Farbig leuchtet es aus dem Regal, mit einer Intensität, die dann doch überrascht. In Zimmer 105 im ersten Stock der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg stehen sie Rücken an Rücken beieinander, sämtliche Ausgaben der Zeitschrift Sinn und Form aus sechzig Jahren ununterbrochenen Erscheinens. Jedes der elfenbeinfarbenen Hefte wird von einer jeweils verschiedenfarbig aufgedruckten Bauchbinde gleichsam umarmt. Ein endloser Regenbogen also wächst da stetig, alle zwei Monate ein neues Heft. Unwillkürlich denkt der Betrachter an Willy Fleckhaus und die legendäre von ihm gestaltete edition suhrkamp, die in Regenbogenfarben den Geist der alten Bundesrepublik glänzen ließ. Doch die visualisierte »suhrkamp culture« ist merklich verblasst; Sinn und Form kamen irgendwann abhanden. Die Überreste ziehen momentan in den Ostteil Berlins (s. S. 57), in die Stadt von Suhrkamps Hausklassiker Bertolt Brecht, der ebenso untrennbar mit Sinn und Form verbunden ist: als Schutzheiliger in den Anfängen der Zeitschrift, die als Aushängeschild der DDR geplant war.

Vornehm strahlen die Farben von Sinn und Form hingegen auch nach Jahrzehnten. Das ist an sich schon ein kleines Wunder, wenn man an die Jahre der DDR, den Epochenbruch 1989 und die Wirren danach denkt oder überhaupt an die seit Goethe und Schiller stets gefährdete Existenzform so fragiler Objekte wie literarischer Periodika. Heute ist Sinn und Form die mit Abstand gelungenste deutschsprachige Kulturzeitschrift, in der die national wie international begehrtesten Autoren schreiben und bemerkenswerte Fundstücke der Geistesgeschichte auftauchen, wie jüngst der Briefwechsel zwischen Gershom Scholem und Ernst Jünger  (ZEIT Nr. 22/09). Alle Autoren stimmen Hymnen auf die Qualität und Kontinuität der redaktionellen Arbeit an. Wir sind daher in den Hanseatenweg am Tiergarten gefahren, um herauszufinden, worin das Geheimnis des Überlebens von Sinn und Form besteht: Womöglich in einer besonders zähen »Sinn und Form culture«? George Steiner, Literaturwissenschaftler und einst Schöpfer des Begriffs »suhrkamp culture«, ist selbstredend Sinn und Form- Autor. Allerdings kann man seinen Anglizismus im Hinblick auf den sprachsensiblen Sinn und Form- Kosmos allenfalls ironisch verwenden – und mit dem Wörtchen »ironisch« wiederum stolpern wir unversehens hinein in eine sensible Zone der Zeitschrift. Denn hier ist Ironie ein in Maßen zu genießendes, weil schnell verdächtiges Stilmittel. Und wer das kleine Redaktionsbüro betritt, spürt sofort, dass Fun hier noch immer Stahlbad ist. Es herrscht ruhige Ordnung und Übersicht, kein Schreibtischchaos. Die schweren Eichenholzmöbel stammen noch aus der Abteilung für internationale Beziehungen der Akademie der Künste in der DDR. Gegönnt wird sich da allenfalls der verträumte Blick durch die großen Fenster hinaus in die momentan herbstlich kahlen Bäume des Tiergartens. Gebloggt und getwittert wird hier nicht.

Die Zeitschrift ist geprägt von einem asketischen Willen zur Qualität

Tatsächlich ist es sinnvoll, mit der Form anzufangen, wenn man Sinn und Form verstehen will. Denn in ihr wird eine innere Haltung der Zeitschrift sichtbar. Die elegante Typografie Eduard Stichnotes, unverändert seit 1949, ist von edler Anmutung. Der bedeutsam tönende Titel signalisiert den Willen zu Dauer und Bedeutung; heutzutage heißen Kulturzeitschriften lieber bella triste, Kultur & Gespenster, edit oder 032c. Und das Resultat des Bilderverbots, das bis auf äußerst seltene Ausnahmen herrscht, mag Banausen als Bleiwüste abschrecken; für Wortmenschen ist es ein herrlich unzeitgemäßes Faszinosum – und bildhaft ist die Sprache in Sinn und Form allemal. Deshalb freut sich Ingo Schulze, der 1985 nach langer Wartezeit eines der zu DDR-Zeiten begehrten Abonnements ergatterte, dass die Zeitschrift »so klug gewesen ist, nichts am Layout zu verändern«. All das wirkt zunächst vielleicht altertümlich und konservativ. Präziser wäre jedoch eine andere Deutung: Tradition und Gegenwartsdistanz als Überlebenstechnik und Unabhängigkeitsgarantie, ablesbar an der schillernden Geschichte dieser Zeitschrift.

Als Brücke zwischen bürgerlichen und sozialistischen Künstlern hatten Johannes R. Becher und Paul Wiegler die Zeitschrift 1949 gegründet. Unter der Ägide ihres Chefredakteurs, des parteilosen Dichters Peter Huchel, wurde sie zu einer legendären Institution in der frühen DDR: staats-, aber nicht linientreu, trotz Stalin-Hymnen weltoffen, gesamtdeutsch orientiert und mit hohen Qualitätsmaßstäben. 1962 vertrieb man den Chefredakteur brutal aus dem Amt; fortan wurde er in seinem Haus im brandenburgischen Wilhelmshorst isoliert, bis er 1971 endlich in den Westen gehen konnte.

Doch der einmal gepflegte Eigensinn der Zeitschrift ließ sich nie mehr in Gänze domestizieren, trotz Anpassung, IMs und argwöhnischer Beobachtung. Ulrich Plenzdorfs Neue Leiden des jungen W. erschienen hier 1972, 1975 Volker Brauns die DDR-Verhältnisse radikal kritisierende Unvollendete Geschichte; beide sorgten für heftige Diskussionen, ebenso wie die später von Wolfgang Harich angestoßene Nietzsche-Debatte. Sinn und Form war die »Rettungsinsel im grauen Meer der staatlich gegängelten Literatur«, bilanziert Durs Grünbein, der hier 1988 seine ersten Gedichte veröffentlichte. »Von hier aus waren gewisse Ausblicke möglich.«