Vatikan Wir sind MichelangeloSeite 2/2

Die These von der Transzendenz der Schönheit ist ein Klassiker jeder religiösen Ästhetik. Neu war an ihr nichts, und mehr kam auch nicht. Fast nebenbei warb Benedikt für den Schatz an Motiven und Inspiration, den die Bibel biete. Ein gewisses Desinteresse sprach aus seiner Rede. Und vielleicht hatte man sein Wort, wahre Kunst müsse »das Herz der Nostalgie öffnen«, so zu verstehen, dass ihm die alten Werke christlicher Literatur, Musik und Kunst vollauf genügen.

Statt eines kritischen Diskurses dekretierte der Papst den Katholizismus der Künste per logischer Deduktion: Alle wahre Kunst ist schön. Alle Schönheit ist göttlich. Daher ist alle wahre Kunst göttlich. Und da der einzige Gott der christliche Gott ist, muss alle wahre Kunst auch christlich sein, ob sie will oder nicht. Provokative und obszöne Werke sind nicht christlich, ergo nicht schön und damit keine Kunst. Was zu beweisen war.

Als aufgeschlossener Förderer der zeitgenössischen Künste ist der Papst bislang nicht aufgefallen. In Erinnerung blieb vor allem, dass er als Chef der Glaubenskongregation einen Altarstein von Eduardo Chillida in Köln per Weisung verbot, weil dieser nicht, wie vom Liturgiegesetz verlangt, aus einem Stück bestand. Doch auch über Sakralkunst, die Bilder, Skulpturen und die Musik, die dem Gottesdienst dienen, verlor er kein Wort. Anlässlich der Begegnung schrieb eine Gruppe katholischer Laien, unter ihnen der Schriftsteller Martin Mosebach, einen Brief an den Papst. Er möge die musische Ausbildung der Priester forcieren, ihnen fehle zu oft die ästhetische und spirituelle Sicherheit im Umgang mit zeitgenössischen Werken der Künste. Auch darauf ging Benedikt nicht ein.

Am Ende der Rede spendete er den »lieben Künstlern« seinen Segen. Als sich der Papst auf den Weg in seine Gemächer machte, erhoben sich die Geladenen und applaudierten. Am Ausgang bekam jeder eine Medaille, die an den besonderen Anlass erinnert. Die Gäste äußerten sich anschließend höflich und zurückhaltend. Der amerikanische Videokünstler Bill Viola lobte die Geste des Papstes. Alle, denen es um mehr gehe als Geld und Profit, müssten zusammenhalten. Daniel Libeskind meinte wie der Papst, dass alle große Kunst religiös sei; sie sei aber nicht unbedingt katholisch. Eine Gruppe älterer italienischer Herren sagte, sie hätten sich sehr über die Einladung gefreut, nur leider die Rede akustisch nicht verstanden. Und der Regisseur Peter Stein war begeistert. Noch nie habe er die Gelegenheit gehabt, über eine Stunde lang die Fresken von Michelangelo so ungestört zu betrachten.

 
Leser-Kommentare
  1. Ein weltfremder und sich selbst überschätzender Papst sowie ein paar als Statisten und Claqueurs fungierende "Vertreter der Kunst"- eine peinliche und traurig-verlogene Veranstaltung.

    • wergi
    • 27.11.2009 um 18:33 Uhr

    weshalb überhaupt auf einem thron? benötigt benediktus erhöhung, die bekanntlicherweise vor dem fall kommt?
    und dann, so scheint mir, kennt er nicht einmal die werke religiöser darstellungen in gänze, sonst würde er nicht solch einen unsinn über ihre schönheit schreiben. wer findet den berühmten "isenheimer" schon schön, mit seinen komischen clowngesichtern und dem ekelhaft ausschauenden gekreuzigten. mist, alter mann, was du da von dir gibst!
    nebenbei: ist bekannt, was diese lautlos lauschenden künstler danach kommentierten? oder ließen sie auch dies, erschlagen von der tiefe des gehörten?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service