Tatort Fernsehen »Bienzle und sein schwerster Fall«

Auf der Jagd nach einem Kindsmörder wirkt der Stuttgarter Kommissar wirklicher als ein echter Polizist. Er wird alt – kann er sich noch auf sein Gespür verlassen?

Die Ermittlungen im Mädchenmord machen Bienzle (Dietz-Werner Steck) schwer zu schaffen

Die Ermittlungen im Mädchenmord machen Bienzle (Dietz-Werner Steck) schwer zu schaffen

Wer weint nicht um ein totes missbrauchtes Mädchen? Bienzle schaut hinab in die Grube im Wald, in der der Schänder die Leiche des Kindes verscharrte. Elenas Mutter kann er nur sagen, dass die Arbeit auf Hochtouren läuft. Wer ringt nicht um die rechten Worte, wenn er der Überbringer einer schlimmen Kunde ist?

Furchtbar sind die Einzelheiten: Das Kind wurde erst gewürgt, dann mit einem Kissen erstickt; der Täter hat Handschuhe getragen und alle Rückstände mit Klebeband vom Körper entfernt. Bienzle lässt sofort Kai Anschütz kommen, er wurde verdächtigt, vor einem Jahr das elfjährige Kind Tine missbraucht und getötet zu haben. Über den Freispruch aus Mangel an Beweisen kann er sich nicht freuen: Er verlor Arbeit und Freundin, und seine Kumpels halten ihn für den miesesten aller Mörder. Soll man Mitleid haben mit diesem Jungen in der Motorradjacke?

Anzeige
SERIE: TATORT FERNSEHEN. Klicken Sie auf das Bild, um alle Besprechungen von Feridun Zaimoglu zu lesen

SERIE: TATORT FERNSEHEN. Klicken Sie auf das Bild, um alle Besprechungen von Feridun Zaimoglu zu lesen

Der Kommissar eilt zu Tines Mutter, sie ist am Tod ihrer Tochter fast zerbrochen. Fass das Schwein, Bienzle, rufen wir aus – wir stellen uns vor, wie es wäre, wenn der Kerl für eine Stunde in unserer Gewalt wäre. Dann schämen wir uns; die Bluträcher sind auch nichts anderes als Mörder, sie fühlen sich aber unsinnigerweise moralisch überlegen. Trotzdem ist uns der Zivilisationsschub nicht geheuer, im beheizten Zimmer lässt sich über Recht und Gesetz gut räsonieren.

Die Mütter und Väter in Stuttgart sind aufgebracht – bei der Polizei geht nix vor, nix zurück, sagt die Nachbarin. Der Mörder verschenkt an die Kinder Spieluhren mit einer sich zur Musik drehenden Ballerinabarbiepuppe auf der Dose. Bienzle befragt Elenas Musiklehrer, der mit den Kindern auch in der Theatergruppe probt. Soll man diesem Mann der vielen Talente glauben, wenn er seine Unbescholtenheit beschwört? Einem kranken Mann sieht man die perverse Neigung nicht an, der ist von anderen Bürgern kaum zu unterscheiden.

Kai taucht unter, sein Bewährungshelfer scheint ihm Lustmord zuzutrauen. Wir aber sehen in ihm nur einen Jungen, der Schwätzer gelegentlich mit einem Fausthieb zu Boden schickt. Leider wird kurz darauf die elfjährige Ulrike als vermisst gemeldet: An ihrer Schultasche finden sich passenderweise Kais Haare. Haben wir, wie so oft, danebengelegen?

Dies ist die Stunde der großen Zerknirschung – wird Bienzle alt, kann er sich nicht mehr auf sein Gespür verlassen? Seine Kollegen legen es ihm nahe; sogar seine Hannelore sagt, er wäre zu sehr auf Kais Unschuld fixiert. Herrlich anzusehen ist es, wie sein Gesicht vor Entsetzen zur Maske erstarrt. Was wird der Alte tun müssen, dass er nicht irre wird an diesem Fall? Bienzle folgt der Melodie des Mörders, und wir folgen ihm auf Schritt und Tritt. Die jungen Kommissare sollten sich an ihm ein Beispiel nehmen: Hier spielt einer, ohne zu zappeln und zu feixen, er spielt nicht das echte Leben nach – er ist wirklicher als ein echter Polizist.

Wdh., ARD, Freitag, 27. November, 21.45 Uhr

 
Leser-Kommentare
  1. Der Artikel ist mir ein bisschen zu unkritisch.
    Als der Bewährungshelfer die Vorgehensweise des Täters beschreibt, war ich mir leider schon zu 99% sicher, dass er es war - schließlich hatte er gerade vermutlich keine 50 Bücher zum Thema gewältzt wie seine Gesprächspartnerin und auch sonst qualifizierte ihn jetzt nichts ausdrücklich für ein solches Wissen.
    Dies und die unglaubliche Langsamkeit bis zum Zugriff nach der Erkenntnis, dass der Bewährungshelfer Kai trotz Aufenthalt in seiner Wohnung nicht erreichen konnte, haben mir den Spaß an diesem Tatort genommen - schade!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service