Zwischen Panikmache und Verharmlosung Gefahren überall

Wir können Risiken nicht richtig einschätzen. Damit müssen wir leben.

Die Schweinegrippe versetzte so sehr in Angst, dass bei der Landung in Shanghai zunächst die Temperatur der Flugpassagiere gemessen wurde

Die Schweinegrippe versetzte so sehr in Angst, dass bei der Landung in Shanghai zunächst die Temperatur der Flugpassagiere gemessen wurde

Es bedarf schon eines starken geistigen Immunsystems, um der täglichen Flut von Gefahren standzuhalten. Mal versetzt uns die Schweinegrippe in Angst und Schrecken, dann wieder mögliche Nebenwirkungen der Impfung; dazu kommt das Nachrichtengeprassel über Genfood, Elektrosmog oder Weichmacher im Babyschnuller, und im Hintergrund lauert stets die Apokalypse des Klimawandels. Kein Wunder, dass es uns zu viel wird.

Die »gefühlte Bedrohung« steigt, wenn selbst Fachleute unterschiedliche Ratschläge geben. Impfen oder nicht impfen? Genpflanzen anbauen oder verbieten? Wer mag, findet zu nahezu jeder Position einen probaten Experten. Und allmählich dämmert uns, dass die gern beschworene Wissensgesellschaft nicht dadurch gekennzeichnet ist, dass sich auf jede Frage eine klare, wissenschaftliche Antwort finden ließe, sondern dass sie uns im Gegenteil mit einer Vielfalt unterschiedlicher Positionen konfrontiert, was die Entscheidung umso schwerer macht.

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Doch das Hin und Her zwischen Alarmismus und Beschwichtigung im Fall der Schweinegrippe hat auch sein Gutes. Erlaubt es doch, einmal wie unter dem Brennglas all jene Mechanismen zu studieren, die zu unserer täglichen Verunsicherung beitragen.

»Aus Sicht des Publikums wird jeden Tag eine andere Sau durchs Dorf gejagt. Mal ist zu viel an Impfstoff da, dann ist es zu wenig, dann ist es der falsche, dann ist es doch der richtige.« So schildert die Hamburger Kommunikationswissenschaftlerin Irene Neverla die Kapriolen der Berichterstattung. All die einzelnen Aspekte mögen zwar für die Gesundheitsbehörden oder die Politik von Bedeutung sein, die meisten Bürger aber seien davon überfordert. Die Folge? »Die große Linie ging verloren. Die Leute denken einfach: ›Ich blick nicht mehr durch‹, und tun dann gar nichts mehr.«

Dazu kommt, dass im Falle einer neuen, noch unwägbaren Bedrohung wie der Schweinegrippe auch Forscher nicht mit Sicherheit prognostizieren können, wie sich die Lage entwickelt. Angesichts eines Virus, das vielleicht (vielleicht aber auch nicht) mutiert, bleibt die Zukunft nun einmal ungewiss – allen wissenschaftlichen Studien zum Trotz. Wie der Kabarettist Joachim Ringelnatz schon erkannte: »Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht.«

Das zu akzeptieren, zumal in der modernen Informationsgesellschaft, fällt schwer. Welcher Experte, welcher Politiker könnte sich öffentlich ein solches Eingeständnis des Zweifelns leisten? Zugleich sorgen die Medien kräftig dafür, das Spiel der Scheingewissheiten am Laufen zu halten: Im harten medialen Wettbewerb verkaufen sich große Schlagzeilen nun einmal besser als nüchterne Beschreibungen; daher werden Einzelfälle flugs generalisiert, vorläufige Erkenntnisse zur sicheren Gefahr hochgejazzt – denn nichts lässt sich medial besser bewirtschaften als ein kollektives Panikgefühl. »Auf diese Weise kommt eine Erregungsspirale in Gang, mit der wir nicht gelernt haben umzugehen«, analysiert Neverla.

Dass wir diesem Ansturm auf unsere geistigen Abwehrkräfte nicht immer gewachsen sind, ist also ganz normal. Doch wie ließe sich das psychische Immunsystem stärken, woher wissen wir, wann Panik und wann Gelassenheit angebracht ist? Früher war die Sache einfacher. Da folgte man automatisch dem, was die Obrigkeit anordnete oder der Pfarrer von der Kanzel herab predigte. Doch als mündige Bürger haben wir uns von Obrigkeitsdenken und blindem religiösen Glauben emanzipiert – und erleben nun desillusioniert, dass die Wissenschaft dafür keinen adäquaten Ersatz bietet. Denn statt einfacher Antworten produziert die moderne Forschung in der Regel eine Fülle neuer Fragen und Ungewissheiten; anders als viele ihrer Kritiker argwöhnen, liegt ihre Herausforderung also gerade nicht darin, dass sie uns eine bestimmte Lebensführung diktieren oder aufzwingen würde, sondern im Gegenteil darin, dass sie uns mit einer Vielzahl von (oft verwirrenden) Fakten versorgt und uns dann bei der Entscheidung über den Umgang damit allein lässt.

In dieser Situation wächst die Sehnsucht nach einfachen Antworten. Manche flüchten sich in die Esoterik, andere finden Trost in einer der vielen kursierenden Verschwörungstheorien. Dann ist die Schweinegrippe-Impfung plötzlich nur ein Komplott der Pharmaindustrie, die uns als Versuchskaninchen missbraucht.

Solchen Ängsten ist, anders als viele Wissenschaftler meinen, mit sachlicher Information allein nur schwer beizukommen. Vielmehr geht es vor allem um Vertrauen: Was überzeugt, sind nicht unbedingt die besten wissenschaftlichen Argumente, sondern die Glaubwürdigkeit, mit der sie vorgetragen werden.

Die Risikoforschung weiß überdies schon lange, dass wir drohende Gefahren nicht objektiv beurteilen, sondern uns stattdessen an höchst subjektiven Kriterien orientieren. Ein freiwillig eingegangenes Risiko (Extremsport) nehmen wir viel eher in Kauf als eines, das wir nicht selbst unter Kontrolle haben (Pestizide in Lebensmitteln). Bekannte Risiken (Rauchen) scheinen uns erträglicher als unbekannte (nukleare Strahlung), und natürliche (Blitzschlag) akzeptieren wir allemal leichter als künstlich erzeugte (Gentechnik).

Um diese verzerrte Wahrnehmung geradezurücken, so glaubte man lange Zeit, genüge es, das Publikum über die »wahre« (sprich statistische) Gefährlichkeit gründlich aufzuklären. Doch das ändert sich. Allmählich lernt die Wissenschaft, auch die »gefühlte Bedrohung« ernst zu nehmen. Aus Sicht der Risikoforschung ist es nämlich nur rational, auf die Irrationalität des Publikums einzugehen.

Umgekehrt muss auch das Publikum umdenken. Es muss sich daran gewöhnen, dass die moderne Wissenschaft nicht auf alle Fragen eine Antwort bietet. Ein gewisses Maß an Ungewissheit ist nun mal das Kennzeichen jeder sich verändernden Gesellschaft (auch wenn unsere Gesellschaft diesen Umstand immer weniger zu tolerieren scheint). Zu lernen wäre auch, dass die besten Ratgeber in dieser Situation nicht jene sind, die im Brustton der Überzeugung eherne Wahrheiten verkünden, sondern jene, die auch offene Fragen thematisieren und Unsicherheiten, Zweifel und Widersprüche transparent machen.

Vielleicht hat ja gerade das Chaos um die Schweinegrippe in dieser Hinsicht einen immunstärkenden Effekt: Wer sich von dem ganzen Hin und Her der vergangenen Wochen nicht verrückt machen ließ, dürfte auch künftig gegen das Virus der Übererregbarkeit gefeit sein.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Ich sehe die Ursache für das beschriebene Problem alleine bei den Medien. Das Problem ist ähnlich des Beratungsproblem der Banken. Dabei geht es nicht um Beratung sondern um Verkauf und Profit-Maximierung. Genauso geht es den Massenmedien nicht um Information oder Aufklärung sondern um Gewinne. Wie im Artikel angedeutet.

    Darum empfehle ich allen die daran interessiert sind sich zu informieren/zu bilden wegzuhören bei den unseriösen Tagesberichten und 1-2 Monate später ein gut recherchiertes Buch zu lesen. Dazu ist zu bemerken dass es meines Erachtens auch nicht viele solcher Bücher gibt da Verlage letztendlich auch nur Verkaufen wollen bzw. müssen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Ich sehe die Ursache für das beschriebene Problem alleine bei den Medien"
    Der Artikel gibt hierauf bereits die Antwort: "Zu lernen wäre auch, dass die besten Ratgeber in dieser Situation nicht jene sind, die im Brustton der Überzeugung eherne Wahrheiten verkünden, sondern jene, die auch offene Fragen thematisieren und Unsicherheiten, Zweifel und Widersprüche transparent machen."

    Sie haben völlig Recht. Die "Informationflut" ist, gepaart mit "Expertenwissen" das Hauptproblem.

    Nur nicht zu vergessen eine weitgehend naturwissenschaftsferne Bevölkerung.

    MfG

    karl Müller

    • Talor
    • 05.01.2010 um 23:58 Uhr

    Klar haben die Medien Mitschuld.
    Aber wer hört ihnen denn zu und glaubt alles? Und warum?
    Mit diesem Ansatz kommt man viel weiter, weil er das Problem, das längst ein gesellschaftliches ist, von einer größeren Ebene aus beleuchtet.

    "Ich sehe die Ursache für das beschriebene Problem alleine bei den Medien"
    Der Artikel gibt hierauf bereits die Antwort: "Zu lernen wäre auch, dass die besten Ratgeber in dieser Situation nicht jene sind, die im Brustton der Überzeugung eherne Wahrheiten verkünden, sondern jene, die auch offene Fragen thematisieren und Unsicherheiten, Zweifel und Widersprüche transparent machen."

    Sie haben völlig Recht. Die "Informationflut" ist, gepaart mit "Expertenwissen" das Hauptproblem.

    Nur nicht zu vergessen eine weitgehend naturwissenschaftsferne Bevölkerung.

    MfG

    karl Müller

    • Talor
    • 05.01.2010 um 23:58 Uhr

    Klar haben die Medien Mitschuld.
    Aber wer hört ihnen denn zu und glaubt alles? Und warum?
    Mit diesem Ansatz kommt man viel weiter, weil er das Problem, das längst ein gesellschaftliches ist, von einer größeren Ebene aus beleuchtet.

  2. 2. Genau

    dem Kommentar 1. kann ich weitgehend zustimmen -
    ich bin nur weit empoerter als Brainwash.
    Nun nehmen wir modernen Menschen so viel in Kauf, um die Unsicherheiten der vorwissenschaftlichen Welt auszuschliessen. Warum verbringt man die Kindheit in mehr oder weniger luxerioesen Appartments anstatt auf dem Bauernhof in Wald und Flur mit allem moeglichen Getier herumzutollen? Warum lernt man statt Kuh melken und Pflanzen unterscheiden mathematische Modelle? Warum lernt man anstatt ein ordentliches, konkret brauchbares Handwerk jahrzehntelang abstrakte Modellvorstellungen? - Um ein zivilisierter, reflektierter, denkender, verstehender und aufgeklaerter Mensch zu sein, in dessen Geist weitefasste Klarheit und nicht engstirnige Verwirrung herrscht. Und wozu dient das im Ergebnis? - Dazu, dass man die Weltanschauungskriege der Community der wissenschaftliche Erkenntnisse Aufstellenden auf dem eigenen Ruecken austragen lassen muss und sich von ihnen in ein rationales Gefaengnis sperren lassen muss, das nur Rationalitaet ernstnimmt und auf alles andere noechstens zu Manipulationszwecken eingeht.
    Hat mal jemand darueber nachgedacht, was DAS fuer ein Risikoist?

  3. 3. winzig

    Man - gerade Journalisten - sollte sich mal die Statistik aller Sterbefälle anschauen; man sieht deutlich, wie Klitzklein die "swine flu" tatsächlich ist:
    http://media.mercola.com/...

    Es ist wohl wirklich nur ein Medien-Hype.

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    Sie sind das beste Beispiel wie man auf die Panik mache hereinfallen kann und daraufhin mit Verharmlosung reagiert.

    Sie sind das beste Beispiel wie man auf die Panik mache hereinfallen kann und daraufhin mit Verharmlosung reagiert.

  4. Der Artikel benennt alle relevanten Punkte, nur die Wertungen der Punkte sind unter aller Kanone.

    Auch für diesen Artikel gilt: Vielleicht wollte der Journalist wirklich aufklären - nur - die Redaktion hatte andere Ziele.

    Und zur Schweinegrippe: Schon als sie in Mexiko "wütete", war klar, die Letalität ist geringer als bei anderen Grippen. Als der Experten- und Medien-Hype trotzdem immer weiter getrieben wurde, konnte man als Motor des Quatsch-Bombardements nur die Interesssenlagen von Pharma- und Medien-Industrie benennen.

  5. Hier spricht endlich jemand aus was scheinbar viele noch nicht begriffen haben: man muss tatsächlich selber denken.
    Leider reagieren die meisten noch immer mit Empörung wenn man von ihnen verlangt eigene Entscheidungen zu treffen, wenn die "bösen Medien" alle "etwas anderes erzählen" (wahlweise auch die "bösen Politiker" oder die "bösen Wissenschaftler").

    Ich frage mich wann wir den Pfad der Aufklärung hinter uns gelassen haben.

  6. "Ich sehe die Ursache für das beschriebene Problem alleine bei den Medien"
    Der Artikel gibt hierauf bereits die Antwort: "Zu lernen wäre auch, dass die besten Ratgeber in dieser Situation nicht jene sind, die im Brustton der Überzeugung eherne Wahrheiten verkünden, sondern jene, die auch offene Fragen thematisieren und Unsicherheiten, Zweifel und Widersprüche transparent machen."

  7. 7.

    Sie sind das beste Beispiel wie man auf die Panik mache hereinfallen kann und daraufhin mit Verharmlosung reagiert.

    Antwort auf "winzig"
    • clubby
    • 28.11.2009 um 16:01 Uhr

    Ich meine WAS tut man wenn man regelmäßig zuviel Alkohol trinkt und im Dauerkater/Delirium landet? Ganz einfach man REDUZIERT den Konsum. Reicht das nicht, setzt man es ganz ab. Ergo, Glotze aus, Radio aus, Boulevard aus, Zeitung nur noch limitiert online oder als Wochenzeitung mal am Kiosk und schon sieht die Welt richtig gut aus. Warum? So ein simpler Filter läßt am Ende nur die wirklich wichtigen Ergebnisse der Hysterie durch. Man wundert sich, wie gut man trotzdem informiert ist. Aber eben ganz ohne Stress und auf das Wesentliche reduziert.

    An die Adresse der Jounalisten sei bemerkt, dass es den Konsumenten der Information wirklich mal helfen würde, wenn nicht immer nur von "den oder dem Experten" die Rede wäre, sondern IMMER Quellenangaben und Namen dahinterstehen würden. Ist wie mit Theaterkritik, irgendwann weiß man , auf wen man sich verlassen kann und auf wen nicht. "Nachrichten" , die nicht mit entsprechenden Angaben nachvollziehbar versehen sind, landen bei mir ohne wahrgenommen zu werden sofort in der Ablage "P".

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    ich denke das ist der Punkt, der springende. Aber selbst mit Quellenangabe ist der Experte (analog z.B. dem Modell der "Evidenzbasierte Medizin") immer noch die am wenigsten verlässliche Quelle.

    ich denke das ist der Punkt, der springende. Aber selbst mit Quellenangabe ist der Experte (analog z.B. dem Modell der "Evidenzbasierte Medizin") immer noch die am wenigsten verlässliche Quelle.

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