Am 26. Oktober 2002 stirbt Siegfried Unseld, der Verleger des Suhrkamp Verlags. Er wird auf dem Frankfurter Hauptfriedhof beigesetzt. Die Reihe der Kondolierenden ist lang und eindrucksvoll. Was in der Welt des Geistes Rang und Namen hat, ist gekommen. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder gibt sich die Ehre. Am offenen Grab – Durs Grünbein rezitiert Hermann Hesse – steht die Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz, neben ihr der enterbte Sohn Joachim Unseld. Es ist eines jener seltenen geschichtlichen Ereignisse, die nicht erst im Rückblick, sondern schon im Moment ihres Geschehens selbst wie ein ikonisches Gedächtnisbild wirken. Der Schriftsteller Adolf Muschg sagt in seiner Trauerrede: »Der große Pan ist tot.«

Danach beginnt das, was man schon bald die »Suhrkamp-Soap« oder auch die Frankfurter »Lindenstraße« – nach der Adresse des Verlags – nennen wird. Es geht um das Erbe Siegfried Unselds. Und darum, wer in dem Verlag das Sagen hat. Im Mittelpunkt steht die Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz. Welche Rolle wird sie für sich selbst beanspruchen, und was wird sie aus dem Verlag machen? Eine zentrale Gegenfigur ist der Sohn Joachim. Vom Vater einst als Nachfolger aufgebaut, hatten sich die beiden überworfen. Wie es zu dem Bruch kommen konnte, lässt sich nicht wirklich klärend feststellen. Da wird jeder seine eigene Version haben. Chronologisch jedenfalls stellt es sich auch als ein Verdrängungsakt dar: Wo bis dahin der Sohn agierte, tritt nun Siegfried Unselds zweite Frau Ulla Berkéwicz in Erscheinung. Joachim wird enterbt. Jahrelang ziehen Vater und Sohn als die leidenschaftlichen Schwimmer, die sie sind, ihre Bahnen in einem Frankfurter Schwimmbad: Der eine auf der einen Seite des Beckens, der andere auf der anderen – ohne ein Wort zu wechseln. Erst am Totenbett kommt es noch einmal zu einer kurzen Begegnung zwischen Vater und Sohn. Joachim aber bleibt nach dem Tod Siegfried Unselds nur sein gesetzlicher Pflichtteil von 20 Prozent am Suhrkamp Verlag.

Jetzt, sieben Jahre nach dem Tod des Vaters und 1001 juristische Auseinandersetzung später, hat Joachim Unseld seine Anteile am Verlag verkauft. Das ist eine Zäsur – wenngleich vor allem eine symbolische. Denn faktisch war Joachim Unseld stets ohnmächtig, und die Verlegerin bezog ihren ungeliebten Minderheitsgesellschafter in keine ihrer Entscheidungen ein. Dramaturgisch aber geht dieser Dauerkonflikt zu einem Zeitpunkt zu Ende, in dem Suhrkamp in schon atemverschlagender Weise mit seiner Vergangenheit abschließt und ein neues Kapitel seiner Geschichte aufschlägt. Der Verlag steht unmittelbar vor seinem Umzug von Frankfurt nach Berlin. Noch im Dezember brechen die Möbelwagen gen Osten auf. Auch das ruhmreiche Suhrkamp-Archiv wird Frankfurt verlassen und künftig vom Marbacher Literaturarchiv betreut. Beide Entscheidungen fielen gegen den Willen Joachim Unselds. Beide Entscheidungen sorgen aber mutmaßlich auch für jenen finanziellen Spielraum, der es möglich macht, Joachim Unseld auszuzahlen: Um das Archiv hatte sich Marbach mit der Frankfurter Universität ein Bieter-Gefecht geboten, und mit dem Umzug kann Suhrkamp seinen Personalstand reduzieren.

Joachim Unseld wollte schon lange verkaufen, um seinen Seelenfrieden zu finden. Ulla Berkéwicz aber hatte sich offenbar halbwegs eingerichtet mit dem feindlichen Minderheitsgesellschafter, der ihren Handlungsspielraum nicht wirklich einzuschränken vermochte. Mit der Entscheidung über den Umzug und den Verkauf der Archive allerdings lagen die Dinge erstmals anders: Es sprach einiges dafür, dass Joachim Unseld vor Gericht Recht bekommen würde mit seiner Forderung, zu derart grundsätzlichen Geschäftsentscheidungen gehört werden zu müssen. Nun hat die Verlegerin freie Bahn und ist die Gespenster der Vergangenheit los. Das dürfte allen Beteiligten guttun.

Denn in der Tat: Der Bruch mit der Vergangenheit könnte radikaler nicht sein. Für ein Haus von dieser Tradition und einer solchen soziokulturellen Verwurzelung kommen diese Veränderungen einer Neuerfindung gleich. Es hat etwas von Befreiungsschlag, von Tabula rasa: Als habe sich Ulla Berkéwicz von allen Lasten der Geschichte lösen wollen, um in der Stadt einen Neustart hinzulegen, die sich am wenigsten um Herkunft kümmert.

Und es spricht einiges dafür, dass damit auch die kritische Anteilnahme der Öffentlichkeit zurückgehen wird. Man kann es ohne Umschweife sagen: Die Medien und die Verlegerin haben sich nie gemocht. Aber jedem Dauerclinch geht irgendwann die Kraft aus. Es ist deshalb allgemein ein Aufatmen zu hören, dass der Verlag mit diesem dreifachen Neustart vielleicht in eine Normalität einrückt, die die Medien ihrer besonderen Anteilnahme am Schicksal des ehemaligen Ausnahmehauses enthebt. »Soll Ulla Berkéwicz doch machen, was sie will – was geht es uns an bei einem Verlag, der keine symbolische Repräsentanz mehr beansprucht?« – so könnte man die Stimmung zusammenfassen. Erschöpfung und Indolenz sorgen für ein Ende der Konfrontation.