Der Neue kam als Saubermann. Als Peter Löscher im Juli 2007 an die Spitze des Siemens-Konzerns trat, war dessen guter Ruf ramponiert. Hunderte von Millionen Euro waren als Schmiergeld eingesetzt worden, Staatsanwälte hatten die Zentrale in München durchsucht, und die US-Börsenaufsicht SEC ermittelte ebenfalls.

Es dauerte nicht lange, da hatte der Vorstandschef einen markigen Satz parat: »Siemens steht für saubere Geschäfte – immer und überall.«

Das entsprach nicht der Wahrheit, für saubere Geschäfte stand der Name des Konzerns ja gerade nicht. Der Satz fasste aber griffig die neue Linie in Worte – keine Korruption, keine Grauzonen, keine Toleranz gegenüber Übeltätern in den eigenen Reihen. Die Absichtserklärung untermauerte er damit, dass er einen Erziehungs- und Überwachungsapparat einrichtete, wie ihn kaum ein Unternehmen hat.

Zum Anführen der grünen Revolution ist niemand besser gerüstet als Siemens
Konzernchef Peter Löscher

Als der Neue sein Büro im Palais am Wittelsbacherplatz bezog, kannte er Siemens kaum. Der Vorstandschef fing als Lehrling an, und das war vielleicht gut so. Am meisten überraschte ihn, in wie vielen Bereichen der Konzern technologisch führend war. Und: Viele der Erzeugnisse und Lösungen ließen sich wegen ihrer Energiespareffekte mit einigem Recht als grün klassifizieren. Als saubere Geschäfte.

Aufräumen und zu Neuem aufbrechen – Peter Löscher hatte sein Thema gefunden. Im Jahr zuvor hatte Nicholas Stern mit seinem Bericht über den Klimawandel und dessen Kosten die Welt aufgerüttelt. Der britische Ökonom machte klar, dass es die Menschheit billiger kommt, wenn sie heute handelt. Der Weg in eine grünere Weltwirtschaft sei für Siemens eine »Riesenchance«, fand Löscher und verwies auf die Geschichte des seit 1847 bestehenden Energie- und Industrieausrüsters. »Technische Revolutionen waren schon immer unser Feld. Und deshalb ist zum Anführen der grünen Revolution auch niemand besser gerüstet als Siemens.«

»Es ist erstaunlich, wie lange die dafür gebraucht haben«

Löscher selbst hat seine Karriere bei Hoechst gemacht und war für den Pharmakonzern in Deutschland, Spanien, Japan, Großbritannien und den USA. Nach zwölf Jahren war er zum britischen Medizinhersteller Amersham gewechselt und mit diesem vom US-Konzern General Electric (GE) übernommen worden. Dort hat er erlebt, wie GE 2005 unter der Hand von Werbeprofis zu ergrünen begonnen hatte. Alle als »energieeffizient und umweltfreundlich« vorzeigbaren Produkte erhielten das Label »Ecomagination«, das Kunstwort sollte sprachlich die Verbindung von Ökologie und Ideenreichtum schaffen.

Bei Siemens ließ Löscher quer durch die Geschäftsbereiche alle Einnahmen zusammenzählen, die der Konzern mit ökologisch hilfreichen Produkten machte. Im Juni 2008 lud er die Weltpresse nach London ein und präsentierte das Ergebnis. »Wir verfügen über das stärkste Umweltportfolio der Welt«, tönte der Konzernchef. 17 Milliarden Euro habe Siemens 2007 mit grünen Produkten umgesetzt. GE hatte für 2006 neun Milliarden Euro ausgewiesen. Löscher gab intern das Ziel aus, die Ökoeinnahmen innerhalb von drei Jahren auf 25 Milliarden Euro zu erhöhen. Es sieht so aus, als ob das klappt. Nach den neuesten Zahlen erwirtschaftete Siemens mit grünen Produkten und Diensten im (schon abgelaufenen) Geschäftsjahr 2009 bereits 23 Milliarden Euro, fast 30 Prozent des gesamten Umsatzes.

Beobachter sind beeindruckt. »Viele Unternehmen wollen sich jetzt ins grüne Licht stellen«, sagt Reinhold Windorfer, »aber bei Siemens sieht es wirklich so aus, als ob das Hand und Fuß hat. Natürlich müssen die Beweise dafür noch erbracht werden.« Windorfer ist Analyst bei oekom, einer Agentur, die Firmen danach bewertet, wie nachhaltig sie wirtschaften. Auch der SPD-Politiker und Träger des Alternativen Nobelpreises Hermann Scheer ist angetan von dem Wandel des Konzerns und spricht von einer »positiven Entwicklung«. Er fügt hinzu: »Es ist erstaunlich, wie lange die dafür gebraucht haben.« Roland Pitz, Analyst bei UniCredit und ein guter Kenner des Konzerns, sagt über das Umweltportfolio: »Das besteht zum großen Teil aus Produkten, die Siemens auch vorher schon gemacht hat. Man hat es nur nicht als grüne Technologie qualifiziert.«

In jedem Fall hat das Ökogeschäft Siemens in der Wirtschaftskrise stabilisiert: Während der Umsatz insgesamt auf dem Vorjahresniveau stagnierte, wuchsen die Einnahmen aus dem Verkauf von grünen Produkten um elf Prozent. Den Konkurrenten hat Siemens hinter sich gelassen: GE hat die Ecomagination-Einnahmen für 2008 mit 18 Milliarden Dollar beziffert, umgerechnet zwölf Milliarden Euro. Allerdings sind die Zahlen der Unternehmen nur teilweise vergleichbar. Was sie zum Umweltgeschäft zählen, entscheiden die Firmen selbst. GE rechnet sogar Flugzeugtriebwerke, wenn sie vergleichsweise verbrauchsarm sind, zu den Ökoprodukten.

Und bei Siemens? Grundsätzlich fallen dort alle Erzeugnisse in die grüne Kategorie, mit denen erneuerbare Energien genutzt werden. Und auch alles, was der Luft- und Wasserreinigung dient. Bei Kraftwerken vergleicht Siemens die neuen Anlagen mit dem Durchschnitt bestehender Kraftwerke; solche, die deutlich besser sind, können als grün klassifiziert werden. Ein Vorzeigeobjekt ist eine Turbine, die in einem Gas-und-Dampf-Kraftwerk im bayerischen Irsching läuft. Mit ihrem hohen Wirkungsgrad hilft sie pro Jahr so viel Emissionen einzusparen, wie 9500 VW Golf auf 20.000 Kilometern verursachen. Als grünes Geschäft gilt es auch, wenn Kohlekraftwerke auf höhere Wirkungsgrade gebracht werden, denn angeblich lässt sich dabei der CO₂-Ausstoß mit niedrigen Kosten verringern. Ideal sind Kraftwerke wie jenes, das Siemens in Göteborg errichtet hat. Die mit Erdgas befeuerte Anlage nutzt den Brennstoff zu 92,5 Prozent und versorgt die Stadt mit Strom und mit Wärme. In Oslo hat Siemens eine Metro gebaut, die mit 30 Prozent weniger Energie fährt als herkömmliche Bahnen. Oftmals finanzieren sich die Technologien fast von selbst, weil die Anschaffung weniger kostet, als sie in kurzer Zeit an Energie einsparen. Das gilt besonders für Elektromotoren, wie sie in der Industrie millionenfach eingesetzt werden.