Seasick Steve Bruder BluesSeite 2/2
Es war nämlich so, dass der seekranke Steve gerade zu Besuch auf der Farm eines Freundes drunten in Mississippi weilte, als er in der Ecke etwas Rotes sah: eine billige japanische Gitarre. Bis heute weiß er nicht, warum er dem Freund, einem Sammler aller möglichen Gegenstände, das Ding für 75 Dollar abkaufte, es hatte nur drei Seiten statt sechs und war auch sonst in einem bemitleidenswerten Zustand. »Ich fragte mich, was meine Frau wohl sagen würde, wenn ich damit ankam: ›Schleppt der Kerl mir schon wieder so ein verdammtes Stück Schrott ins Haus‹ vielleicht.« Als sie ihn aber nachts in der Küche spielen hörte, sagte sie etwas ganz anderes. Sie sagte – und an der Stelle senkt Steve seine Stimme zu einem Flüstern –: »Diese Gitarre wird dich berühmt machen.«
Wenn er heute daran denkt, was in den fünf Jahren seither geschah, wird ihm noch immer ein wenig schwindelig. Dog House Music, sein erstes, in der Küche aufgenommenes Album, ist nicht nur der Beweis dafür, dass man noch in seinen Sechzigern – wie alt Seasick Steve genau ist, verrät er aufgrund eines Hobo-Aberglaubens nicht – ein energiegeladenes, gelungenes Debüt hinlegen kann, es ist auch absolut unabhängig entstanden. »Wenn morgen alles vorbei wäre, würde ich erhobenen Hauptes aus der Tür gehen«, sagt er. Warum es so kam, wie es gekommen ist, dafür allerdings hat er keine Erklärung. Gewiss, es gibt Tendenzen: das Internet mit seiner Empfehlungskultur, die wiederkehrende Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, der Boom, den das Live-Geschäft gerade erlebt, doch das sagt für einen wie ihn nicht viel. »Wahrscheinlich hat es einfach so sein sollen.«
Sicher ist, dass man sich diesen Mann des Blues heute als glücklichen Menschen vorstellen muss. Zwei weitere Alben sind entstanden, I Started Out With Nothing And I Still Got Most Of It Left und das soeben erschienene Man From Another Time. In My Home, einer Liebeserklärung an seine norwegische Frau, findet er diesmal ungewohnt zarte Töne: »My home is where your blue eyes are, and my town is where your brown hair falls«. Und Happy (To Have A Job) lässt sich gar als Dankeshymne an das Publikum verstehen. Es stimmt ja: Ohne die Gunst des zahlenden Publikums kommt selbst ein 100-Prozent-Mann nicht über die Runden. Umso glücklicher kann er sich schätzen, einer Arbeit nachzugehen, die ihm sichtlich Spaß macht. Steve ist nicht mehr jung, er braucht das Geld. Doch als Ein-Mann-Blues-Explosion gibt er viel an das Auditorium zurück.
Was wird er tun, wenn die Kräfte eines Tages nicht mehr reichen zum Touren? »Traktor fahren«, lautet die prompte Antwort. Eineinhalb Autostunden von Oslo, wo er derzeit wohnt, hat er noch so ein Gefährt herumstehen, einen alten John Deere, den er hingebungsvoll pflegt, aber besser wäre es natürlich, einen Acker damit zu bearbeiten: »Hin und her, und her und hin, ich mag es, wenn umgegraben wird. Es riecht gut und hat was Meditatives.« Man muss nämlich wissen, dass Seasick Steve in seiner Zeit der Suche auch mit den Geistern der Erde Kontakt aufgenommen hat. Aber das ist noch mal eine andere Geschichte.
- Datum 08.12.2009 - 07:51 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
- Kommentare 2
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Interessanter Kerl!
Aber noch mehr überwältigt mich, dass in unserer Zeit einer wie Seasick Steve solch eine Chance bekommt.
Authenzität ist ja meist nicht mehr viel wert.
“Musikjournalismus ist nichts.
Empfehlen!
;)“
Naja.
Wenn ich´s mir recht überlege,
dann ist Musikjournalismus
vielleicht doch nicht so nichts,
wie es
aus dem ersten Impuls heraus
scheint.
Ohne ihn wüßte ich nichts von Seasick Steve,
http://www.zeit.de/2009/4...
VDELLI wäre mit verborgen geblieben
und ich würde nicht zu Rob Tognoni gemoscht haben,
oder zu Gwyn Ashton.
Und über manches Virtuose hätte ich nicht staunen dürfen.
Wer weiß, was diese
“Musik-Sachverständigen“
noch so alles
beschreiben,
was mein Gemüt
berührt.
Musikjournalismus
ist okay.
Vielleicht sogar wichtig.
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