Es bedarf schon eines starken geistigen Immunsystems, um der täglichen Flut von Gefahren standzuhalten. Mal versetzt uns die Schweinegrippe in Angst und Schrecken, dann wieder mögliche Nebenwirkungen der Impfung; dazu kommt das Nachrichtengeprassel über Genfood, Elektrosmog oder Weichmacher im Babyschnuller, und im Hintergrund lauert stets die Apokalypse des Klimawandels. Kein Wunder, dass es uns zu viel wird.

Die »gefühlte Bedrohung« steigt, wenn selbst Fachleute unterschiedliche Ratschläge geben. Impfen oder nicht impfen? Genpflanzen anbauen oder verbieten? Wer mag, findet zu nahezu jeder Position einen probaten Experten. Und allmählich dämmert uns, dass die gern beschworene Wissensgesellschaft nicht dadurch gekennzeichnet ist, dass sich auf jede Frage eine klare, wissenschaftliche Antwort finden ließe, sondern dass sie uns im Gegenteil mit einer Vielfalt unterschiedlicher Positionen konfrontiert, was die Entscheidung umso schwerer macht.

Doch das Hin und Her zwischen Alarmismus und Beschwichtigung im Fall der Schweinegrippe hat auch sein Gutes. Erlaubt es doch, einmal wie unter dem Brennglas all jene Mechanismen zu studieren, die zu unserer täglichen Verunsicherung beitragen.

»Aus Sicht des Publikums wird jeden Tag eine andere Sau durchs Dorf gejagt. Mal ist zu viel an Impfstoff da, dann ist es zu wenig, dann ist es der falsche, dann ist es doch der richtige.« So schildert die Hamburger Kommunikationswissenschaftlerin Irene Neverla die Kapriolen der Berichterstattung. All die einzelnen Aspekte mögen zwar für die Gesundheitsbehörden oder die Politik von Bedeutung sein, die meisten Bürger aber seien davon überfordert. Die Folge? »Die große Linie ging verloren. Die Leute denken einfach: ›Ich blick nicht mehr durch‹, und tun dann gar nichts mehr.«

Dazu kommt, dass im Falle einer neuen, noch unwägbaren Bedrohung wie der Schweinegrippe auch Forscher nicht mit Sicherheit prognostizieren können, wie sich die Lage entwickelt. Angesichts eines Virus, das vielleicht (vielleicht aber auch nicht) mutiert, bleibt die Zukunft nun einmal ungewiss – allen wissenschaftlichen Studien zum Trotz. Wie der Kabarettist Joachim Ringelnatz schon erkannte: »Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht.«

Das zu akzeptieren, zumal in der modernen Informationsgesellschaft, fällt schwer. Welcher Experte, welcher Politiker könnte sich öffentlich ein solches Eingeständnis des Zweifelns leisten? Zugleich sorgen die Medien kräftig dafür, das Spiel der Scheingewissheiten am Laufen zu halten: Im harten medialen Wettbewerb verkaufen sich große Schlagzeilen nun einmal besser als nüchterne Beschreibungen; daher werden Einzelfälle flugs generalisiert, vorläufige Erkenntnisse zur sicheren Gefahr hochgejazzt – denn nichts lässt sich medial besser bewirtschaften als ein kollektives Panikgefühl. »Auf diese Weise kommt eine Erregungsspirale in Gang, mit der wir nicht gelernt haben umzugehen«, analysiert Neverla.

Dass wir diesem Ansturm auf unsere geistigen Abwehrkräfte nicht immer gewachsen sind, ist also ganz normal. Doch wie ließe sich das psychische Immunsystem stärken, woher wissen wir, wann Panik und wann Gelassenheit angebracht ist? Früher war die Sache einfacher. Da folgte man automatisch dem, was die Obrigkeit anordnete oder der Pfarrer von der Kanzel herab predigte. Doch als mündige Bürger haben wir uns von Obrigkeitsdenken und blindem religiösen Glauben emanzipiert – und erleben nun desillusioniert, dass die Wissenschaft dafür keinen adäquaten Ersatz bietet. Denn statt einfacher Antworten produziert die moderne Forschung in der Regel eine Fülle neuer Fragen und Ungewissheiten; anders als viele ihrer Kritiker argwöhnen, liegt ihre Herausforderung also gerade nicht darin, dass sie uns eine bestimmte Lebensführung diktieren oder aufzwingen würde, sondern im Gegenteil darin, dass sie uns mit einer Vielzahl von (oft verwirrenden) Fakten versorgt und uns dann bei der Entscheidung über den Umgang damit allein lässt.