Naturschutz
Fliegender Sensor
Die grazile Wiesenweihe überlebt in unserer Agrarlandschaft nur dank massiver Hilfe. Auch ihr Lebensraum in Afrika gerät unter den Pflug.
© Hans Hut
Was eine Kirchweihe ist, das weiß ein jeder. Doch was zum Kuckuck ist eine Wiesenweihe – und warum sollte auch die jeder kennen? »Ganz einfach«, sagt Hilmar Freiherr von Münchhausen, »weil das Verhalten dieses selten gewordenen Raub- und Zugvogels typisch ist für andere Arten.
Und weil sein Schicksal eindrücklich belegt, dass selbst anpassungsfähige Wildvögel in zunehmend industriell geprägten Agrarlandschaften ohne ausgefeilte Schutzmaßnahmen keine Überlebenschance haben.« Münchhausen ist Geschäftsführer der Deutschen Wildtier Stiftung, die am vergangenen Freitag ein Zeichen setzte für den bedrohten Greifvogel: Sie vergab ihren mit 50.000 Euro dotierten Forschungspreis 2009 für ein Wissenschaftsprojekt zum Schutz der Wiesenweihe.
Die junge Preisträgerin Christiane Trierweiler will mit dem Geld die Bedeutung afrikanischer Rast- und Überwinterungsgebiete für das Überleben des kleinen Raubvogels untersuchen. Sie hat bereits in früheren Studien sein Zugverhalten dokumentiert, indem sie Tiere huckepack mit einem leichten Sender versah (siehe Foto). Via Satellit konnte sie Flugrouten und bevorzugte Aufenthaltsorte ausfindig machen.
»Die Satellitentelemetrie und anschließende Studien vor Ort zeigen, dass ein Schutz der Wiesenweihe alleine hier in unseren heimischen Brutgebieten nicht ausreicht«, sagt sie. Nun will sie neu entdeckte Rastgebiete in Nordafrika untersuchen, etwa in Marokko. Aus eigener Anschauung weiß sie, »dass die Tiere in ihren Winterquartieren in der Sahel- und Sahel-Sudan-Zone zunehmend auf ähnliche Probleme stoßen wie in Europa«. Auch dort nehme die intensive Landwirtschaft zu, Brachflächen würden seltener und die Nahrungsquellen karger.
Eine ähnliche Verknappung der Nahrung in den Rastgebieten träfe die Zugvögel besonders hart. »Sie machen dort nämlich Zwischenstopps, um wieder aufzutanken für ihren Weiterflug«, erklärt Franz Bairlein, Direktor des Instituts für Vogelforschung der Vogelwarte Helgoland. Alle kleineren Vögel, die aktiv fliegen und nicht energiesparend segeln wie etwa Störche oder Schreiadler, müssen sich mästen bei der Zwischenrast. Sonst scheitert ihr nächster Langstreckenflug über die Wüste oder das Meer an Treibstoffmangel.
Dass bei der Erforschung des Vogelzugs ausgerechnet die Wiesenweihe so im Vordergrund steht, hat zwei Gründe. »Sie dient als Leitart, denn für andere Arten wie den Wespenbussard oder den Schwarzmilan gelten ähnliche Probleme«, sagt Bairlein, an dessen Institut in Wilhelmshaven Christiane Trierweiler künftig mitforscht. »Und der erfolgreiche Schutz der Wiesenweihen in unserer Agrarlandschaft macht sie besonders leicht verfügbar für Modelluntersuchungen«, ergänzt die Preisträgerin.
Wiesenweihen sind nämlich Bodenbrüter, deren natürliche Brutgebiete – Flachmoore, Streuwiesen und Heideland – durch die Landwirtschaft zunehmend verdrängt wurden. Das brachte die möwengroßen Greifvögel an den Rand des Aussterbens. Trotz intensiven Schutzes und lokal erfreulicher Zuwachsraten, etwa im bayerischen Mainfranken, liegt ihr Bestand immer noch gut zehnmal niedriger als vor wenigen Jahrzehnten.
- Datum 27.11.2009 - 20:47 Uhr
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- Serie Umwelt
- Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
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