Klavier-Aufnahmen Ausatmen und Bach spielenSeite 2/2

András Schiff: Er trillert, frivol, verschleift jäh, spielt originell anders

András Schiff: Er trillert, frivol, verschleift jäh, spielt originell anders

Schiff hat nicht nur die Noten studiert, sondern auch historische Traktate, und Verzierungslehren. Er spielt mit historisch geschärftem Sinn, stickt Arpeggien, trillert frivol, verschleift jäh, baut überrumpelnde Eingänge bei Wiederholungen ein, etwa die lustigen Zwischensprints im Menuett der B-Dur-Partita. Es wirkt, als habe er das alles auf einem Cembalo überprüft und für den Steinway plausibel befunden. Erfinderischer als Schiff kann kaum ein Pianist sein, was die zu Bachs Zeiten nicht nur erwünschten, sondern obligaten Zusätze zum Rohtext anlangt. Auch werden rhythmisch-metrische Muster des Notentextes von dem raffinierten Ungarn hinterfragt und originell umgewertet. So spielt er etliche Achtelnoten in der Courante der c-moll-Partita nicht gerade, sondern triolisch, wodurch zum einen der Eindruck eines skurrilen Hinkens, zum anderen der von Jazzphrasierungen entsteht. So wird das historische Prinzip des »inegalen« Spiels kapriziös auf die Spitze getrieben. Bisweilen gibt Schiff auch den nervösen Motoriker, der Prozesse zuspitzt oder Gleichlauf verhindert, ähnlich jenen Schach-Großmeistern, die Stellungen gern verunklaren, um im Dunkel der Situation das Blitzlicht der Erkenntnis umso aggressiver zu zünden.

Folge dieses Vortragsstils: Man ahnt bei Schiff die Sorge, er könne in den Weiten der Bachschen Polyfonie versinken. Diese Gefahr besteht bei einem so scharfsinnigen Musiker wie ihm eigentlich nicht, trotzdem geraten manche unschuldigen Basslinien in den Verdacht, sie seien allein aus dem Kalkül der Anti-Langeweile so nachdrücklich betont. Was aber den Rang dieser emphatischen Sicht nicht mindern kann.

Im Gegensatz hierzu Perahia. Der hatte im vergangenen Jahr bereits die Partiten Nr. 2, 3 und 4 vorgelegt und lässt nun Nr. 1, 5 und 6 folgen. Perahia entwickelt seinen Bach aus der Meditation, aus der Balance. Aber es ist nicht Hypnose, sondern überraschenderweise eine Verlebendigung. Bei Schiff hatte man zuweilen den Eindruck, als seien die einzelnen Suitensätze vordefiniert – für jeden Satz eine Schiff-Idee, die dann abgearbeitet wird. Bei Perahia hingegen sind die Stücke Organismen, die vor unseren Ohren ihr Leben erst entfalten. Das ist Musik, die aus dem Nichts zu wachsen beginnt. Die Steigerungen, die Perahia etwa in der beschaulichen Allemande der B-Dur-Partita aufbaut, wirken völlig einfach, lakonisch, unschuldig – und trotzdem ungeheuerlich. Als Hörer denkt man: Das muss so sein, warum macht das sonst niemand? Und fragt sich: Wer steuert hier, der Musiker oder die Musik sich selbst? Die Phasen ozeanischer Ruhe in Bachs Sarabanden erfüllt kaum ein Pianist so reif. Hier gelingt das Paradox genialen Klavierspiels: die vollständige Kontrolle in Weltverlorenheit.

Perahia weiß, dass zum reinen Bach-Glück auch die Irritation zählt. Im Menuett der G-Dur-Partita (immer die fünfte von sechsen pro Takt) greift er sich einige der Achtelnoten und verlängert sie über sieben, acht Takte so unmerklich, dass der Hörer, der die Noten vor sich, zu lächeln beginnt: Es entsteht nämlich eine leise Linie, an die der Komponist nie gedacht haben kann. Obwohl: Bei Bach weiß man nie.

Bach: Wohltemperiertes Klavier, Band 1

Maurizio Pollini; DGG 2 CD 4778078/Universal


Bach, Partiten 1-6
András Schiff; ECM 476 6991


Bach Partiten 1, 5 und 6
Murray Perahia; Sony 8869 744361 2

 
Leser-Kommentare
    • k2
    • 26.12.2009 um 13:48 Uhr

    besser als ich es mit Cecilia beim Champagner - lange vorher - einst
    in die Wege geleitet und András Schiff später an meiner Stelle auf den Opern Mozarts übernommen hatte.Ich glaube nicht, dass die Oper und Bartoli nach den Opernhaus-Auseinandersetzungen in Zürich etwas für mich gewesen wäre. Weiter bin ich der Ansicht, dass ich Mozart in Ffm.
    oder Berlin aber keinesfalls in Zürich spielen werde. É

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  • Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
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  • Schlagworte Johann Sebastian Bach | Sony | Musik | Ungarn | Pianist
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