Theaterintendanten

Zwischen Traumstart und Versagen

Neuanfänge am Theater: In Zürich erprobt Barbara Frey, in Hannover Lars-Ole Walburg den Intendantenberuf.

Lars-Ole Walburg, Intendant des Schauspielhauses Hannover

Lars-Ole Walburg, Intendant des Schauspielhauses Hannover

»Ja, ja«, sagt Barbara Frey, die neue Zürcher Theaterdirektorin, »dem entkommt keiner, dem publizistischen Schneepflug.« Ihre Miene strafft sich und signalisiert Gefechtsbereitschaft – nicht ohne Grund hat man die heute 46-jährige Schweizerin in ihrer Frühkarriere als Schlagzeugerin »die Frau mit dem härtesten Schlag« genannt. Nach kurzer Pause legt sie, ohne Rücksicht auf die sprachliche Anschlussfähigkeit der Metapher, eine weitere Kampfvokabel nach: »Das ist wie Mikrowelle…«

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Unser Gespräch kreist um Anfänge – Neuanfänge am Theater und ihr mediales Echo. Die Spielzeit 2009/10 hat so viele Spitzenpersonalwechsel gebracht wie lange nicht mehr – und ebenso viele strategische Varianten, wie ein Neuanfang zu inszenieren sei. In Wien hatte Matthias Hartmann, Barbara Freys Vorgänger, der im Unfrieden von Zürich schied, einen kapitalen Sturmangriff auf die Hauptstadt vorbereitet und sich selbst dabei die Rolle des Ersten Kanoniers zugedacht. Mit Goethes FaustI und II sollte das Burgtheater Knall auf Fall erobert werden – doch es wurde daraus: Fall auf Knall. Ganz anders plante Ulrich Khuon am Deutschen Theater in Berlin seine Amtsübernahme: Er vermied alles Spektakuläre, packte Pauken und Trompeten gar nicht erst aus, sein Start sollte einfach – ein Arbeitsbeginn sein. Doch auch darüber zeigte sich die Kritik enttäuscht, das Publikum kam trotzdem.

Kritiker, sagt Barbara Frey, müsse man einfach aushalten

Barbara Frey, Zürcher Theaterdirektorin

Barbara Frey, Zürcher Theaterdirektorin

Hartmann und Khuon, die zuvor schon große Bühnen leiteten, hatten im Anfangen Übung – einmal mehr bestätigte sich, dass eine Fahrlizenz nicht Unfallfreiheit garantiert. Wie aber erging es den eigentlichen Berufsanfängern der Saison, denen, die – wie Barbara Frey – zwar als Regisseure längst schon Erfahrungen und Erfolge gesammelt, doch noch nie ein eigenes Haus zu navigieren hatten? In Zürich ist die erste Spielzeit mittlerweile zweieinhalb Monate alt, ein gutes Dutzend Premieren, Übernahmen inklusive, sind im Stammhaus Pfauen wie im Schiffbau herausgekommen – und längst schon haben die Zeitungen die ersten Bilanzen gezogen.

Schlecht weggekommen ist man dabei keineswegs, und insgesamt können sich die zehn Wochen gut sehen lassen. Es gab auch harsche Kritiken, vor allem zu Barbara Freys eigener Inszenierung der Maria Stuart  (ZEIT Nr. 40/09), dem nur begrenzt gelungenen Versuch, sich gegen ein sperriges Bühnenbild, eine Düsternis aus Röhren, durchzusetzen; trotzdem ist Schillers Drama jetzt der Publikumsmagnet im Schiffbau. Am selben Ort, in der Box, stieß Stefan Kaegis Exkursion ins Reich der Wanderheuschrecken, eine Realitätserforschung der Marke »Rimini Protokoll«, auf eher natur- als menschenkundliches Interesse. Immerhin Respekt verdiente das Wagnis, die noch sehr junge Heike M. Goetze mit einer Arbeit im Pfauen zu betrauen, einer Theaterversion von Fassbinders Filmmelodram Warum läuft Herr R. Amok? – auch wenn dieser Ausnüchterungsversuch letztlich nicht überzeugte und man von der Regisseurin schon stärkere Talentproben sah. Es bleibt der feste Vorsatz der Intendantin, das Publikum der beiden Spielorte stärker zu durchmischen, die Demarkationslinie zwischen bürgerlicher Altstadt und ehemaligem Industrieareal zu durchbrechen. Nur kein Milieutheater, sagt sie, »da stirbt meine Fantasie«.

Schneepflug? Mikrowelle? Die Intendantin will Missverständnisse verhindern. Keineswegs beschwere sie sich über Kritiken und Kritiker: »Das muss ich aushalten, sonst könnte ich den Beruf nicht ausüben.« Etwas anderes lässt sie besorgt sein, ja regelrecht zornig: der kollektive Geschwindigkeitsrausch, von dem sich alle am Theater Beteiligten immer stärker treiben ließen. »Wir müssen das Tempo rausnehmen, müssen die Bühne verteidigen als einen Ort, in dem es um Entwicklungen und nicht um flüchtige Spektakel geht.« Der mediale Hype um Neuanfänge, der eilige Daumen-rauf-Daumen-runter-Journalismus scheint sie zu nerven. Traumstart? Fehlstart? »Die Dinge brauchen ihre Zeit.«

Natürlich hat Barbara Frey recht. Natürlich gibt es eine mediale Überschätzung von Anfängen. Natürlich braucht es Zeit, bis sich Ensembles zusammengefunden, bis sich Theater auf eine Stadt eingespielt haben. Wer, wie der Budenmann in Büchners Woyzeck, nur das »commencement vom commencement« beschreit, verwechselt die Ouvertüre mit der Oper.

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Leser-Kommentare

  1. Es schmerzt ein wenig, wenn eine fleißige Autorin aus der niedersächsichen Provinz (Göttingen) lesen muss, dass der große neue Intendant von Hannover plant, was das Theater vor der Tür (Deutsches Theater Göttingen) jüngst mit der Dramatisierung des Buches ICH BIN VOLLER HASS UND DAS LIEBE ICH von Joachim Gaertner kongenial und tief beeindruckend vorgeführt hat, was aber in den überregionalen Medien einfach ignoriert wurde.
    Dies ist durchaus als eine Einladung an umtriebige Journalisten gedacht, das junge schauspiel des Hauses von Intendant Mark Zurmühle etwas genauer unter die Lupe zu nehmen .. ;)

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  • Von Gerhard Jörder
  • Datum 28.11.2009 - 15:44 Uhr
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  • Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
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