Theaterintendanten Zwischen Traumstart und VersagenSeite 3/3

Eines übrigens haben Frey und Walburg, so unterschiedlich sie sonst ihre Akzente setzen, gemeinsam: Beide suchen politisch-gesellschaftliche Reibflächen, beide meinen es ernst mit der oft so laut wie folgenlos verkündeten Parole »Wir machen Theater für diesen Ort«. Barbara Frey will sich dezidiert mit Zürich, »der Stadt, in der viel zu viel von Geld geredet wird«, auseinandersetzen, und mit der Schweiz, »diesem sehr seltsamen Land«. Zwei Inszenierungen im Pfauen dienen helvetischer Gegenwartsbewältigung. In Martin Salander will Stefan Bachmann ein Stück Schweizer Finanz- und Familiengeschichte auf den aktuellen Stand bringen. Thomas Jonigk hat Gottfried Kellers späten Roman für die Bühne bearbeitet und am Schluss, beim Blick auf die Wiederbelebungschancen eines menschlichen Kapitalismus, pessimistisch eingeschwärzt. Doch der Abend, der mit hübschen szenischen Aperçus nicht geizt, wirkt zu harmlos.

Lars-Ole Walburg arbeitet derzeit an einem Projekt über Amokläufe

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Nicht anders ergeht es Sebastian Nübling, der in Gogols Revisor die russische Provinz des 19. Jahrhunderts zur Schweiz von heute mutieren lässt. Zwar hat er mit Michael Neuenschwander als Bürgermeister eines korrupten Gemeinwesens eine prächtige Rampensau zur Verfügung, die das Parkett unsicher macht, doch irgendwie verpufft die kritische Energie in Getümmel und Gebrüll. Da kann es noch so viel Geld regnen am Finanzplatz Zürich – der satirische Niederschlag bleibt gering.

Walburg hingegen ließ Tom Kühnel mit der Hannover-Revue Götter, Kekse, Philosophen die neue Cumberlandsche Bühne eröffnen. Die Idee hat Charme: Leibniz, Bahlsen und die Welfen aus der Perspektive von Zugewanderten und mit Jürgen Kuttners Berliner Kodderschnauze herbeizuzitieren und in diversen Spielvarianten vom Figurentheater bis zur Oper auftreten zu lassen. Doch irgendwann verscheidet auch dieser Abend an seiner Übervergnüglichkeit, die von Ranschmeiße nicht mehr zu unterscheiden ist. Ein Königreich für einen Nadelstich!

Doch der Blick in die Spielpläne lässt hoffen, dass es auch in der Sparte »Wir lernen unsere Stadt und unser Land kennen« nicht bei den Anfangsnettigkeiten bleiben wird. Barbara Frey kündigt Elfriede Jelineks Nazimörder-Stück Rechnitz als städtische Expedition an wechselnde Schauplätze an und fürs Frühjahr ein Schweiz-Drama von Lukas Bärfuß. Walburg will seine »Stadtprojekte« konsequent vorantreiben: Amoklauf soll das nächste Thema sein, man wird dabei mit einer Schule kooperieren.

Ein vorläufiges Fazit aus Zürich und Hannover? In beiden Städten lohnt es unbedingt, neugierig zu bleiben. Man ist auf einem guten Weg. Der Anfang geht weiter. Die Dinge brauchen ihre Zeit. Kein Fall für die Mikrowelle.

 
Leser-Kommentare
  1. Es schmerzt ein wenig, wenn eine fleißige Autorin aus der niedersächsichen Provinz (Göttingen) lesen muss, dass der große neue Intendant von Hannover plant, was das Theater vor der Tür (Deutsches Theater Göttingen) jüngst mit der Dramatisierung des Buches ICH BIN VOLLER HASS UND DAS LIEBE ICH von Joachim Gaertner kongenial und tief beeindruckend vorgeführt hat, was aber in den überregionalen Medien einfach ignoriert wurde.
    Dies ist durchaus als eine Einladung an umtriebige Journalisten gedacht, das junge schauspiel des Hauses von Intendant Mark Zurmühle etwas genauer unter die Lupe zu nehmen .. ;)

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