Jubiläum Die »Sinn und Form«-KulturSeite 2/2

1984 kommt ein Philosoph in die Redaktion, der die Geschicke der Zeitschrift bis heute prägt: der asketische Sebastian Kleinschmidt mit den freundlich blitzenden Augen, geboren 1948 als Sohn des Schweriner Dompredigers, der zugleich religiöser Sozialist und SED-Mitglied war. Der Sohn war seit 1968 in der Partei und hatte zugleich während des Studiums einem trotzkistischen Kreis angehört, der vom MfS zerschlagen wurde. 1988 bewies Kleinschmidt Mut vor dem Thron: Als Kurt Hager, der mächtige Ideologie-Sekretär der SED, in einer Akademiesitzung die Zeitschrift attackiert, widerspricht er erfolgreich. »redakteur kleinschmidt entgegnet ihm ruhig und bestimmt, und die hoheit muß auf der ganzen linie den rückzug antreten. damit sind in dem punkt die machtverhältnisse geklärt«, notiert Volker Braun in sein Tagebuch. 

Im Sommer 1989 kam es dann zu einer pittoresken spätsozialistischen Konstellation. Die Zeitschrift publizierte in der Ausgabe zum 40. Geburtstag das Grußschreiben Erich Honeckers: »Möge ›Sinn und Form‹ auch weiterhin vom Leistungsvermögen und von der Ausstrahlungskraft unserer sozialistischen Nationalkultur zeugen.« Weiter hinten im Heft fanden die Leser schärferen Stoff: ein Gespräch des Soziologen Wolfgang Engler mit Norbert Elias, Anna Achmatowas Poem Requiem sowie Christoph Heins Parabel Die Ritter der Tafelrunde über die Tragik einer erstarrten herrschenden Greisentruppe, die der SED-Führung auffallend ähnelte.

Es ist eine Kunst, intellektuelle Spannung aufzubauen

Die offene Gesellschaft nach 1989 hatte andere Kampfzonen zu bieten. In den Turbulenzen um die Vereinigung der beiden Berliner Akademien 1992/93 hing das Schicksal von Sinn und Form am seidenen Faden. Als dann der neue Chefredakteur Sebastian Kleinschmidt es wagte, Auszüge aus Tagebüchern Ernst Jüngers zu veröffentlichen, drohte Walter Jens, Akademiepräsident West, öffentlich mit »Folgen«: Die Wendung der Zeitschrift, »gestern SED und heute die nationale Rechte«, sei »ohne Diskussion ganz und gar untragbar«. Heiner Müller, Akademiepräsident Ost, solidarisierte sich mit Kleinschmidt; schließlich gestand Jens zu, wie ein »Oberlehrer des Jahres 1890« geklungen zu haben. Im Oktober 1993 gab es ein dramatisches Nachspiel: Hans Mayer forderte da auf einer Sitzung der Literatursektion in der Akademie der Künste die Schließung der Zeitschrift; mit Leuten, die Jünger verteidigten, könne er nicht an einem Tisch sitzen. Doch der Pluralismus wurde heftig gegen ihn verteidigt, bis schließlich ein wütender Hans Mayer den Saal verließ. Es war die vorerst letzte Schlacht, die Sinn und Form schlagen musste. Dass Ernst Jünger solche Wortgewitter verursachen konnte, scheint auch schon wieder eine halbe Ewigkeit her zu sein: dreiundneunzig, verweht.

Wenn in der DDR schon Signale ausreichten, um intellektuelle Spannungen aufzubauen, sei das heute sehr viel schwieriger, sagt Kleinschmidt im Gespräch. Allerdings hat er seine erfolgreiche Methode zur Spannungserzeugung, jenem eigentlichen Sinn von Sinn und Form : »Unsere Gegenwart ist säkular – also betonen wir leicht die theologischen Momente. Unsere Gegenwart ist prosaisch – also betonen wir leicht die poetischen Momente. Unsere Gegenwart ist unphilosophisch – also betonen wir leicht die philosophischen Momente.« Wer sich in den vergangenen Jahren bei der Lektüre der Zeitschrift über reaktionäre Zungenschläge, über mythische Denkfiguren und Rationalitätsskepsis gewundert hat, der sollte sich erinnern, dass das »Prinzip Abstand« (Gustav Seibt), also das sich nicht gemein Machen mit der jeweiligen Gegenwart, das Überleben der Zeitschrift erfolgreich gesichert hat. Und die Seele des Chefredakteurs und Dompredigersohnes, der mittlerweile länger amtiert als alle seine Vorgänger, treiben Glauben und Transzendenz offenbar mehr um als früher.

Unverkennbar sind dabei die intellektuelle Neugier und Offenheit, die Lust an der subtilen Textkomposition und der Ernst beim Redigieren. Die eingehenden Texte seien schlechter geworden, bilanziert Kleinschmidt seine 25 Jahre; der Redigieraufwand werde immer höher, vor allem bei zunehmend schlampigen Übersetzungen: »97 Prozent aller eingehenden Manuskripte werden abgelehnt.« Und der Generationswechsel deutet sich an: Seit drei Jahren arbeiten die Literaturwissenschaftler Gernot Krämer, geboren 1968, und Matthias Weichelt, geboren 1971, in der Redaktion. Für die Zukunft der Zeitschrift nach der Ära Kleinschmidt dürfte entscheidend sein, ob die Akademie der Künste sich weiterhin auf dieses Konstrukt einlässt: ein Geldgeber zu sein, der auf Einfluss verzichtet und die Redaktion in völliger Unabhängigheit belässt. Genau diese Konstruktion hat bislang die besondere Qualität von Sinn und Form ermöglicht.

Und wird es weiterhin Leser geben? Martin Mosebach, der die Zeitschrift nach 1989 entdeckt hat, empfiehlt ihr den Sonderweg: »Die elitärste Form hat die beste Chance, zu bestehen.« Wer sich hingegen anderen ähnlich mache, bekomme nur die gleichen Probleme wie diese. Und die Ausdauer lohne, denn: »Der Guerillero hat gewonnen, wenn er nicht besiegt wird.«

 
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