Theaterschließung in Wuppertal
Weggespart
Ein erster Theatertod in der Krise: Das Beispiel Wuppertal
© Schauspielhaus Wuppertal

Das Schauspielhaus in Wuppertal
Nein, Wuppertal steht nicht am Abgrund; allerdings kann man ihn von dort ziemlich gut sehen. Die Stadt hat 1,8 Milliarden Euro Schulden, ihr droht das Ende der Selbstverwaltung. Der Oberbürgermeister Peter Jung (CDU) hat nun ein Haushaltssicherungskonzept (HSK) vorgelegt, das unter dem Motto »Sparen, um zu gestalten« steht. Man liegt nicht falsch, wenn man »Sparen« durch »Abschaffen« ersetzt. Dichtgemacht werden Bibliotheken, Schulen und das städtische Theater. Indem man das Theater schließt, spart man zwei Millionen Euro pro Jahr. Das sind, mit Hilmar Kopper gesprochen, Peanuts.
Einer der glorreichsten Vorschläge des Wuppertaler Haushaltssicherungskonzepts besteht darin, die Radaranlagen demnächst im Zweischichtbetrieb einzusetzen. Davon erhofft man sich bedeutende Einnahmen. Nur, bitte, wer soll künftig mit überhöhter Geschwindigkeit in die Wuppertaler Radarfallen rauschen, aus Angst, den Beginn einer Vorstellung, aus Angst, irgendetwas zu verpassen, wenn es bald nichts mehr zu verpassen gibt? Das Wuppertaler Theater jedenfalls ist so gut wie tot. Und wenn ein Theater erst mal geschlossen ist, wird es nie wieder eröffnet werden. Ein anderes ungeschriebenes Gesetz lautet: Eine Stadt, die ihr Theater schließt, gibt sich selbst auf.
Wuppertal wird bald eine verkehrsberuhigte Stadt sein. Rettungsschirme, wie sie den Banken zugutekommen, werden sie nicht schützen. Steuersenkungen, welche die Regierung verspricht, werden ihr nicht helfen. Wo bleibt der Rettungsplan für Not leidende Kommunen? Eine bedeutende Maßnahme hätte das Wuppertaler Haushaltssicherungskonzept sicher gern in Angriff genommen: die Erhöhung der Alkoholsteuer. Das geht leider nicht, denn diese Steuer ist Sache des Bundes. Alkohol aber wird man brauchen; man braucht ihn am dringendsten dort, wo sonst nichts los ist.
Damit kein Missverständnis aufkommt: Dies ist kein Artikel gegen Wuppertal. Auch andere Städte erwägen rabiate Eingriffe in ihr Kulturleben: etwa das reiche Stuttgart und das hochmütige Hamburg. Wuppertal geht nur voran. Von dort aus hat man den besten Blick in den Abgrund. Manche sagen auch: in die Zukunft.
- Datum 27.11.2009 - 13:59 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
- Kommentare 10
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werden doch gewählt oder??
Und wie es scheint, werden die Lebemänner, die immer über ihre Verhältnisse leben, auch gerne gewählt.
Schaut man sich die Etats beliebiger Städte an, so ist die Ursache meistens Unwissen, Dummheit oder Vetternwirtschaft für den Untergang verantwortlich. Und, was apssiert. Bei den nächsten Waheln werden die gleichen leichen ins Parkett gehoben. Schade für die Kultur im Lande der Dichter und Denker, das zum Land der Wichte und Lenker verkommt.
...ist "Kultur" etwas, das nicht vom Staat betrieben werden sollte; zumindest nicht in der Hauptsache. Das ist ein arroganter und vor allem anderen ineffizienter Umgang mit anderer Leute Geld. Es ist also ok, wenn die Städte ihre Museen und Theater abgeben.
....mit der sich der Staat anmaßt, zu entscheiden, was "Kultur" ist und was nicht; der Bürger alleine soll entscheiden, was er konsumiert und was nicht!
Wenn der Staat Theater nicht fördert sterben sie. Ein größeres Schauspielhaus hat Produktionskosten pro Inszenierung von einem Dreifachen oder mehr der Einnahmen durch Eintrittsgelder. Ist es arrogant vom Staat, den Bürgern Theaterbesuche zu ermöglichen? Und: Der Bürger allein soll entscheiden, was er konsumiert? Konsum und Kultur haben miteinander zwar etwas zu tun, sie sind aber bei weitem nicht das gleiche. Kultur hat in vielen Bereichen auch eine Art Bildungsauftrag. Als nächstes schlagen Sie noch vor, dass man in der Schule nur das lernen soll, worauf man gerade Lust hat. Na die Generation will ich nicht erleben!
"Dichtgemacht werden Bibliotheken, Schulen und das städtische Theater."
Wie man den Nerv haben kann sich dabei dann über das Theater aufzuregen verstehe ich nicht. Wahrscheinlich muss sich der Großteil der Wuppertaler Bürger sowieso seine Kultur selbst finanzieren da nicht wie das Theater öffentlich subventioniert.
Ob man das vor einem halben Jahr gewagt hätte, als Pina Bausch noch lebte? Das Opernhaus hatte man ja gerade frisch fertig saniert, das Schauspielhaus sollte folgen. Stattdessen nun eine Schließung bis 2012? Dann gehen wohl auch alle Gebühren für die Musikschulen und Kindergärten rauf, der Zoo wird immer teurer, Schwebebahnfahren auch, die städtischen Bäder ebenfalls, Institute an der Bergischen Universität sterben einen langsamen Tod und der Hauptbahnhof mit dem gesamten Döppersberg, der seit gefühlten 30 Jahren endlich mal saniert werden soll (mit seiner in Wuppertal als "Pissrinne" bekannten Unterführung), der darf dann noch ein paar Jahrzehnte weiterstinken. Vielleicht kauft ja das Cinemaxx direkt neben dem Schauspielhaus das leerstehende Gebäude und baut noch ein paar extra geschmacklose Kinosäle rein?
Ich bin vor fast zehn Jahren aus Wuppertal weggezogen. Wenn ich nun Nachrichten wie diese hier lese, dann weiß ich, dass ich bald Gesellschaft von immer mehr Exil-Wuppertaler/innen erhalten werde. Denn ganz ehrlich: was hält einen am Ende noch in einer solchen Stadt? Cinemaxx und City-Arkaden, die den Charme von Beliebigkeit und Austauschbarkeit versprühen wohl kaum. Die Schließung eines Theaters ist vermutlich wirklich nur ein Vorbeben, dass das eigentliche Erdbeben nur ankündigt.
Was der Mensch nicht benötigt, braucht er am dringensten: Kultur!
Was aber den viel zu vielen Politikern auf allen Ebenen - Stadt, Gemeinde, Land, Staat - immer und reflexartig einfällt, wenn es mal wieder ums Sparen geht: An der Kultur kann man am besten sparen, das regt die wenigsten Menschen wirklich auf.
Stimmt das denn? Würden die zum Teil schamlosen Politiker ("So 'n schönen Montblanc können Sie bitte auch für mich bestellen, Herr Lammert!") auch nur ansatzweise auf den Bundesrechnungshof hören, könnte die Republik Milliarden sparen! Milliarden! Aber lieber streichen wir den Theatern, den Opernhäusern ("Oh, Pina Bausch - wer hat sich alles schon mit Dir geschmückt!") und den Sportvereinen die Zuschüsse! Ja alles unnötiger Krimskram!
Wofür aber werden unsere vielen Steuergelder denn verwendet? Unsere Straßen ähneln allmählich denen in den Karpaten. Unsere Kinderspielplätze degenerieren zu Hundeklos. Öffentliche Toiletten auf dem Bahnhof - zum Beispiel auch in Elberfeld - gibt es nicht mehr.
Wenn es nicht gar zu garstig und polemisch wäre, könnte man ja annehmen, unsere Steuern bescheren den Angestellten im Öffentlichen Dienst und den (Kommunal)-Beamten ein sorgenfreies Pensionsleben. Aber, unterstellt, das wäre gar nicht so - dann stellt sich doch tatsächlich die Frage: In welchen (Haushalts)-Löchern verschwinden unsere Steuern?
Unsere Politiker predigen es täglich: Mehr Geld für Bildung & Ausbildung! Deshalb schließen wir schon mal das eine oder andere Theater...
Es ist kein Geheimnis wohin das Geld seit Jahren geht.
Die neue Bundesregierung führt gerade erneut vor, wohin es verschwindet. In weitere Umverteilungsmaßnahmen zur Förderung der sog. Eliten, Unternehmen und Spitzenverdienern und zur weiteren "Spreizung" der Lebensbedingungen in unserem Land. Überhaupt das Casino braucht frisches Geld.
Gerade beklagen sich die Kommunen, über weitere Steuerausfälle durch das neoliberal geprägte sogenannte Wachstumsbeschleunigungsgesetz. Dies wird zu einem erheblichen Teil auf deren Kosten finanziert werden.
Die Möglichkeit zur Teilhabe, auch und gerade an der Kultur, ist eine Mitvoraussetzung zum friedlichen Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Dazu gehört, dass Kultur und Bildung für jeden erreichbar sind. Daher ist dies ein Auftrag, der im gemeinnützigen Sinne steuerfinanziert bleiben muss. Nur dies garantiert eine Kultur, welche unabhängig von wirtschaftlichen Partikularinteressen und bezahlbar ist.
Auch und gerade dann, wenn diese Kultur manchem Wirtschaftslobbyisten und Regierenden schwer auf den Magen schlägt.
Dafür zahle ich als Normalverdiener gerne Steuern.
Wenn der Staat Theater nicht fördert sterben sie. Ein größeres Schauspielhaus hat Produktionskosten pro Inszenierung von einem Dreifachen oder mehr der Einnahmen durch Eintrittsgelder. Ist es arrogant vom Staat, den Bürgern Theaterbesuche zu ermöglichen? Und: Der Bürger allein soll entscheiden, was er konsumiert? Konsum und Kultur haben miteinander zwar etwas zu tun, sie sind aber bei weitem nicht das gleiche. Kultur hat in vielen Bereichen auch eine Art Bildungsauftrag. Als nächstes schlagen Sie noch vor, dass man in der Schule nur das lernen soll, worauf man gerade Lust hat. Na die Generation will ich nicht erleben!
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