Kaudroge aus Afrika Pflücken, fliegen, kauen, schweben

Warum hat der Lieferwagen da so beschlagene Scheiben? Ist es ein Khat-Drogenbote aus Holland?

 Kath-Blätter beim Händler. Aus den ostafrikanischen Anbaugebieten wird die schnell verderbliche Droge oft nach Amsterdam geflogen und dann über Deutschland nach Skandinavien gefahren

Kath-Blätter beim Händler. Aus den ostafrikanischen Anbaugebieten wird die schnell verderbliche Droge oft nach Amsterdam geflogen und dann über Deutschland nach Skandinavien gefahren

Auf einem feuchten Rasen im Hamburger Norden fährt sich ein Kleinlaster fest. Es geht nicht vor und nicht zurück. Zu schwer wiegt die Ladung, zu weich ist der Boden. Die Polizei kommt und will dem Fahrer helfen. Erst mal den Wagen leichter machen. Und deshalb die Frage: Was haben Sie denn da drin?

Dies war, am 8. November, der Moment der Wahrheit. 248 Leinensäcke hatte der Sprinter an Bord, mit Bananenblättern umwickelte Khatbündel, insgesamt 2,5 Tonnen.

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Khat – das ist diese jemenitisch-äthiopische Kaudroge, die ihre Herkunftsländer in einen nachmittäglichen Kollektivrausch versetzt. Es ist der größte Einzelfund bisher in Deutschlands Norden und zugleich der erste auf Hamburger Stadtgebiet. Statt in die Backentaschen hanseatischer Konsumenten ist das Khat ins Feuer gewandert; der niederländische Schmuggler sitzt in Untersuchungshaft und wartet auf seinen Prozess.

»Eigentlich dient Deutschland nur als Transitland für das Khat, seine Konsumenten hat es in Skandinavien unter den vielen ostafrikanischen Immigranten«, sagt Matthias Menge von der Bundespolizei in Bad Bramstedt. Fast täglich setzen seine Kollegen landauf, landab Khatschmuggler fest. Die Autobahn A7 ist die Zielgerade der Lieferanten. Wenn das Khat hier entlangkommt, hat es über 5000 Kilometer hinter sich. Weil die Zweige leicht verderblich sind, werden sie frühmorgens in den ostafrikanischen Anbaugebieten geerntet und nach Europa geflogen. In den Niederlanden ist der Besitz von Khat nicht strafbar, so taugt Amsterdam als Einflugsort. Dort wird das Khat verladen und über Deutschland nach Skandinavien gefahren, wo es jeweils illegal ist.

»Einen Khattransport zu erkennen ist einfach: überladenes Fahrzeug, meistens Mietwagen, von den Khatausdünstungen beschlagene Scheiben, erhöhte Geschwindigkeit«, sagt der Polizist Menge. Von der Ernte bis zum Konsum dürfen nicht mehr als drei Tage vergehen. Dann ist der Wirkstoff, das Cathinon, abgebaut, und der Konsument kaut auf wirkungslosem Grünzeug herum.

Wie das Gewächs wirkt und wie man es nimmt, hat das Institut für Forensische Toxikologie in Frankfurt getestet. Dank einer offiziellen Forschungserlaubnis durfte der Toxikologe Stefan Tönnes mit seinen Kollegen die Droge an sich ausprobieren. »Es schmeckt schlicht nach grünem Blatt. Anders kann man es nicht formulieren«, sagt Tönnes. Man nimmt einen Khatstängel, zupft die Blätter ab und schiebt sie eingespeichelt in die Backentaschen. Später spuckt man sie wieder aus und legt neue nach. 200 Gramm sind eine Dosis. Bis zum Einsetzen der Wirkung wird mit tennisballgroßen Backen gewartet, bisweilen mit Cola durchgespült. Stunde um Stunde. Die Khateinnahme ist ein gesellschaftliches Ritual im Jemen, in Äthiopien, in Somalia. »Erst wurde mir schlecht«, sagt Tönnes, »dann hatte ich das Gefühl, über dem Boden zu schweben.«

Der Wirkstoff Cathinon ähnelt dem Amphetamin in der Droge Speed. Er wirkt stimulierend und unterdrückt das Hungergefühl. In einer Dissertation, die aus der Frankfurter Studie hervorging, liest sich das so: »Es entsteht die Illusion einer geistig-intellektuellen als auch einer körperlichen (nicht nur sexuellen) Potenz.«

Entzugserscheinungen gibt es kaum, physisch abhängig zu werden gilt als ziemlich schwierig. Khat fällt in Deutschland trotzdem unter das Betäubungsmittelgesetz, weil der Wirkstoff Cathinon aus der Pflanze isoliert werden kann.

»Das Kauen von Kokablättern ist auch weitaus weniger schlimm als die Einnahme von Kokain«, sagt der Mediziner Tönnes. Kokablätter sind in Deutschland ebenfalls verboten.

Es gibt hierzulande durchaus Khatkonsumenten, die nicht aus Arabien stammen. Das sind meist Studenten, die ein Auslandssemester im Jemen verbracht haben. Übers Internet finden sie sich zu Gruppen zusammen und tun dort fröhlich kund, wann und wo sie die nächste Khatsitzung abzuhalten gedenken. Der Stoff lässt sich online bestellen. »Gern verschicken die Anbieter Päckchen mit israelischem Absender, weil sie glauben, dass der deutsche Zoll dort nicht reinguckt«, erklärt ein studentischer Khatkonsument.

Die Betreiber von Bouncing Bear Botanicals senden Samen von Catha edulis zur Zucht in alle Welt und erklären auf Nachfrage kategorisch: »Ein jegliches Gesetz gegen den Konsum von Khat ist rassistisch motiviert.«

Der Internethandel hat allerdings mit Widrigkeiten zu kämpfen. Die Käufer beschweren sich über vertrocknetes Gestrüpp in ihren Päckchen – die Post scheint zu langsam zu sein für die verderbliche Ware. Da sind die Drogenkuriere schneller. Letztes Jahr hat der Zoll allein in Norddeutschland zehn Tonnen Khat beschlagnahmt.

Noch nie hat man allerdings eine Ladung auf einem Hamburger Rasen gefunden. Dass nun ein Khattransporter auf dem Weg nach Dänemark an der Hansestadt nicht bloß vorbeifuhr, sondern in einem bürgerlichen Wohngebiet zum Stehen kam, könnte ein Anzeichen für eine wachsende deutsche Kaugemeinschaft sein. Ob der Fahrer – vielleicht mit dicken Backen – nur vom Weg abkam oder ob er hier seinen Bestimmungsort suchte, darüber mag die Polizei vor dem Beginn des Prozesses keine Auskunft geben.

 
Leser-Kommentare
  1. Den Job von Herrn Tönnes müsste man haben.

  2. andere Sitten. Herr Tönnes ist ein mutiger Pionier der
    Forschung. Hoffentlich stellen sich nicht Spätfolgen ein.
    Achtung ! Ironie .

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