Michelangelo musste noch hartnäckig werben, um vom Papst empfangen zu werden. Zu viele drängten sich um Aufträge. Ein halbes Jahrtausend später bittet der Papst gleich mehrere Hundert Künstler, zu ihm zu kommen, weil die meisten von ihnen in den Jahrzehnten zuvor der Kirche in Scharen entliefen. Gut 250 Regisseure, Architekten, Komponisten, Literaten, Maler und Bildhauer versammelten sich vergangenen Samstagvormittag in der Sixtinischen Kapelle, um zu hören, was Benedikt XVI. ihnen zu sagen habe. Unter dem berühmten Deckenfresko ihres Kollegen, Inbegriff der Verschmelzung von christlicher Sendung und künstlerischer Autonomie, saßen Daniel Libeskind und Zaha Hadid, Nanni Moretti, Arvo Pärt, Peter Stein und Cees Nooteboom dem Papst gegenüber. Einträchtig lauschten sie der Eröffnungsmusik von Giovanni da Palestrina: Herr, wann wirst Du kommen.

Vor 45 Jahren hielt Papst Paul VI. am selben Ort vor ähnlichem Publikum eine Rede. Es war die Zeit des II. Vatikanischen Konzils, und die Kirche rang um ihr aggiornamento , ihr Heutigwerden. Paul VI. begründete die Sammlung zeitgenössischer Kunst in den Vatikanischen Museen in dem Bemühen, den Vatikan wieder zu einem mächtigen und mutigen Förderer der Künste zu machen. Er übte ungewöhnliche Selbstkritik: »Wir haben Euch schlecht behandelt, uns mit Ersatzmitteln begnügt, mit schlichter Nachahmung und billigen Kunstwerken von wenig Wert. Wir haben uns auf Abwege begeben, auf denen die Kunst und die Schönheit, aber auch – und das ist das Schlimmste für uns – der Gotteskult übel bedient wurden.« Den Künstlern warf er vor: »Man weiß nicht, was Ihr sagen wollt, und oft wisst Ihr es selber nicht.« Um schließlich zu fragen: »Wollen wir wieder Freunde werden?«

Fast schon flehentlich schrieb Johannes Paul II. vor zehn Jahren in einem Brief an die Künstler: »Die Kirche braucht die Kunst. Aber braucht die Kunst auch die Kirche?« So dramatisch die Appelle, so gering die Wirkung. Die freie Kunst wurde nicht weniger kryptisch und die beauftragte Kirchenkunst nicht weniger kitschig; die Zahl geistlicher Kompositionen schnellte nicht in die Höhe, und auch die Empörung der Geistlichkeit über gotteslästerliche Filme wurde nicht leiser.

Umso bemerkenswerter, dass an diesem Samstag so viele Künstler, teils von weit her und auf eigene Kosten, nach Rom kamen, darunter sogar ein paar Atheisten, Juden und Muslime. Musste man es nicht zudem als ein Signal werten, dass der Papst noch am selben Vormittag bekräftigte, die katholische Kirche werde anglikanische Priester in ihren Schoß aufnehmen, selbst wenn sie verheiratet sind? Kirchengeschichtlich ist dieser Entschluss eine Revolution. Die Zeichen standen also günstig für eine Öffnung. Eine Öffnung zum Film, auch wenn er blanke Busen zeigt; eine Öffnung zur Kunst, auch wenn sie nicht Abbild der Schöpfung sein will; eine Öffnung zur Musik, auch wenn sie nicht himmlische Harmonie intoniert.

Doch von alldem kein Wort. Als habe es nie eine Entfremdung gegeben, sprach Benedikt auf einem weißen Thron, das Jüngste Gericht Michelangelos im Rücken, dass Kunst und Kirche schon immer gemeinsam den »Weg der Schönheit« gewiesen hätten, eine via pulchritudinis, die in das Jenseitige, das Transzendente, das Göttliche führt. In ihrer Überwindung des Materiellen und Banalen sei die Schönheit, so Benedikt, die natürliche Verbündete der Religion.