Jubiläum Die »Sinn und Form«-Kultur

Die vornehmste deutsche Kulturzeitschrift wird sechzig. Distanz zur Gegenwart garantiert ihre Unabhängigkeit.

Drei Guerilleros: Gernot Krämer, Sebastian Kleinschmidt, Matthias Weichelt

Drei Guerilleros: Gernot Krämer, Sebastian Kleinschmidt, Matthias Weichelt

Farbig leuchtet es aus dem Regal, mit einer Intensität, die dann doch überrascht. In Zimmer 105 im ersten Stock der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg stehen sie Rücken an Rücken beieinander, sämtliche Ausgaben der Zeitschrift Sinn und Form aus sechzig Jahren ununterbrochenen Erscheinens. Jedes der elfenbeinfarbenen Hefte wird von einer jeweils verschiedenfarbig aufgedruckten Bauchbinde gleichsam umarmt. Ein endloser Regenbogen also wächst da stetig, alle zwei Monate ein neues Heft. Unwillkürlich denkt der Betrachter an Willy Fleckhaus und die legendäre von ihm gestaltete edition suhrkamp, die in Regenbogenfarben den Geist der alten Bundesrepublik glänzen ließ. Doch die visualisierte »suhrkamp culture« ist merklich verblasst; Sinn und Form kamen irgendwann abhanden. Die Überreste ziehen momentan in den Ostteil Berlins (s. S. 57), in die Stadt von Suhrkamps Hausklassiker Bertolt Brecht, der ebenso untrennbar mit Sinn und Form verbunden ist: als Schutzheiliger in den Anfängen der Zeitschrift, die als Aushängeschild der DDR geplant war.

Vornehm strahlen die Farben von Sinn und Form hingegen auch nach Jahrzehnten. Das ist an sich schon ein kleines Wunder, wenn man an die Jahre der DDR, den Epochenbruch 1989 und die Wirren danach denkt oder überhaupt an die seit Goethe und Schiller stets gefährdete Existenzform so fragiler Objekte wie literarischer Periodika. Heute ist Sinn und Form die mit Abstand gelungenste deutschsprachige Kulturzeitschrift, in der die national wie international begehrtesten Autoren schreiben und bemerkenswerte Fundstücke der Geistesgeschichte auftauchen, wie jüngst der Briefwechsel zwischen Gershom Scholem und Ernst Jünger  (ZEIT Nr. 22/09). Alle Autoren stimmen Hymnen auf die Qualität und Kontinuität der redaktionellen Arbeit an. Wir sind daher in den Hanseatenweg am Tiergarten gefahren, um herauszufinden, worin das Geheimnis des Überlebens von Sinn und Form besteht: Womöglich in einer besonders zähen »Sinn und Form culture«? George Steiner, Literaturwissenschaftler und einst Schöpfer des Begriffs »suhrkamp culture«, ist selbstredend Sinn und Form- Autor. Allerdings kann man seinen Anglizismus im Hinblick auf den sprachsensiblen Sinn und Form- Kosmos allenfalls ironisch verwenden – und mit dem Wörtchen »ironisch« wiederum stolpern wir unversehens hinein in eine sensible Zone der Zeitschrift. Denn hier ist Ironie ein in Maßen zu genießendes, weil schnell verdächtiges Stilmittel. Und wer das kleine Redaktionsbüro betritt, spürt sofort, dass Fun hier noch immer Stahlbad ist. Es herrscht ruhige Ordnung und Übersicht, kein Schreibtischchaos. Die schweren Eichenholzmöbel stammen noch aus der Abteilung für internationale Beziehungen der Akademie der Künste in der DDR. Gegönnt wird sich da allenfalls der verträumte Blick durch die großen Fenster hinaus in die momentan herbstlich kahlen Bäume des Tiergartens. Gebloggt und getwittert wird hier nicht.

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Die Zeitschrift ist geprägt von einem asketischen Willen zur Qualität

Ein literarischer Leuchtturm

»Sinn und Form« lesen momentan fast 3000 Abonnenten, ein Drittel davon außerhalb Deutschlands. Die Zeitschrift erscheint alle zwei Monate zum Preis von 9 Euro je Heft. www.sinn-und-form.de.

Geschichte

Zwei britische Literaturwissenschaftler haben jetzt eine Studie zur Geschichte der Zeitschrift vorgelegt. Stephen Parker/Matthew Philpotts: Sinn und Form. The Anatomy of a Literary Journal; de Gruyter Verlag, Berlin/New York 2009; 396 S., 99,95 €.

60. Geburtstag

Zum 50. Geburtstag der Zeitschrift hat Chefredakteur Sebastian Kleinschmidt eine immer noch lesenswerte Auswahl der besten Essays, Gedichte und Gespräche herausgegeben – von Bloch bis Gadamer und Habermas, von Kertész, Mann, Brecht bis Heiner Müller: Stimme und Spiegel. Fünf Jahrzehnte Sinn und Form ; Aufbau-Verlag 1999; 638 S., 19,80 €.

Unter dem Titel Gegenüberglück hat Kleinschmidt seine eigenen gesammelten Texte publiziert. (Matthes & Seitz, Berlin 2008; 263 S., 24,80 €)

In Berlin diskutieren anlässlich des 60. Geburtstags der Zeitschrift der Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann, Hanser-Verleger Michael Krüger und Sebastian Kleinschmidt: 2. Dezember, Akademie der Künste, Pariser Platz, 20 Uhr.

Tatsächlich ist es sinnvoll, mit der Form anzufangen, wenn man Sinn und Form verstehen will. Denn in ihr wird eine innere Haltung der Zeitschrift sichtbar. Die elegante Typografie Eduard Stichnotes, unverändert seit 1949, ist von edler Anmutung. Der bedeutsam tönende Titel signalisiert den Willen zu Dauer und Bedeutung; heutzutage heißen Kulturzeitschriften lieber bella triste, Kultur & Gespenster, edit oder 032c. Und das Resultat des Bilderverbots, das bis auf äußerst seltene Ausnahmen herrscht, mag Banausen als Bleiwüste abschrecken; für Wortmenschen ist es ein herrlich unzeitgemäßes Faszinosum – und bildhaft ist die Sprache in Sinn und Form allemal. Deshalb freut sich Ingo Schulze, der 1985 nach langer Wartezeit eines der zu DDR-Zeiten begehrten Abonnements ergatterte, dass die Zeitschrift »so klug gewesen ist, nichts am Layout zu verändern«. All das wirkt zunächst vielleicht altertümlich und konservativ. Präziser wäre jedoch eine andere Deutung: Tradition und Gegenwartsdistanz als Überlebenstechnik und Unabhängigkeitsgarantie, ablesbar an der schillernden Geschichte dieser Zeitschrift.

Als Brücke zwischen bürgerlichen und sozialistischen Künstlern hatten Johannes R. Becher und Paul Wiegler die Zeitschrift 1949 gegründet. Unter der Ägide ihres Chefredakteurs, des parteilosen Dichters Peter Huchel, wurde sie zu einer legendären Institution in der frühen DDR: staats-, aber nicht linientreu, trotz Stalin-Hymnen weltoffen, gesamtdeutsch orientiert und mit hohen Qualitätsmaßstäben. 1962 vertrieb man den Chefredakteur brutal aus dem Amt; fortan wurde er in seinem Haus im brandenburgischen Wilhelmshorst isoliert, bis er 1971 endlich in den Westen gehen konnte.

Doch der einmal gepflegte Eigensinn der Zeitschrift ließ sich nie mehr in Gänze domestizieren, trotz Anpassung, IMs und argwöhnischer Beobachtung. Ulrich Plenzdorfs Neue Leiden des jungen W. erschienen hier 1972, 1975 Volker Brauns die DDR-Verhältnisse radikal kritisierende Unvollendete Geschichte; beide sorgten für heftige Diskussionen, ebenso wie die später von Wolfgang Harich angestoßene Nietzsche-Debatte. Sinn und Form war die »Rettungsinsel im grauen Meer der staatlich gegängelten Literatur«, bilanziert Durs Grünbein, der hier 1988 seine ersten Gedichte veröffentlichte. »Von hier aus waren gewisse Ausblicke möglich.«

1984 kommt ein Philosoph in die Redaktion, der die Geschicke der Zeitschrift bis heute prägt: der asketische Sebastian Kleinschmidt mit den freundlich blitzenden Augen, geboren 1948 als Sohn des Schweriner Dompredigers, der zugleich religiöser Sozialist und SED-Mitglied war. Der Sohn war seit 1968 in der Partei und hatte zugleich während des Studiums einem trotzkistischen Kreis angehört, der vom MfS zerschlagen wurde. 1988 bewies Kleinschmidt Mut vor dem Thron: Als Kurt Hager, der mächtige Ideologie-Sekretär der SED, in einer Akademiesitzung die Zeitschrift attackiert, widerspricht er erfolgreich. »redakteur kleinschmidt entgegnet ihm ruhig und bestimmt, und die hoheit muß auf der ganzen linie den rückzug antreten. damit sind in dem punkt die machtverhältnisse geklärt«, notiert Volker Braun in sein Tagebuch. 

Im Sommer 1989 kam es dann zu einer pittoresken spätsozialistischen Konstellation. Die Zeitschrift publizierte in der Ausgabe zum 40. Geburtstag das Grußschreiben Erich Honeckers: »Möge ›Sinn und Form‹ auch weiterhin vom Leistungsvermögen und von der Ausstrahlungskraft unserer sozialistischen Nationalkultur zeugen.« Weiter hinten im Heft fanden die Leser schärferen Stoff: ein Gespräch des Soziologen Wolfgang Engler mit Norbert Elias, Anna Achmatowas Poem Requiem sowie Christoph Heins Parabel Die Ritter der Tafelrunde über die Tragik einer erstarrten herrschenden Greisentruppe, die der SED-Führung auffallend ähnelte.

Es ist eine Kunst, intellektuelle Spannung aufzubauen

Die offene Gesellschaft nach 1989 hatte andere Kampfzonen zu bieten. In den Turbulenzen um die Vereinigung der beiden Berliner Akademien 1992/93 hing das Schicksal von Sinn und Form am seidenen Faden. Als dann der neue Chefredakteur Sebastian Kleinschmidt es wagte, Auszüge aus Tagebüchern Ernst Jüngers zu veröffentlichen, drohte Walter Jens, Akademiepräsident West, öffentlich mit »Folgen«: Die Wendung der Zeitschrift, »gestern SED und heute die nationale Rechte«, sei »ohne Diskussion ganz und gar untragbar«. Heiner Müller, Akademiepräsident Ost, solidarisierte sich mit Kleinschmidt; schließlich gestand Jens zu, wie ein »Oberlehrer des Jahres 1890« geklungen zu haben. Im Oktober 1993 gab es ein dramatisches Nachspiel: Hans Mayer forderte da auf einer Sitzung der Literatursektion in der Akademie der Künste die Schließung der Zeitschrift; mit Leuten, die Jünger verteidigten, könne er nicht an einem Tisch sitzen. Doch der Pluralismus wurde heftig gegen ihn verteidigt, bis schließlich ein wütender Hans Mayer den Saal verließ. Es war die vorerst letzte Schlacht, die Sinn und Form schlagen musste. Dass Ernst Jünger solche Wortgewitter verursachen konnte, scheint auch schon wieder eine halbe Ewigkeit her zu sein: dreiundneunzig, verweht.

Wenn in der DDR schon Signale ausreichten, um intellektuelle Spannungen aufzubauen, sei das heute sehr viel schwieriger, sagt Kleinschmidt im Gespräch. Allerdings hat er seine erfolgreiche Methode zur Spannungserzeugung, jenem eigentlichen Sinn von Sinn und Form : »Unsere Gegenwart ist säkular – also betonen wir leicht die theologischen Momente. Unsere Gegenwart ist prosaisch – also betonen wir leicht die poetischen Momente. Unsere Gegenwart ist unphilosophisch – also betonen wir leicht die philosophischen Momente.« Wer sich in den vergangenen Jahren bei der Lektüre der Zeitschrift über reaktionäre Zungenschläge, über mythische Denkfiguren und Rationalitätsskepsis gewundert hat, der sollte sich erinnern, dass das »Prinzip Abstand« (Gustav Seibt), also das sich nicht gemein Machen mit der jeweiligen Gegenwart, das Überleben der Zeitschrift erfolgreich gesichert hat. Und die Seele des Chefredakteurs und Dompredigersohnes, der mittlerweile länger amtiert als alle seine Vorgänger, treiben Glauben und Transzendenz offenbar mehr um als früher.

Unverkennbar sind dabei die intellektuelle Neugier und Offenheit, die Lust an der subtilen Textkomposition und der Ernst beim Redigieren. Die eingehenden Texte seien schlechter geworden, bilanziert Kleinschmidt seine 25 Jahre; der Redigieraufwand werde immer höher, vor allem bei zunehmend schlampigen Übersetzungen: »97 Prozent aller eingehenden Manuskripte werden abgelehnt.« Und der Generationswechsel deutet sich an: Seit drei Jahren arbeiten die Literaturwissenschaftler Gernot Krämer, geboren 1968, und Matthias Weichelt, geboren 1971, in der Redaktion. Für die Zukunft der Zeitschrift nach der Ära Kleinschmidt dürfte entscheidend sein, ob die Akademie der Künste sich weiterhin auf dieses Konstrukt einlässt: ein Geldgeber zu sein, der auf Einfluss verzichtet und die Redaktion in völliger Unabhängigheit belässt. Genau diese Konstruktion hat bislang die besondere Qualität von Sinn und Form ermöglicht.

Und wird es weiterhin Leser geben? Martin Mosebach, der die Zeitschrift nach 1989 entdeckt hat, empfiehlt ihr den Sonderweg: »Die elitärste Form hat die beste Chance, zu bestehen.« Wer sich hingegen anderen ähnlich mache, bekomme nur die gleichen Probleme wie diese. Und die Ausdauer lohne, denn: »Der Guerillero hat gewonnen, wenn er nicht besiegt wird.«

 
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