In Deutschland berichteten Zeitungen und Fernsehen damals ausführlich über die Schweinegrippe. Viele Menschen hatten andere Sorgen. Die Mehrheit war gar nicht krank. Aber alle standen jeden Tag im Stau. Nicht nur die Autofahrer, auch die Benutzer von Bussen und Straßenbahnen. Man sollte Autos kaufen, der Staat wollte das, der Staat gab sogar eine Prämie. Man sollte sie kaufen, aber es wurde immer schwieriger, sie zu benutzen.

Der Stau war teilweise eine Folge der Wirtschaftskrise. Der Staat hatte ein gewaltiges Investitionsprogramm aufgelegt, von dem vor allem die Straßenbaubranche profitierte. Die Straßenbaubranche wurde offenbar nach Stunden bezahlt. An den meisten Baustellen ging es sehr gemächlich voran.

Sicher, der Stau war nichts Existenzielles. Er war nur ärgerlich. Er vernichtete Lebenszeit und gute Laune und belastete das Klima. Er kostete die Volkswirtschaft, deren Puls sich durch die Staus spürbar verlangsamte, so viele Stunden, dass er die positiven Effekte des Konjunkturprogramms wahrscheinlich wieder auffraß – ein Nullsummenspiel. Ein Missstand.

In dieser Zeit entstand die "Bewegung Hans-Christoph Seebohm", benannt nach dem legendären ersten Verkehrsminister der Bundesrepublik. Es handelte sich, in der Sprache der Soziologen, um die erste rein bürgerliche Stadtguerilla. Die Angehörigen waren meist berufstätige Männer mittleren Alters, die Mittelklasseautos fuhren, unauffällig, Krawatte, scheinbar angepasst. Seebohm war ein CDU-Politiker, der von 1949 bis 1966 ununterbrochen amtierte, länger als Genscher, und in dieser Zeit ein nahezu lückenloses Autobahnnetz bauen ließ.

Die meisten Straßen, die durch Baustellen unpassierbar geworden waren, waren in Wirklichkeit noch in gutem Zustand, sie waren lediglich durch gestreifte Baken abgesperrt oder verengt, monatelang. War die Absperrung erst einmal erfolgt, passierte nichts mehr, Arbeiter sah man so gut wie nie. Die Guerilla kam nachts, sie räumte alle Absperrungen beiseite. Am nächsten Morgen floss der Berufsverkehr zum ersten Mal seit Langem wieder unbehindert. Ein anderes Anschlagsziel waren sinnlose Ampeln, wie sie dank üppig fließender EU-Gelder in Deutschland zu Tausenden herumstanden, oder Ampeln mit vernunftwidrig langer Rotphase. Die Ampelmasten wurden durchgesägt, oder die Aktivisten zerschossen mit Steinschleudern das Rotlicht.

Oft dauerte es Tage, bis die Anschläge bemerkt wurden. Der Staat reagierte, indem er die Absperrungen festkettete, die Guerilla antwortete mit dem Einsatz von Bolzenschneidern. Wachpersonal wurde eingestellt. Die Guerilla hatte in den Reihen der Wachdienste zahlreiche Sympathisanten, sodass auch diese Maßnahme ins Leere lief. Der Verkehrsminister sprach von "Kriminellen". In der Bevölkerung aber überwog das Sympathisantentum.