eine leise Linie, an die der Komponist nie gedacht haben kann. Obwohl: Bei Bach weiß man nie.
Bach: Wohltemperiertes Klavier, Band 1
Maurizio Pollini; DGG 2 CD 4778078/Universal
Bach, Partiten 1-6
András Schiff; ECM 476 6991
Bach Partiten 1, 5 und 6
Murray Perahia; Sony 8869 744361 2
- Datum 30.11.2009 - 16:29 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
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besser als ich es mit Cecilia beim Champagner - lange vorher - einst
in die Wege geleitet und András Schiff später an meiner Stelle auf den Opern Mozarts übernommen hatte.Ich glaube nicht, dass die Oper und Bartoli nach den Opernhaus-Auseinandersetzungen in Zürich etwas für mich gewesen wäre. Weiter bin ich der Ansicht, dass ich Mozart in Ffm.
oder Berlin aber keinesfalls in Zürich spielen werde. É
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