Hochschulreform Nieder mit Bologna!

Eine sogenannte Reform hat die deutschen Universitäten zerstört. Sie können nur gerettet werden, wenn der kontrollierte Student wieder Bummelstudent werden darf.

Viele Studenten möchten mal wieder in Ruhe nachdenken können, ohne Credit Points zu sammeln

Viele Studenten möchten mal wieder in Ruhe nachdenken können, ohne Credit Points zu sammeln

Ist der Bummelstudent wieder da? Seit Jahren versucht man aus dem deutschen Studenten einen besseren, einen effizienteren Menschen zu machen. Ihm wurde das lästige Studium gestrafft, kontrolliert werden jetzt minutiös seine Leistungen, dicht gedrängt ist sein Stundenplan. Der Nichtsnutz aber blockiert neuerdings den Hörsaal und geht mit allerlei bunten Forderungen auf die Straße: Er will keine Studiengebühren zahlen. Er sagt, die neuen Studiengänge seien überreguliert, sie sollten wieder abgeschafft werden. Er sagt, er könne sich nicht frei entfalten. Kurzum: Der deutsche Student will wieder bummeln.

Und zwar völlig zu Recht. Das ungerichtete Herumstudieren an der deutschen Universität, vorzugsweise in geisteswissenschaftlichen Disziplinen, hat eine ehrwürdige Tradition. Sie reicht im Übrigen auch viel zu lange zurück, um sie in wenigen Jahren zu beseitigen. Als der amerikanische Schriftsteller Mark Twain 1878 Heidelberg besuchte, wunderte er sich sehr über die »wenigen Vorschriften« an den deutschen Hochschulen. Der Student »wird nicht für eine bestimmte Zeitspanne an der Universität aufgenommen«, notierte er, »deshalb ist es auch wahrscheinlich, dass er mal wechselt. Er braucht zur Aufnahme an der Hochschule keine Prüfungen abzulegen… Er zahlt gerade mal eine Aufnahmegebühr von fünf oder zehn Dollar, erhält einen Ausweis, der ihm Zugang zu den Einrichtungen der Universität verschafft, und das war es auch schon… Er wählt das Fach, das er studieren will, und trägt sich für das Studium ein, aber er kann beim Besuch der Vorlesungen auch mal aussetzen.«

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Noch vor zehn Jahren wären diese vor über 130 Jahren gemachten Beobachtungen eine exakte Charakterisierung des deutschen Studenten gewesen. Das Bummeln war, modisch gesprochen, sein Alleinstellungsmerkmal. Und mit Bummeln war, recht besehen, keineswegs Faulheit gemeint (die es zweifelsohne auch gab), sondern eine den Sozialneid nachgerade heraufbeschwörende Lebensweise: Seminare, von uninspirierten Professoren abgehalten, brach der deutsche Student gerne ab. Er gab sich in einer jede Vernunft überschreitenden Emsigkeit eigenen Vorlieben hin, besuchte Veranstaltungen (die man sich damals noch weitgehend frei auswählen konnte) vorzugsweise von charismatischen Dozenten, las in kurioser Hingabe Kafkas Erzählungen, um zwei Semester verspätet eine viel zu lange, sechzigseitige Seminararbeit abzugeben, die nicht nur klaglos angenommen, sondern auch noch bestens benotet wurde – ein Vorgang, der heute schon aus formalen Gründen verunmöglicht wird.

Waren von den wenigen Pflichtscheinen, die der Bummelstudent absolvieren musste, ein paar unliebsame dabei, so saß er derlei Veranstaltungen mit höhnischem Desinteresse ab – die Beurteilung am Ende des Semesters war für die spätere Examensleistung belanglos. Er war fleißig auf eine Weise, die man tatsächlich nur als bummelnd im Sinne von spazierend oder herumstreunend bezeichnen kann. Und es machten bisweilen ausgerechnet jene Karriere, die zum verwilderten, zum absichtslosen, zum ungezwungenen Denken, zur störrischen Individualisierung, zu Eigenständigkeit neigten. Die ebendas verabscheuten, was den Universitäten heute ihr Heiligstes ist: verschulte Studiengänge mit Studienzeiten und Studienkonten, berufspraktische Übungen, Kontrollen und Vergleichbarkeitskriterien, eine Verwaltung, die durch Evaluierungs- und Akkreditierungswahnsinn um sich selbst kreist; das mechanische Einwerben von Drittmitteln anhand zeitvernichtender Anträge; eine kolchosenhaft-interdisziplinäre Umtriebigkeit, die das Gegenteil ist von intellektueller Einsamkeit und gelehrter Ausstrahlung, die keinen messbaren Marktwert innehaben und auch deshalb verspottet werden.

Es gab, mit anderen Worten, an den Universitäten einen Grad an Eigensinn, an Unordnung und an verrauchter Unspießigkeit, der den unternehmensberaterisch geschulten Reformer, der in den späten neunziger Jahren verbreitet aufkam und der sich um die Wettbewerbsfähigkeit der Deutschen sorgte, nur heillos empören konnte. Es wurde häufig angemerkt, dass der Reformeifer dem allerneuesten Marktradikalismus entsprang. Und man hat sich tatsächlich nicht einmal die Mühe gemacht, dies begrifflich zu vertuschen: Studienleistungen werden in den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen nach »Workloads« berechnet, also nach Arbeitsaufwand, man sammelt »Credit Points«, Zielvorgaben von Universitäten werden mit den Plastikwörtern Mobilität, Flexibilität, Praxisbezug und Wettbewerb umrissen.

Womöglich soll derlei Vokabular ohnehin nur darüber hinwegtäuschen, dass die von oben herab verordneten Universitätsreformen deutlich Züge planwirtschaftlicher Leninisierung annehmen und Wettbewerb häufig nur simuliert wird. Nicht nur das unproduktive Anwachsen der Überwachungsapparate und die Erhöhung des Betriebsfaktors sprechen hierfür, sondern die Förderung ausgesprochen spezifischer Charaktere an den Hochschulen: Der deutsche Professor soll heute kein intellektueller Individualist mit nach außen strahlender Gelehrsamkeit mehr sein, der mit seinen Büchern vor gar nicht allzu langer Zeit durchaus eine breitere Öffentlichkeit erreichen konnte. 

Der deutsche Professor nach neuem Wunschbild ist ein apparatschikhaft vernetzter Großorganisator von Studiengängen, Graduiertenkollegs und Sonderforschungsbereichen, der pflichtgemäß allerlei uninspirierte Sammelbände herausgibt, um seinen Brotgelehrtenfleiß zu dokumentieren. Ihm entspricht der Student, der sich nicht mehr um zwei Uhr nachts noch in Nabokovs Romane vertieft, sondern der um acht Uhr morgens frisch rasiert den Hörsaal betritt, um seinem Workload gerecht zu werden. Der auch nicht mehr – sofern er engagiert und begabt ist – das Privileg genießt, von einem Dozenten frühzeitig in ein Oberseminar eingeladen zu werden, sondern der lemminghaft die für seine Alterskohorte vorgesehenen Pünktchen sammelt. 

Die genaue Messbarkeit, Planung und Steigerung der Arbeitsleistung war stets der Blütentraum des sozialistischen Idealfunktionärs gewesen, der die Individualisierung im Westen als »dekadent« und als »elitär« brandmarkte. Dieselben Kampfbegriffe werden heute von den Reformbefürwortern wieder völlig geschichtsvergessen angeführt, um die alte Ordinarienherrlichkeit zu denunzieren. Ihre Argumentation mündet zumeist in den Vorwurf, die Professoren seien faul und an der Lehre desinteressiert gewesen – deshalb sei man zu den umfassenden Kontrollmechanismen übergegangen, die nebenbei den schönen Vorzug hätten, gleich noch den trägen und orientierungslosen Langzeitstudenten mitzubeseitigen. Gustav Seibt hat in der Süddeutschen Zeitung vor Kurzem treffend angemerkt, dass der sogenannte Bologna-Prozess, die Idee eines europaweit vereinheitlichten, durch Modularisierung vergleichbar gemachten Studierens, in seinem negativen Menschenbild den Hartz-IV-Maßnahmen überraschend ähnelt.

Man setzt auf Zwang statt auf Anreize: So wie Hartz IV auf Arbeitsscheue und Transferleistungsabgreifer starre, richte sich das bürokratisierte Bologna-Studium an den angeblich zu Faulheit neigenden Studenten. Es sei überdies kein Zufall, dass die Reform ihre Befürworter »vor allem auf den ›Beruf und Chance‹-Seiten der großen Zeitungen findet«.

Keine Missentwicklung der alten Universität (der bisweilen unschöne Paternalismus, die männerbündische Verfilzung, die Unkoordiniertheit der Lehre, die Orientierungslosigkeit der Massen) reicht an die Verheerungen heran, die durch die fatale Entbürgerlichung an den Universitäten mit ihren neuen Studiengängen angerichtet wird. Gedemütigt werden die begabteren Studenten, die sich einst, dem Eros des Wissens verpflichtet, bereits als Erstsemester still und heimlich in die letzte Reihe eines Hauptseminars setzen konnten – heute dürfen sie sich frustriert an den Schwächsten ihres Jahrgangs messen. Beseitigt wird jede Charakterbildung, die der Stromlinie trotzt. Befördert wird auf breiter Front die »Verfälschung des Schöpfergeistes in Berufsgeist«, wie es Walter Benjamin in seinem Aufsatz Das Leben der Studenten formulierte, der ganz im Sinne Friedrich Schillers vor der »Erstarrung des Studiums zu einem Haufen von Wissen« warnte.

Fast überflüssig zu erwähnen, dass die planwirtschaftlich betriebene Umstrukturierung der Universitäten auch nach Maßgabe der selbst gesteckten Ziele gescheitert ist. Das frei gewählte Wechseln des Studienortes ist noch schwieriger geworden als zuvor, da die Studiengänge oftmals derart spezialisierte Profile haben, dass sie sich als inkompatibel erweisen. Ob ein stärkerer Bezug zur Arbeitswelt geschaffen ist, gilt als höchst fraglich. Die Studienabbrecherquote ist eklatant hoch.

Man spricht nun allenthalben von »handwerklichen Fehlern«, die beseitigt werden müssten, und mahnt eine Reform der Reform an. Verständnis wird auch großherzig den Demonstrationen entgegengebracht. Wünschenswert aber wäre vielleicht, dialektisch gedacht, das Gegenteil: eine noch weitaus stärkere Gängelung, Einengung, Normierung des deutschen Studenten. Nur damit ließe sich seine Wut noch und hoffentlich endlich zu politischer Wirksamkeit steigern. Es ist die berechtigte Wut einer Jugend, die deutlich erkennt, dass sie um ihre Entwicklungschance betrogen wird.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. !!!!!!!111111elfelfeinsiensstich!

    Aus der Seele gesprochen!

  2. Sehr schön vor allem, dass hier der Fokus auf dem Studenten als Individuum in der Phase der Selbstentfaltung liegt. Der letzte Satz rundet das perfekt ab.

    Ob das in die Köpfe der Reformer, Politiker und Regulatoren eindringen wird?

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    • joG
    • 27.11.2009 um 13:53 Uhr

    ...stand nie in Frage. Es ist die Frage unter welchen Bedingungen er mein und Ihr Geld haben darf, das uns vom Staat weg genommen wird. Da muss der Staat schon seiner Sorgfaltspflich nachkommen.

    Dass offenbar das neue System Probleme hat, war zu erwarten. Wir haben es schließlich den gleichen Leuten anvertraut, die das alte System an die Wand fuhren ohne persönliche Konsequenz.

    • joG
    • 27.11.2009 um 13:53 Uhr

    ...stand nie in Frage. Es ist die Frage unter welchen Bedingungen er mein und Ihr Geld haben darf, das uns vom Staat weg genommen wird. Da muss der Staat schon seiner Sorgfaltspflich nachkommen.

    Dass offenbar das neue System Probleme hat, war zu erwarten. Wir haben es schließlich den gleichen Leuten anvertraut, die das alte System an die Wand fuhren ohne persönliche Konsequenz.

  3. Der Artikel beschreibt eine Fehlentwicklung, die unbedingt korrigiert gehört.
    Er verkennt aber ebenso konsequent die Tatsache, dass der Bologna Prozess lediglich formalisierte, was vorher schon Tatsache war. Die Unterfinanzierung der Universitäten, die Überbürokratisierung, die mangelnde Effizienz und Kontrolle des Lehrbetriebes, all das hat dazu geführt, dass Studiengänge endlos wurden, Studenten frustriert die Orientierung verloren und nur die mit der Fähigkeit zur stupiden Disziplin oder guten Beziehungen ganz gut durchkamen. Der übergroße Rest rettete sich über die studentischen Freiheiten, die Zeit oder gab auf.
    Kein Wunder, das nun das Mass voll ist, nachdem man den Fachidioten bzw. ergeizigen Opportunisten mit Bologna nun entgültig zum Maß der Dinge erhoben hat.

    H.

  4. Großartige Worte!
    Danke für diesen Artikel.

    Ob Frau Shavans Leistungsstipendien da helfen werden?
    Ich glaube kaum...

  5. Mal ein Artikel gegen den ganzen Unsinn :)

    Der moderne Politiker denkt man müsse alles regulieren, dann wird es gut - und dabei geht so viel verloren...

    Und zum Thema "Arbeitslast" - Mathestudium (Bachelor) in England sind 12 Stunden pro Woche... eine Schande ist das... :(

    • Komabe
    • 27.11.2009 um 13:20 Uhr

    Ach Leute, ich finde man muss bei der Diskussion um die Studienreform auch mal irgendwie die gesellschaftliche Basis eines Studiums miteinbeziehen. Ich studiere selber ein geisteswissenschaftliches Fach im Master und bin ebenfalls sehr unzufrieden mit dem Aufbau des Studiums und den vielen Zwangsvorstellungen von Politikern und Professoren.
    Aber ey, ich glaube irgendwie wissen alle, dass auch die Studiengebühren längst nicht ausreichen, um das Studium vollkommen zu finanzieren. Den Großteil davon trägt die arbeitende Gesellschaft, Studierte wie Unstudierte. Meiner Ansicht nach ergibt sich daraus eine Verpflichtung von uns Studenten, eben dieser Gesellschaft wieder etwas zurückzugeben. Die Gesellschaft schießt uns Geld vor, damit wir schlau werden und später mit dieser Schläue wieder etwas zurückgeben können. Dazu bin ich bereit. Und ich denke, wir alle sind es. Ich gebe zu, dass die Möglichkeit, schlau zu werden, durch diese ganzen Vorgaben (-der praktischen Umsetzung-) teilweise sehr und unnötig erschwert werden, aber wir dürfen uns doch nicht anmaßen, 20 Semester unseren Gedanken freien Lauf zu lassen und auf dem Rücken der Gesellschaft Kosten zu verursachen, während die ganzen Arbeiter von morgens bis abends sich den Hintern wund ackern. Seht zu, dass ihr was lernt, seht zu dass ich das lernt, was ihr lernen wollt und was ihr als sinnvoll erachtet und gleicht euch dem Studiensystem nur soweit an, wie ihr müsst, um euren Abschluss zu erreichen. Probleme im Job hat jeder.

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    Zur "gesellschaftlichen Basis" gehört aber auch die Frage, ob Arbeiter sich z.B. für ihre hochwertige Arbeit mit einem Minimallohn abspeisen lassen und ob das der Masstab für die gesamte Gesellschaft sein kann.
    Das im Artikel erwähnte negative Menschenbild zieht sich durch die ganzen Systeme der Gesellschaft.
    Wenn eine Verantwortung für Studenten daraus erwächst, dann die Rechte und Ansprüche für die Arbeiter und andere Teile der Gesellschaft mitzufordern und mitzubedenken aus Verantwortung für die ganze Gesellschaft. D.h. lieber dafür sorgen, dass in der Gesellschaft Bedingungen herrschen, in denen Arbeiter sich nicht wund ackern müssen. Im 21. Jahrhundert.

    • Flakes
    • 27.11.2009 um 17:40 Uhr

    Der Kommentar von komabe ist das Beste, was ich in der Diskussion seit langem gelesen habe. Auch ich bin der Ansicht, dass ein Studium frei sein muss und dass man sich intellektuell entfalten können soll. Ich selbst habe während meines Studiums versucht, stets zu machen, was mich interessierte, ohne Rücksicht auf tayloristische Fokussierung und ein stimmiges persönliches Kompetenzprofil.

    GLEICHZEITIG ABER halte ich es für arrogant, wie eine Mehrheit glaubt, es stünde Studierenden zu, semesterlang der Schöngeistigkeit zu fröhnen und dafür nie zahlen zu müssen. Natürlich sind Studiengebühren ungerecht, noch ungerechter ist aber, dass sich jeder Azubi in diesem Land seine Ausbildung selbst verdienen muss während die Universitäten so tun als seien sie von einer Legitimationspflicht der Gesellschaft gegenüber seit jeher befreit.

    Faktisch findet heute an der Uni AUCH eine Berufsausbildung statt. Die Idee, alle Menschen zu vollumfänglichen Humboldt-Jüngern heranzuziehen muss man da in Frage stellen dürfen, auch wenn ich der Letzte bin, der dem Markt seine Freiheit opfern will.

    Letztlich vermute ich hinter einem sochen Artikel die gleichen, die sich gegen längeres gemeinsames Lernen stellen, um bildungsbürgerliche Privilegien zu sichern, die die obere Mittelschicht als letztes Distinktionsinstrument ihrer gesellschaftlichen Stellung sieht, heute, wo ein Bachelor-BWLer mehr Chancen hat als der promovierte Germanist.

    Das alles ist etwas komplizierter als im Artikel suggeriert.

    ...das Hochschulsystem noch nicht sein, wenn es Studenten wie 'Komabe' hervorbringt. Ein ausgewogenes, verantwortungsbewusstes Statement. Ich wünsche Ihnen viel Glück, denn wenn Sie Verantwortung bekommen, werden viele andere davon profitieren.

    • wuze
    • 05.12.2009 um 2:46 Uhr

    Wenn Sie meinen, dass unsere Gesellschaft Generationen gezielt ausbildet, deren Intelligenz, Weisheit, Kreativität und geistige Höhe durch Termindruck, Auswendiglernen, Konkurenzdenken und einen vordefinierten Studienplan geprägt werden, dann muss ich wohl weiter täglich beten, dass ein zweiter Kepler erscheint und den gesellschaftlichen Horizont endlich aufbricht, wenn ich selbst nichts ausrichten kann.

    Wenn Deutschland weiterhin ein hohes Ansehen genießen möchte, dann kann man nicht einfach nur den anderen Konkurenzländern angleichen oder abwarten bis andere aufholen. Stattdessen müssen innovative und mutige Ideen umgesetzt werden, die unser Bildungssystem nicht an der Menge der Zitate messen.

    In einem angedeuteten Punkt haben Sie recht, den Rückschritt zu machen sich im 21. Jh. auf alte Werte zuklammern, darf nicht zugelassen werden.
    Politiker alleine sehen das nicht und können auch nicht sich diesen Überblick aneignen. Wichtig ist daher eine vernetzte Kommunikationen, um die durchaus bekannten Probleme aufzuklären, um die Berechtigung für Investitionen den Regierenden klarzustellen.

    Zur "gesellschaftlichen Basis" gehört aber auch die Frage, ob Arbeiter sich z.B. für ihre hochwertige Arbeit mit einem Minimallohn abspeisen lassen und ob das der Masstab für die gesamte Gesellschaft sein kann.
    Das im Artikel erwähnte negative Menschenbild zieht sich durch die ganzen Systeme der Gesellschaft.
    Wenn eine Verantwortung für Studenten daraus erwächst, dann die Rechte und Ansprüche für die Arbeiter und andere Teile der Gesellschaft mitzufordern und mitzubedenken aus Verantwortung für die ganze Gesellschaft. D.h. lieber dafür sorgen, dass in der Gesellschaft Bedingungen herrschen, in denen Arbeiter sich nicht wund ackern müssen. Im 21. Jahrhundert.

    • Flakes
    • 27.11.2009 um 17:40 Uhr

    Der Kommentar von komabe ist das Beste, was ich in der Diskussion seit langem gelesen habe. Auch ich bin der Ansicht, dass ein Studium frei sein muss und dass man sich intellektuell entfalten können soll. Ich selbst habe während meines Studiums versucht, stets zu machen, was mich interessierte, ohne Rücksicht auf tayloristische Fokussierung und ein stimmiges persönliches Kompetenzprofil.

    GLEICHZEITIG ABER halte ich es für arrogant, wie eine Mehrheit glaubt, es stünde Studierenden zu, semesterlang der Schöngeistigkeit zu fröhnen und dafür nie zahlen zu müssen. Natürlich sind Studiengebühren ungerecht, noch ungerechter ist aber, dass sich jeder Azubi in diesem Land seine Ausbildung selbst verdienen muss während die Universitäten so tun als seien sie von einer Legitimationspflicht der Gesellschaft gegenüber seit jeher befreit.

    Faktisch findet heute an der Uni AUCH eine Berufsausbildung statt. Die Idee, alle Menschen zu vollumfänglichen Humboldt-Jüngern heranzuziehen muss man da in Frage stellen dürfen, auch wenn ich der Letzte bin, der dem Markt seine Freiheit opfern will.

    Letztlich vermute ich hinter einem sochen Artikel die gleichen, die sich gegen längeres gemeinsames Lernen stellen, um bildungsbürgerliche Privilegien zu sichern, die die obere Mittelschicht als letztes Distinktionsinstrument ihrer gesellschaftlichen Stellung sieht, heute, wo ein Bachelor-BWLer mehr Chancen hat als der promovierte Germanist.

    Das alles ist etwas komplizierter als im Artikel suggeriert.

    ...das Hochschulsystem noch nicht sein, wenn es Studenten wie 'Komabe' hervorbringt. Ein ausgewogenes, verantwortungsbewusstes Statement. Ich wünsche Ihnen viel Glück, denn wenn Sie Verantwortung bekommen, werden viele andere davon profitieren.

    • wuze
    • 05.12.2009 um 2:46 Uhr

    Wenn Sie meinen, dass unsere Gesellschaft Generationen gezielt ausbildet, deren Intelligenz, Weisheit, Kreativität und geistige Höhe durch Termindruck, Auswendiglernen, Konkurenzdenken und einen vordefinierten Studienplan geprägt werden, dann muss ich wohl weiter täglich beten, dass ein zweiter Kepler erscheint und den gesellschaftlichen Horizont endlich aufbricht, wenn ich selbst nichts ausrichten kann.

    Wenn Deutschland weiterhin ein hohes Ansehen genießen möchte, dann kann man nicht einfach nur den anderen Konkurenzländern angleichen oder abwarten bis andere aufholen. Stattdessen müssen innovative und mutige Ideen umgesetzt werden, die unser Bildungssystem nicht an der Menge der Zitate messen.

    In einem angedeuteten Punkt haben Sie recht, den Rückschritt zu machen sich im 21. Jh. auf alte Werte zuklammern, darf nicht zugelassen werden.
    Politiker alleine sehen das nicht und können auch nicht sich diesen Überblick aneignen. Wichtig ist daher eine vernetzte Kommunikationen, um die durchaus bekannten Probleme aufzuklären, um die Berechtigung für Investitionen den Regierenden klarzustellen.

  6. Also ich studiere an einer ehemaligen FH... Und teile die Meinung des Autors und der Streikenden nicht, da ich in der Spezialisierung der Studiengänge und im Bachelor/Master System sehr viele Vorteile sehe. Ich studiere Internationales Finanzmanagment, ein Studiengang der mich jetzt vom ersten Semester an ständig mit den Themen konfrontiert die mich konkret Interessieren. Hätte ich versucht den gleichen Studiengang an einer normalen Universität, selbst nachdem Bolognaprozess zustudieren, hätte ich mich erst durch Zeitraubende und Monotone BWL Vorlesungen qüalen müssen um schliesslich im Hauptstudium einzelne Vorlesungen zum Thema Finanzen besuchen zu können.

    Unser Stundenplan ist mehr als Straff(34 Wochenstunden Zusatzveranstaltungen)trotzdem streiken an unserer Hochschule nur 26 Personen(laut StudiVZ von ca.4000)

    Das in einzelnen Studiengängen ein "herumbummeln" sinnvoll sein kann, mag durchaus sein. Aber durch den Bologna Prozess müssen wir Studenten und Akademiker schon früher Gedanken darüber machen was wir egtl im Leben wollen und in welche Richtung wir gehen wollen, die Spezialisierung erfolgt nun halt schon währrend des Studiums und nicht erst im Beruf. Was unsere Wirtschaft mit gut Ausgebildeten und qualifizierten Berufseinsteigern versorgt, welche eben nicht erstmal noch 1-2 Jahre "eingelernt" werden müssen, weil sie von Praxisbezug noch nie etwas gehört haben. Und ebendieser Praxisbezug ist für mich das faszinierende!

  7. 8. Super!

    Wunderbarer Artikel. Man wagt ja kaum, den Bologna-Prozess insgesamt zu verwerfen. Das gilt als verrucht, denn Bologna "soll" doch sein, vermutlich wegen der Präambel im Grundgesetz, demnach Deutschland zur Einigung Europas verpflichtet ist.
    Es wäre schön, wenn dies der Beginn sein könnte für eine grundlegende Rückbesinnung auf wirkliche Werte in dieser Gesellschaft.
    Ehrlicherweise muss ich aber sagen, dass ich erst durch Bologna den Wert des bisherigen Systems erkannt habe.
    (Was ja auch irgendwie dialektisch ist...).
    Nieder mit Bologna!

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