Mumbai-AnschlägeDer weiche Sieg

Vor einem Jahr attackierten Terroristen Mumbai. Anders als Amerika hat Indien nicht zurückgeschlagen. Die Stadt und ihre Bürger behaupten sich durch Zähigkeit von 

Taj-Mahal-Hotel

Das Taj-Mahal-Hotel, 2008 von Terroristen attackiert, strahlt wieder  |  © Indranil Mukherjee/ AFP/ Getty Images

Der Fischer Harishchandra Tandel steht an der Landestelle seiner Bucht, vor ihm das Meer, hinter ihm Nariman Point, das glitzernde Finanzzentrum Indiens an der Spitze der Halbinsel Mumbais. Es ist vier Uhr morgens und stockdunkel. Das Licht der Bankenzentralen dringt nicht bis in die Bucht. »Hier sind die Terroristen…« – Tandel kommt nicht weiter. »Aufpassen!«, ruft er. Die Bucht dient den Fischern auch als Abort. Sie haben in ihren Slumhütten am Strand vor den Hochhäusern des Finanzzentrums keine Toiletten. Wenn sie frühmorgens zu ihren Booten gehen, müssen sie im Finsteren achtgeben, wo sie hintreten. Die Dunkelheit der Bucht aber nutzten die Terroristen, die am 26. November vor einem Jahr Mumbai angriffen. Sie landeten an genau der Stelle unbemerkt mit einem Schlauchboot, an der Tandel jetzt seinen alten Fischkutter bereit macht.

Er weist drei junge Bootsarbeiter an, Benzinkanister und Netze aufzuladen. Bald läuft der Kutter ins Meer aus. Tandel schaut in alle Richtungen. Sein Blick sucht in der Dunkelheit nach Polizeibooten. Seit der Terrorattacke werden die Häfen von Mumbai verstärkt überwacht. Eine Kontrolle aber würde Tandel jetzt teuer zu stehen kommen, denn er hat einen unerlaubten deutschen Passagier an Bord. »Die Terroristen kamen und verschwanden, die Kontrollen sind geblieben«, sagt er beiläufig. Dabei resümiert er ein Weltereignis. Die zehn pakistanischen Attentäter versetzten vor einem Jahr nicht nur Mumbai, sondern die ganze Welt in Angst und Schrecken. Von einem zweiten 11. September war die Rede. Innerhalb von 52 Stunden ermordeten die Terroristen 163 Menschen: im berühmten Taj Mahal Palace Hotel, im neugotischen Victoria-Bahnhof, auf offener Straße. Es war ein kriegerischer Angriff auf das Zentrum von Indiens größter Stadt. Die Opfer kamen aus allen sozialen Schichten. Indiens Sicherheitskräfte reagierten hilflos. Erst nach drei Tagen hatten sie die Terroristen gestellt. Die waren Mitglieder der militanten islamischen Bewegung Laskar-e-Taiba, die in Pakistan gute Beziehungen zum Geheimdienst unterhält. Die aufstrebende Atommacht Indien musste sich zum Schlag gegen die Atommacht Pakistan herausgefordert fühlen.

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Aber am Ende hat Indien anders reagiert als Amerika, Mumbai anders als New York. Es hat den Schlag aufgefangen, ist nicht zerbrochen – und hat auch nicht um sich geschlagen. Tandel, der Fischer, glaubte nie an Krieg. Das heißt nicht, dass er den indischen Politikern ihre Friedlichkeit zugutehielte: Er hält sie für Feiglinge, die sich von Pakistan alles gefallen lassen. »Sie nehmen es immer nur mit dem kleinen Mann auf«, sagt er. Er brauche seit den Anschlägen drei unterschiedliche Genehmigungen zum Fischen, zwei mehr als zuvor, klagt er. Indien sei sehr bürokratisch.

Langsam geht die Sonne über den Finanztürmen von Mumbai auf. Die Luft ist rein. Kein Polizeiboot weit und breit. Tandel entspannt sich. Er macht es sich auf Deck bequem, wickelt eine Decke um und lässt seine Jungs Tee kochen. »Es gibt in Mumbai keinen schöneren Ausblick«, sagt er. Er kommt ins Erzählen von den Zeiten, als dort, wo sich jetzt Indiens Manhattan vor ihm aufbaut, nur Fischerhütten standen. »Alles war Strand«. Er ist 52 Jahre alt. Auch sein Vater war Fischer. Sein jüngster Sohn kocht unter Deck den Tee. Sie sind bettelarm, leben mit dem alten Vater, vier Söhnen, zwei Töchtern und vier Enkelkindern unter einem Wellblechdach. Nur zwei Stunden am Tag können sie von einer öffentlichen Wasserstelle Wasser holen. So leben über die Hälfte der 15 Millionen Einwohner Mumbais. Der neue Wohlstand der Stadt hat ihnen nicht geholfen, ihr Auskommen bloß teurer gemacht.

Einen besseren Ort zum Leben kann sich Tandel trotzdem nicht vorstellen. Nur fängt er nicht genug Fisch. Trotzdem wirft er jetzt das Netz aus. Über hundert Meter hinweg zieht es durch das Meer. Drei Stunden warten er und die Jungs. Dann holen sie das Netz wieder ein. Die Ausbeute ist minimal: drei Eimer einfacher Speisefisch. Aber Tandel verzweifelt nicht. »Mumbai lässt niemanden sterben. Selbst zu uns in die Slums kommen die Leute aus dem ganzen Land«, sagt der Fischer. Noch sei keiner von ihnen verhungert. Er steuert das Boot zurück in die Bucht. Seine Töchter nehmen den Fisch und bringen ihn zum Markt. Wo die Terroristen landeten, spielen jetzt die Slumkinder Kricket.

Noch in Sichtweite der Bucht steht das luxuriöse Oberoi-Hotel, ein moderner Zweckbau. Hier hatten die Attentäter vor einem Jahr ein Restaurant gestürmt, das immer noch renoviert wird. Die Terroristen schossen mit dem Maschinengewehr auf die Gäste. Unter ihnen befand sich Ashok Kapur, der Aufsichtsratsvorsitzende von Indiens jüngster und erfolgreichster Privatbank, der Yes Bank. »Ashok konnte sich noch in ein Treppenhaus flüchten. Dort wurde er auf der Stelle getötet«, sagt der Mann, der die Yes Bank heute allein führt. Dann kann Rana Kapoor nicht weitersprechen. Der Superbanker von Mumbai, den die globale Krise nicht aus der Bahn werfen konnte, hat den Tod seines engsten Geschäftspartners noch nicht überwunden. Ashok Kapur war an dem Abend mit Rana Kapoors Schwägerin unterwegs. Sie konnte sich retten. Er habe darüber bisher nie in der Öffentlichkeit gesprochen.

Leserkommentare
  1. Nach wie vor bleiben viele Ungereimtheiten der Anschläge von Mumbai ungeklärt: http://terrorexperte.blog...

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