Seasick Steve Bruder Blues

Er schlief unter Brücken, er sang an Straßenecken: Das Leben des Seasick Steve gleicht einer Irrfahrt durch die Jahrzehnte. Mit über sechzig kam der Erfolg. Die Geschichte eines Spätberufenen, erzählt von ihm selbst und Thomas Groß

Auch auf einem Gitarrenwrack mit drei Restsaiten kann man große Musikk machen

Auch auf einem Gitarrenwrack mit drei Restsaiten kann man große Musikk machen

Die Geschichte, wie er dann doch nicht sesshaft wurde, erzählt Seasick Steve gern zum Schluss. Es war nämlich so, dass die Zeit der Apfelernte gerade zu Ende ging, als er und ein paar seiner Kumpane den Plan fassten, ein leer stehendes Blockhaus am Waldrand in Besitz zu nehmen. Schön war es nicht, das Haus, weiß Gott nicht, man sollte besser von einer Hütte sprechen, einer Hundehütte mit zerbrochenen Fenstern, aber besser als gar kein Dach überm Kopf. Sogar ein Bollerofen wurde organisiert, gegen die einsetzende Kälte. Da saßen sie also abends vor ihrer Unterkunft und löffelten Weizenbrei mit Waldbeeren in Erdnussbutter, was für ein paar Wochen in Ordnung sein kann, wenn man anspruchslos ist und darüber hinaus eine Menge Zeit zum Totschlagen übrig hat – bis einer auf die verhängnisvolle Idee kam, den Ofen anzuheizen. Man muss nämlich wissen, dass so ein Ofen einen Kamin braucht, um ordentlich zu funktionieren, nur so zieht der Rauch nach draußen. Jeder weiß das, der es im Winter gern warm hat, nur Steve und seine Kumpane hatten in dem Punkt Defizite. Ein Wunder ist es jedenfalls nicht, dass die ganze Sache ihnen um die Ohren flog: »Uns fehlten einfach die Kenntnisse, um drinnen Feuer zu machen.«

Erbauliche Geschichten sind es wahrlich keine, die der Mann, der sich Seasick Steve nennt, auf seinen Konzerten zu erzählen pflegt. Sie handeln vom Mangel an Bildung, an Know-how, von der Unfähigkeit, ein Leben zu führen, wie es Gott und den lieben Nachbarn gefällt. 59 Mal ist Steve allein in den letzten 30 Jahren umgezogen, von den USA nach England, von dort nach Norwegen und wieder zurück, doch richtig zu Hause fühlt er sich noch immer nirgendwo. So wie er seine Geschichten erzählt, beiläufig, mit weit in die Backe geschobener Zunge, handeln sie aber auch vom Gegenteil: dem Stolz, der Freiheit, den tausend Gründen, warum ein Mensch auf die Idee kommen kann, ein Leben in geregelten Bahnen dem Dasein auf der Straße vorzuziehen, und dem einen Grund mehr, es dann doch nicht zu tun.

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Es sind Bluesgeschichten, mit denen er sein Publikum bei Laune hält: Storys, die von so weit hergeweht kommen, dass sie keinem mehr gehören zu scheinen, und eben deshalb seltsam vertraut klingen. Jedes Mal, wenn er die Bühne betritt mit einer seiner schraddeligen, halb kaputten Gitarren, auf denen er den Rhythmus mehr schrubbt als zupft, oft nur begleitet vom Sound seiner eigenen Füße, die auf einer Holzkiste herumstampfen, der Mississippi Bluesbox, ist die Illusion perfekt: Man meint, einen dieser redseligen Alten zu erleben, wie sie von historischen Plattenhüllen her bekannt sind. Und jedes Mal wird Seasick Steve seinem Ruf gerecht, indem er dieselben Geschichten noch etwas mäandernder, noch eine Spur ausgeschmückter unters Volk bringt. Er selbst nennt es: 100 Prozent geben.

Das muss es sein, was die 65000, die ihn letztes Jahr beim Glastonbury-Festival gesehen haben, an ihm mögen – und sie sind nicht die Einzigen. Seit er in Jools Hollands Hootenanny auftrat, einer britischen TV-Institution, wo er vor Zelebritäten wie Paul Weller, Lilly Allen und Amy Winehouse den Dog House Boogie spielte, ist Seasick Steve ein gefragter Mann. Wohin er auch kommt in seinem silbergrauen Tourbus, immer hinterlässt er ein begeistertes Publikum, denn immer gibt er 100 Prozent. Neulich hat er sogar ein Konzert in der Royal Albert Hall gespielt, stilgerecht im Flanellhemd, versteht sich. Sein Erfolgsgeheimnis: Andere Musiker arbeiten unermüdlich an ihrem Image, Seasick Steve hingegen ist einfach Seasick Steve, ein Mann mit bewegter Biografie.

Was diese Seite der Geschichte anbelangt, so beginnt sie im Kalifornien der vierziger Jahre, wo Steven Wold, wie Seasick Steve mit bürgerlichem Namen heißt, seine Kindheit verbrachte. »Abgesehen davon, dass mein Daddy in Bars Piano spielte, waren wir eine ganz normale Familie«, sagt er in dem breiten Südstaatenakzent, den er sich auf seinen Reisen zugelegt hat. Doch die Eltern trennten sich, als er vier war, und als seine Mutter mit einem neuen Mann nach Hause kam, nahmen die Dinge eine ungute Wendung: Sein Stiefvater schlug ihn. Er schlug ihn mit acht, er schlug ihn mit zehn, und er schlug ihn mit zwölf. Mit vierzehn Jahren hatte Steve eine Eingebung: Du musst diesen Mann töten! Gerade noch rechtzeitig besann er sich darauf, was in den Vereinigten Staaten auf Mord steht.

So entschied er sich für die Straße. Steven Wold hat all das erlebt, was wir Daheimgebliebenen nur aus Erzählungen kennen: Ritte auf dem Güterzug, Nächte unter Brücken, seltsame Szenen in verlassenen Häusern, verbunden mit regelmäßigen Inhaftierungen wegen Landstreicherei – »die ganze verdammte Hobo-Romantik, die in Wahrheit so romantisch gar nicht ist«. Im Sommer verdingte er sich als Erntehelfer, im Winter suchte er irgendwo Unterschlupf, um im Frühjahr weiterzuziehen. Dass er nebenher Gitarre spielen lernte, trug immerhin zur Aufbesserung der Reisekasse bei. Irgendwann begann Steven Wold, die vielen Gedanken, die wie ein Fluss durch seinen Kopf strömten, in eigene Lieder zu fassen. Und so erlebten zumindest Passanten die Geburtsstunde von Seasick Steve, dem begnadeten Geschichtenerzähler.

Er spielte im Norden, er spielte im Süden – bis das ewige Unterwegssein ihn in den frühen Siebzigern so mürbe gemacht hatte, dass er zumindest zeitweilig einen festen Wohnsitz nahm. Das zweite Leben des Steven Wold begann, ein Leben als Familienvater und Besitzer eines kleinen Aufnahmestudios, das er in Olympia betrieb, der Universitätsstadt im amerikanischen Nordwesten. Freunde der Independent-Musik kennen Seasick Steve – der Name geht übrigens auf eine Dampferfahrt mit magenunfreundlichem Ende zurück – aus dem Kleingedruckten: Auf den frühen Alben heutiger Szenelieblinge wie Modest Mouse ist er als Produzent verzeichnet. Ein paarmal, es muss gegen Ende des Jahrzehnts gewesen sein, lief ihm sogar ein gewisser Kurt Cobain über den Weg. Man kannte und grüßte sich; um selbst als Musiker Erfolg zu haben, bedurfte es allerdings eines Winks.

Es war nämlich so, dass der seekranke Steve gerade zu Besuch auf der Farm eines Freundes drunten in Mississippi weilte, als er in der Ecke etwas Rotes sah: eine billige japanische Gitarre. Bis heute weiß er nicht, warum er dem Freund, einem Sammler aller möglichen Gegenstände, das Ding für 75 Dollar abkaufte, es hatte nur drei Seiten statt sechs und war auch sonst in einem bemitleidenswerten Zustand. »Ich fragte mich, was meine Frau wohl sagen würde, wenn ich damit ankam: ›Schleppt der Kerl mir schon wieder so ein verdammtes Stück Schrott ins Haus‹ vielleicht.« Als sie ihn aber nachts in der Küche spielen hörte, sagte sie etwas ganz anderes. Sie sagte – und an der Stelle senkt Steve seine Stimme zu einem Flüstern –: »Diese Gitarre wird dich berühmt machen.«

Wenn er heute daran denkt, was in den fünf Jahren seither geschah, wird ihm noch immer ein wenig schwindelig. Dog House Music, sein erstes, in der Küche aufgenommenes Album, ist nicht nur der Beweis dafür, dass man noch in seinen Sechzigern – wie alt Seasick Steve genau ist, verrät er aufgrund eines Hobo-Aberglaubens nicht – ein energiegeladenes, gelungenes Debüt hinlegen kann, es ist auch absolut unabhängig entstanden. »Wenn morgen alles vorbei wäre, würde ich erhobenen Hauptes aus der Tür gehen«, sagt er. Warum es so kam, wie es gekommen ist, dafür allerdings hat er keine Erklärung. Gewiss, es gibt Tendenzen: das Internet mit seiner Empfehlungskultur, die wiederkehrende Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, der Boom, den das Live-Geschäft gerade erlebt, doch das sagt für einen wie ihn nicht viel. »Wahrscheinlich hat es einfach so sein sollen.«

Sicher ist, dass man sich diesen Mann des Blues heute als glücklichen Menschen vorstellen muss. Zwei weitere Alben sind entstanden, I Started Out With Nothing And I Still Got Most Of It Left und das soeben erschienene Man From Another Time. In My Home, einer Liebeserklärung an seine norwegische Frau, findet er diesmal ungewohnt zarte Töne: »My home is where your blue eyes are, and my town is where your brown hair falls«. Und Happy (To Have A Job) lässt sich gar als Dankeshymne an das Publikum verstehen. Es stimmt ja: Ohne die Gunst des zahlenden Publikums kommt selbst ein 100-Prozent-Mann nicht über die Runden. Umso glücklicher kann er sich schätzen, einer Arbeit nachzugehen, die ihm sichtlich Spaß macht. Steve ist nicht mehr jung, er braucht das Geld. Doch als Ein-Mann-Blues-Explosion gibt er viel an das Auditorium zurück.

Was wird er tun, wenn die Kräfte eines Tages nicht mehr reichen zum Touren? »Traktor fahren«, lautet die prompte Antwort. Eineinhalb Autostunden von Oslo, wo er derzeit wohnt, hat er noch so ein Gefährt herumstehen, einen alten John Deere, den er hingebungsvoll pflegt, aber besser wäre es natürlich, einen Acker damit zu bearbeiten: »Hin und her, und her und hin, ich mag es, wenn umgegraben wird. Es riecht gut und hat was Meditatives.« Man muss nämlich wissen, dass Seasick Steve in seiner Zeit der Suche auch mit den Geistern der Erde Kontakt aufgenommen hat. Aber das ist noch mal eine andere Geschichte.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Wow

    Interessanter Kerl!

    Aber noch mehr überwältigt mich, dass in unserer Zeit einer wie Seasick Steve solch eine Chance bekommt.
    Authenzität ist ja meist nicht mehr viel wert.

  2. “Musikjournalismus ist nichts.
    Empfehlen!
    ;)“

    Naja.

    Wenn ich´s mir recht überlege,
    dann ist Musikjournalismus
    vielleicht doch nicht so nichts,
    wie es
    aus dem ersten Impuls heraus
    scheint.

    Ohne ihn wüßte ich nichts von Seasick Steve,
    http://www.zeit.de/2009/4...

    VDELLI wäre mit verborgen geblieben
    und ich würde nicht zu Rob Tognoni gemoscht haben,
    oder zu Gwyn Ashton.
    Und über manches Virtuose hätte ich nicht staunen dürfen.

    Wer weiß, was diese
    “Musik-Sachverständigen“
    noch so alles
    beschreiben,
    was mein Gemüt
    berührt.

    Musikjournalismus
    ist okay.
    Vielleicht sogar wichtig.

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