Der Fall Alois Mannichl
Von den Kollegen verlassen
Ein Jahr nach dem Attentat auf den Polizisten Alois Mannichl steht nur eines fest: Das Opfer war nicht der Täter. Chronik eines Ermittlungsversagens
Wer nach dem Fall Alois Mannichl fragt, dem antwortet der bayerische Innenminister neuerdings ziemlich lapidar. »Natürlich hätten wir uns gewünscht, den Täter zu fassen«, sagt Joachim Herrmann (CSU). Die Ermittlungen könnten »insofern nicht befriedigen«. Die Polizei arbeite aber »sehr gewissenhaft«. Und dass am Opfer, das die Tat nur knapp überlebt hatte, der Makel hafte, in die Tat verstrickt zu sein – damit will sein oberster Dienstherr dieser Tage nichts zu tun haben: »Der bayerische Innenminister ist sicher nicht dafür verantwortlich zu machen, dass die Presse eigene Spekulationen über den Tathergang anstellt.«
Der rätselhafte Angriff auf den Passauer Polizeidirektor – ein ungelöster Fall wie viele andere? Wie anders war das Bild vor einem Jahr. Am 13.Dezember 2008, als Alois Mannichl direkt vor seiner Haustür niedergestochen worden war, war das Entsetzen groß. »Du linkes Bullenschwein, du trampelst nicht mehr auf den Gräbern unserer Kameraden herum«, hatte der Täter laut Mannichls Aussage gebrüllt, bevor er seinem Opfer das Messer in den Bauch rammte. Die Quittung dafür, dass der Polizist zuvor so konsequent gegen die rechtsextreme Szene vorgegangen war? Die Tat eines Neonazis? Dass ein »solcher Mordversuch eine neue Qualität« darstelle, sah bei Weitem nicht nur die Bundesregierung so.
Die Landesregierung schob ein neues NPD-Verbotsverfahren an. Minister und Ministerpräsident pilgerten ans Krankenbett und versprachen, es werde alles Erforderliche getan, um den Täter zu fassen. Die Tat sei »ein Angriff auf unseren Rechtsstaat«, sagte Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). Von einer »völlig neuen Eskalation der Gewalt« sprach Innenminister Herrmann. Er lobte Mannichl als »großartiges Vorbild für alle Polizeibeamten«, sah in ihm ein »überragendes Symbol des antirechten Kampfes des Staates«.
Und heute? Absetzbewegungen, wohin man schaut. Der Innenminister spielt den Fall herunter, der Ministerpräsident hat sich schon lange nicht mehr geäußert, die Fahnder machen sich gegenseitig Vorwürfe. Das Ergebnis ihrer Ermittlungen ist verheerend: Vom Täter fehlt zwölf Monate nach der Tat jede Spur, und die Untersuchung erweist sich als Addition von Fehlern.
Gleich zweimal hatten die Ermittler geglaubt, sie würden den Fall ganz schnell lösen. Zweimal gingen Polizei und Staatsanwaltschaft davon aus, es dauere allenfalls Tage, vielleicht nur Stunden, bis sie sagen könnten, wer Mannichl so schwer verletzt hatte. Zweimal lagen sie falsch.
Eine »Zeugin« hatte ihre Beobachtungen frei erfunden
Zunächst glaubten sie, rasch einen Neonazi fassen zu können – so eindeutig schien der Fall zu sein. Vor allem deshalb wurde nach kurzer Diskussion die Idee verworfen, jemand anderen als die Passauer Staatsanwaltschaft und die Mannichl untergebene Kripo Passau mit den Ermittlungen zu betrauen; zu gern wollten die Passauer den Täter, der ihren Chef attackiert hatte, selbst festnehmen. In der Eile wurde jedoch eine kriminalistische Routinemaßnahme vergessen: Kein Ermittler sicherte beim Opfer DNA-Material unter den Fingernägeln, bevor Mannichl für die Notoperation vorbereitet wurde. Der Leiter der Ermittlungen, Oberstaatsanwalt Helmut Walch, räumt ein: »Das ist nicht gemacht worden.« Ein möglicherweise entscheidender Fehler: Mannichl hatte den ersten Polizisten, die am Tatort eintrafen, noch gesagt, er habe mit dem Täter gerangelt – DNA-Material unter seinen Nägeln hätte eine entscheidende Spur sein können.
Zudem fahndete die Polizei offensichtlich zunächst nur in Bayern – obwohl der Tatort Fürstenzell keine 15 Autominuten von der österreichischen Grenze entfernt liegt und Mannichl davon gesprochen hatte, dass der Täter seine »Grüße vom nationalen Widerstand« in »bayerischem Dialekt mit österreichischer Einfärbung« formuliert hatte. Die dringende Bitte, eine Sofortfahndung einzuleiten, so heißt es von Ermittlern, erreichte die österreichische Polizei aber erst spätabends, gut zwei Stunden nach der Tat – und damit viel zu spät. Konfrontiert mit dieser Panne, sagte Walch, das »könnte richtig sein«.
Drei Wochen nach der Tat wurden dann doch das bayerische Landeskriminalamt (LKA) und die Münchner Mordkommission in den Fall eingeschaltet. »Nicht so besonders glücklich« sei man mit dem Passauer Ermittlungsleiter gewesen, heißt es nun aus München. Dabei leitet Walch offiziell nach wie vor das Verfahren. Das interne Nachtreten mag auch damit zu tun haben, dass Walch zwei Tage nach der Tat die peinliche Legende vom »Lebkuchen-Messer« in die Welt gesetzt hatte – ein fataler Übermittlungsfehler. Laut Walch hatte die Tatwaffe vor dem Haus gelegen, weil es in Mannichls Nachbarschaft Brauch sei, sich damit ein Stück von den Lebkuchen abzuschneiden, die angeblich an den Haustüren hingen – ein Brauch, den es so aber gar nicht gab. In rechtsradikalen Internetforen wurde Mannichl danach als »Lebkuchenheini« verhöhnt.
Zur Peinlichkeit geriet auch die Spur zu einem Münchner Neonazi-Pärchen in der Woche nach der Tat. Eine Zeugin hatte das Pärchen etwa zur Tatzeit in Tatortnähe gesehen. Doch anstatt die Spur mithilfe von verdeckten Maßnahmen wie etwa Telefonüberwachung zu erhärten, entschieden die Ermittler sich für eine Festnahme. 36 Stunden später kamen die Neonazis wieder frei. Die zunächst »sehr überzeugende Zeugin«, das stellte sich heraus, hatte ihre Beobachtungen schlicht frei erfunden.
Anfang Januar, als die Ermittler aus München den Fall übernahmen, glaubten auch sie, kurz vor der Lösung des Rätsels zu stehen. Weil Ungereimtheiten offenbar geworden waren, fiel der Verdacht nun auf Mannichls Umfeld, die Attacke erschien mit einem Mal als Beziehungstat. Verärgert über die Pannen der Anfangsphase suchten die Fahnder nach einem denkbaren Motiv. Akribisch vernahmen sie jeden Angestellten des Pflegedienstes von Mannichls Frau, befragten Krankenschwestern, ob Mannichl im Schlaf gesprochen habe, und gingen auch noch so vagen Gerüchten nach, es gebe irgendwo eine enttäuschte Geliebte des Polizeidirektors. Da auch die Medien über die vermeintliche Wendung berichteten, stand Mannichl, der Aufrechte, plötzlich da als ein Mann, der mit seinen Aussagen eine falsche Fährte gelegt hatte. Ein ungeheurer Verdacht. Ein falscher Verdacht, in diesem Punkt sind sich die Ermittler mittlerweile sicher. »Keinerlei Fakten deuten heute in diese Richtung«, sagt Staatsanwalt Walch. Doch statt den Kollegen zu rehabilitieren, versteckten die Beamten dieses Ergebnis in einer dürren Pressemitteilung. Kein Wunder, räumten sie damit doch noch einen Fehler ein.
Das Fazit der aufwendigen Ermittlungen ist vernichtend. Offiziell gibt es heute »keine Anhaltspunkte«, wer der Täter ist. Ein paar Spuren müssen noch abgearbeitet werden, dann dürfte der Fall Mannichl zu den Akten gelegt werden. »Für die bayerische Polizei ist das alles andere als ein Aushängeschild«, räumt ein hoher LKA-Beamter ein. Das ist eine dramatische Untertreibung. Das Scheitern im Fall Mannichl ist in Wahrheit ein Desaster. Ein Desaster, das Fragen aufwirft: Können Polizisten trotz massiver öffentlicher Aufmerksamkeit überhaupt noch Ergebnisse produzieren? Oder ruiniert geballter politischer und medialer Druck fast notwendig ihre Arbeit?
Zurück bleibt Alois Mannichl, den es angesichts der Pannen schier zerreißt zwischen der Loyalität »seiner« Polizei gegenüber und kaum verhüllter Wut über die Ermittlungspannen, die ihn zum zweiten Mal zum Opfer werden ließen. Sicher, er ist befördert worden, er hat als Leitender Kriminaldirektor einen goldenen Stern mehr auf der Schulter und ist ranghöchster Kriminalpolizist Niederbayerns im neu geschaffenen Polizeipräsidium in Straubing. Doch die Folgen der Tat, sagen Menschen, die ihm nahestehen, seien für den Polizisten Alois Mannichl noch schwerer zu ertragen als die Tat selbst.
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- Datum 1.12.2009 - 10:31 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
- Kommentare 7
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Zeile aus den Eingangsbemerkungen:
"Ein Jahr nach dem Attentat auf den Polizisten Alois Mannichl steht nur eines fest: Das Opfer war nicht der Täter."
Diese Entlastung geht aus dem Text überhaupt nicht hervor.
"Das Ergebnis ihrer Ermittlungen ist verheerend: Vom Täter fehlt zwölf Monate nach der Tat jede Spur, und die Untersuchung erweist sich als Addition von Fehlern."
Wollte man überhaupt den Täter fassen?
"Das interne Nachtreten mag auch damit zu tun haben, dass Walch zwei Tage nach der Tat die peinliche Legende vom »Lebkuchen-Messer« in die Welt gesetzt hatte – ein fataler Übermittlungsfehler. Laut Walch hatte die Tatwaffe vor dem Haus gelegen, weil es in Mannichls Nachbarschaft Brauch sei, sich damit ein Stück von den Lebkuchen abzuschneiden, die angeblich an den Haustüren hingen – ein Brauch, den es so aber gar nicht gab."
Das riecht nach Vertuschung.
"Zur Peinlichkeit geriet auch die Spur zu einem Münchner Neonazi-Pärchen in der Woche nach der Tat ... 36 Stunden später kamen die Neonazis wieder frei. Die zunächst »sehr überzeugende Zeugin«, das stellte sich heraus, hatte ihre Beobachtungen schlicht frei erfunden."
"Weil Ungereimtheiten offenbar geworden waren, fiel der Verdacht nun auf Mannichls Umfeld, die Attacke erschien mit einem Mal als Beziehungstat... Ein ungeheurer Verdacht. Ein falscher Verdacht, in diesem Punkt sind sich die Ermittler mittlerweile sicher."
Also immer noch kein Täter. Ich sehe die Behauptungen Mannichls in keiner Weise belegt.
Mannichls Schilderung des Tathergangs hatte doch der Mann eine Tätowierung in Form einer grünen Schlange, die vom Seitenscheitel übers Ohr bis in den Hals hinein reichte.
Eine solche Tätowierung ist sehr auffällig, aber nirgendwo ist dieser Mann in der rechten Szene bekannt noch irgendwann von jemanden gesichtet worden.
Das läßt nur zwei Schlußfolgerungen zu über die Wahrnehmung von Mannichl: entweder
a.) Hallunzination (durchaus denkbar infolge eines Schcoks) oder
b.) eigene Legendenbildung
Unterstellt man eine Selbstinszenierung des Tathergangs durch Mannichl, stellt sich die Frage nach einem Motiv. Wieso sollte sich Mannichl selbst ritzen oder lassen ?
Mannichl war ein äußerst engagierter Kämpfer gegen Rechts. Mich erinnert er auf eine fatale Weise an einen Feuerwehrkommandnaten, der - um ernstgenommen zu werden - selber Brände legt. Wenn dann die Welt sieht, wie fatal recht der Mann hatte, ist er ob seines Übereifers voll gerechtfertigt.
Könnte so bei Mannichl gewesen sein. Ist aber nur eine interessante aber diskussionsfähige und widerlegbare Arbeitshypothese.
Von den Kollegen verlassen.
Der Spiegel einer völlig ausgelaugten Gesellschaft.
Diese Tattoos wurden nicht von Mannichl, sondern von der angegebenen Zeugin beobachtet. Wir wollen dann mal bei den Tatsachen bleiben!
sagen Menschen, die ihm nahestehen, seien für den Polizisten Alois Mannichl noch schwerer zu ertragen als die Tat selbst. So angeschlagen kann doch nicht jemand ranghöchster Kriminalpolizist Niederbayerns sein. Das ist schon der nächste Fehler, der weitere initiiert.
»Du linkes Bullenschwein, du trampelst nicht mehr auf den Gräbern unserer Kameraden herum«, hatte der Täter laut Mannichls Aussage gebrüllt
Man wundert sich schon, wie das Opfer des braunen Terrors ins Zweilicht der Unglaubwürdigkeit gesetzt wird. Jedenfalls kann ich das "laut Mannichl" nur als eine Distanzierung der ZEIT verstehen.
Wenn die bayrische Kripo schon bei einem aus den eigenen Reihen so unprofessionell um nicht zu sagen dilettantisch ermittelt, daß es einem schlecht werden könnte, will ich gar nicht erst wissen, welche Patzer bei Ermittlungen mit einem zivilen "Opfer" so auftreten könnten.
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