Allmählich lernt die Wissenschaft, auch die "gefühlte Bedrohung" ernst zu nehmen
In dieser Situation wächst die Sehnsucht nach einfachen Antworten. Manche flüchten sich in die Esoterik, andere finden Trost in einer der vielen kursierenden Verschwörungstheorien. Dann ist die Schweinegrippe-Impfung plötzlich nur ein Komplott der Pharmaindustrie, die uns als Versuchskaninchen missbraucht.
Solchen Ängsten ist, anders als viele Wissenschaftler meinen, mit sachlicher Information allein nur schwer beizukommen. Vielmehr geht es vor allem um Vertrauen: Was überzeugt, sind nicht unbedingt die besten wissenschaftlichen Argumente, sondern die Glaubwürdigkeit, mit der sie vorgetragen werden.
Die Risikoforschung weiß überdies schon lange, dass wir drohende Gefahren nicht objektiv beurteilen, sondern uns stattdessen an höchst subjektiven Kriterien orientieren. Ein freiwillig eingegangenes Risiko (Extremsport) nehmen wir viel eher in Kauf als eines, das wir nicht selbst unter Kontrolle haben (Pestizide in Lebensmitteln). Bekannte Risiken (Rauchen) scheinen uns erträglicher als unbekannte (nukleare Strahlung), und natürliche (Blitzschlag) akzeptieren wir allemal leichter als künstlich erzeugte (Gentechnik).
Um diese verzerrte Wahrnehmung geradezurücken, so glaubte man lange Zeit, genüge es, das Publikum über die »wahre« (sprich statistische) Gefährlichkeit gründlich aufzuklären. Doch das ändert sich. Allmählich lernt die Wissenschaft, auch die »gefühlte Bedrohung« ernst zu nehmen. Aus Sicht der Risikoforschung ist es nämlich nur rational, auf die Irrationalität des Publikums einzugehen.
Umgekehrt muss auch das Publikum umdenken. Es muss sich daran gewöhnen, dass die moderne Wissenschaft nicht auf alle Fragen eine Antwort bietet. Ein gewisses Maß an Ungewissheit ist nun mal das Kennzeichen jeder sich verändernden Gesellschaft (auch wenn unsere Gesellschaft diesen Umstand immer weniger zu tolerieren scheint). Zu lernen wäre auch, dass die besten Ratgeber in dieser Situation nicht jene sind, die im Brustton der Überzeugung eherne Wahrheiten verkünden, sondern jene, die auch offene Fragen thematisieren und Unsicherheiten, Zweifel und Widersprüche transparent machen.
Vielleicht hat ja gerade das Chaos um die Schweinegrippe in dieser Hinsicht einen immunstärkenden Effekt: Wer sich von dem ganzen Hin und Her der vergangenen Wochen nicht verrückt machen ließ, dürfte auch künftig gegen das Virus der Übererregbarkeit gefeit sein.
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- Datum 27.11.2009 - 16:32 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
- Kommentare 15
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Ich sehe die Ursache für das beschriebene Problem alleine bei den Medien. Das Problem ist ähnlich des Beratungsproblem der Banken. Dabei geht es nicht um Beratung sondern um Verkauf und Profit-Maximierung. Genauso geht es den Massenmedien nicht um Information oder Aufklärung sondern um Gewinne. Wie im Artikel angedeutet.
Darum empfehle ich allen die daran interessiert sind sich zu informieren/zu bilden wegzuhören bei den unseriösen Tagesberichten und 1-2 Monate später ein gut recherchiertes Buch zu lesen. Dazu ist zu bemerken dass es meines Erachtens auch nicht viele solcher Bücher gibt da Verlage letztendlich auch nur Verkaufen wollen bzw. müssen.
"Ich sehe die Ursache für das beschriebene Problem alleine bei den Medien"
Der Artikel gibt hierauf bereits die Antwort: "Zu lernen wäre auch, dass die besten Ratgeber in dieser Situation nicht jene sind, die im Brustton der Überzeugung eherne Wahrheiten verkünden, sondern jene, die auch offene Fragen thematisieren und Unsicherheiten, Zweifel und Widersprüche transparent machen."
Sie haben völlig Recht. Die "Informationflut" ist, gepaart mit "Expertenwissen" das Hauptproblem.
Nur nicht zu vergessen eine weitgehend naturwissenschaftsferne Bevölkerung.
MfG
karl Müller
Klar haben die Medien Mitschuld.
Aber wer hört ihnen denn zu und glaubt alles? Und warum?
Mit diesem Ansatz kommt man viel weiter, weil er das Problem, das längst ein gesellschaftliches ist, von einer größeren Ebene aus beleuchtet.
"Ich sehe die Ursache für das beschriebene Problem alleine bei den Medien"
Der Artikel gibt hierauf bereits die Antwort: "Zu lernen wäre auch, dass die besten Ratgeber in dieser Situation nicht jene sind, die im Brustton der Überzeugung eherne Wahrheiten verkünden, sondern jene, die auch offene Fragen thematisieren und Unsicherheiten, Zweifel und Widersprüche transparent machen."
Sie haben völlig Recht. Die "Informationflut" ist, gepaart mit "Expertenwissen" das Hauptproblem.
Nur nicht zu vergessen eine weitgehend naturwissenschaftsferne Bevölkerung.
MfG
karl Müller
Klar haben die Medien Mitschuld.
Aber wer hört ihnen denn zu und glaubt alles? Und warum?
Mit diesem Ansatz kommt man viel weiter, weil er das Problem, das längst ein gesellschaftliches ist, von einer größeren Ebene aus beleuchtet.
dem Kommentar 1. kann ich weitgehend zustimmen -
ich bin nur weit empoerter als Brainwash.
Nun nehmen wir modernen Menschen so viel in Kauf, um die Unsicherheiten der vorwissenschaftlichen Welt auszuschliessen. Warum verbringt man die Kindheit in mehr oder weniger luxerioesen Appartments anstatt auf dem Bauernhof in Wald und Flur mit allem moeglichen Getier herumzutollen? Warum lernt man statt Kuh melken und Pflanzen unterscheiden mathematische Modelle? Warum lernt man anstatt ein ordentliches, konkret brauchbares Handwerk jahrzehntelang abstrakte Modellvorstellungen? - Um ein zivilisierter, reflektierter, denkender, verstehender und aufgeklaerter Mensch zu sein, in dessen Geist weitefasste Klarheit und nicht engstirnige Verwirrung herrscht. Und wozu dient das im Ergebnis? - Dazu, dass man die Weltanschauungskriege der Community der wissenschaftliche Erkenntnisse Aufstellenden auf dem eigenen Ruecken austragen lassen muss und sich von ihnen in ein rationales Gefaengnis sperren lassen muss, das nur Rationalitaet ernstnimmt und auf alles andere noechstens zu Manipulationszwecken eingeht.
Hat mal jemand darueber nachgedacht, was DAS fuer ein Risikoist?
Man - gerade Journalisten - sollte sich mal die Statistik aller Sterbefälle anschauen; man sieht deutlich, wie Klitzklein die "swine flu" tatsächlich ist:
http://media.mercola.com/...
Es ist wohl wirklich nur ein Medien-Hype.
Sie sind das beste Beispiel wie man auf die Panik mache hereinfallen kann und daraufhin mit Verharmlosung reagiert.
Sie sind das beste Beispiel wie man auf die Panik mache hereinfallen kann und daraufhin mit Verharmlosung reagiert.
Der Artikel benennt alle relevanten Punkte, nur die Wertungen der Punkte sind unter aller Kanone.
Auch für diesen Artikel gilt: Vielleicht wollte der Journalist wirklich aufklären - nur - die Redaktion hatte andere Ziele.
Und zur Schweinegrippe: Schon als sie in Mexiko "wütete", war klar, die Letalität ist geringer als bei anderen Grippen. Als der Experten- und Medien-Hype trotzdem immer weiter getrieben wurde, konnte man als Motor des Quatsch-Bombardements nur die Interesssenlagen von Pharma- und Medien-Industrie benennen.
Hier spricht endlich jemand aus was scheinbar viele noch nicht begriffen haben: man muss tatsächlich selber denken.
Leider reagieren die meisten noch immer mit Empörung wenn man von ihnen verlangt eigene Entscheidungen zu treffen, wenn die "bösen Medien" alle "etwas anderes erzählen" (wahlweise auch die "bösen Politiker" oder die "bösen Wissenschaftler").
Ich frage mich wann wir den Pfad der Aufklärung hinter uns gelassen haben.
"Ich sehe die Ursache für das beschriebene Problem alleine bei den Medien"
Der Artikel gibt hierauf bereits die Antwort: "Zu lernen wäre auch, dass die besten Ratgeber in dieser Situation nicht jene sind, die im Brustton der Überzeugung eherne Wahrheiten verkünden, sondern jene, die auch offene Fragen thematisieren und Unsicherheiten, Zweifel und Widersprüche transparent machen."
Sie sind das beste Beispiel wie man auf die Panik mache hereinfallen kann und daraufhin mit Verharmlosung reagiert.
Ich meine WAS tut man wenn man regelmäßig zuviel Alkohol trinkt und im Dauerkater/Delirium landet? Ganz einfach man REDUZIERT den Konsum. Reicht das nicht, setzt man es ganz ab. Ergo, Glotze aus, Radio aus, Boulevard aus, Zeitung nur noch limitiert online oder als Wochenzeitung mal am Kiosk und schon sieht die Welt richtig gut aus. Warum? So ein simpler Filter läßt am Ende nur die wirklich wichtigen Ergebnisse der Hysterie durch. Man wundert sich, wie gut man trotzdem informiert ist. Aber eben ganz ohne Stress und auf das Wesentliche reduziert.
An die Adresse der Jounalisten sei bemerkt, dass es den Konsumenten der Information wirklich mal helfen würde, wenn nicht immer nur von "den oder dem Experten" die Rede wäre, sondern IMMER Quellenangaben und Namen dahinterstehen würden. Ist wie mit Theaterkritik, irgendwann weiß man , auf wen man sich verlassen kann und auf wen nicht. "Nachrichten" , die nicht mit entsprechenden Angaben nachvollziehbar versehen sind, landen bei mir ohne wahrgenommen zu werden sofort in der Ablage "P".
ich denke das ist der Punkt, der springende. Aber selbst mit Quellenangabe ist der Experte (analog z.B. dem Modell der "Evidenzbasierte Medizin") immer noch die am wenigsten verlässliche Quelle.
ich denke das ist der Punkt, der springende. Aber selbst mit Quellenangabe ist der Experte (analog z.B. dem Modell der "Evidenzbasierte Medizin") immer noch die am wenigsten verlässliche Quelle.
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