Wolfgang Schaub, Jahrgang 1944, ist pensionierter Chemiker. Er dokumntiert die von ihm bestiegenen "grenzenlosen Gipfel" unter www.gipfel-und-grenzen.eu © privat

ZEITmagazin: Sind Sie ein Sammler von Höhepunkten?

Wolfgang Schaub: Ich bin insgesamt ein Sammler, ein Nachkriegskind eben, damals sammelte man Briefmarken, Münzen, Notgeldscheine. Für mich waren es hohe Berge.

ZEITmagazin: Wir zählen in Europa derzeit 49 Staaten, Sie aber führen auf Ihrer Liste der bestiegenen Berge 135 auf. Wie haben Sie gerechnet?

Schaub: 49 reichten mir nicht, es gibt ja auch Staatskonstruktionen, Staaten ohne Staatsgebiet oder Enklaven. Der Begriff »Staat« ist schwammig.

ZEITmagazin: Ein Beispiel, bitte.

Schaub: Es gehört internationale Anerkennung zum Staat. Was also mache ich mit dem alten Fürstentum Seborga in Ligurien? Dort gibt es einen Fürsten, der sich von der Dorfbevölkerung wählen ließ als Giorgio I. Er nennt sich unabhängig, hat eine eigene Währung und eine staatliche Anerkennung von San Marino.

ZEITmagazin: Und von Ihnen.

Schaub: Von mir sowieso. Ich habe den höchsten Punkt von Seborga bestiegen.

ZEITmagazin: Kann ein solches Unterfangen riskant sein?

Schaub: Die meisten europäischen Länder haben einen höchsten Berg, der den Namen Berg nicht verdient. Oft hat sich auf dem höchsten Punkt das Militär eingenistet. Da genügt es mir nicht, mich anzuschleichen, ich versuche zunächst, auf quasilegale Weise da reinzukommen. Meistens geht das schief.

ZEITmagazin: Sie könnten ins Fadenkreuz des KGB geraten.

Schaub: Schon passiert. Königsberg zählt zu den Enklaven, die ich besucht habe. Den höchsten Punkt hatte ich eben erreicht, da wurde ich vom Geheimdienst abgefangen.

ZEITmagazin: Sie führen selbst eine jugoslawische Enklave in London auf?

Schaub: In Jugoslawien konnte nur König sein, wer im Land geboren war. Die Königsfamilie floh vor der Wehrmacht nach London und wohnte im Hotel Claridge’s. Churchill verfügte, dass nur für den Tag der Geburt von Prinz Alexander die Suite 212 jugoslawisches Territorium sei. Die habe ich besucht und ihre Höhe vermessen.