Österreich Ein Mann, ein Ort
Hoch über dem Skirummel von Sölden bewahrt der Almwirt Jakob Prantl das Bergleben, wie es einmal war.
Dabei ist Sölden ja eher ein Synonym für die inszenierte Fröhlichkeit des Après-Ski als ein Ort der Innerlichkeit. Die Kneipen hier heißen Bla-Bla, Bierhimmel oder Hasenhütte. Ebenso laute wie seichte Schunkelmusik treibt in alkoholische Erlösung. Lädt ein Lokal zum – überwiegend schlechten – Essen ein, wird darauf mit einer riesigen Aufschrift »Hungry?« oder »Mjamjam« hingewiesen, gerade so, als hielte man die Gäste für beschränkt.
Nein, dies ist nicht die Welt des Jakob Prantl. Sicher, auch er war einmal jung, hat das, was man intensives Leben nennt, genossen, fuhr stets abseits der Pisten, einmal sogar unfreiwillig hundert Meter auf einer Lawine – eine Erfahrung, die ihn Demut lehrte. Viele Vaterunser hat er gebetet, dass seine Kinder vernünftiger würden als er selbst. Aber nun, 48-jährig, mit gereiftem Geschmack und Lebensalter, möchte er diesen Teil des Tals gern hinter sich lassen. Vielleicht auch deshalb treibt es ihn in die Höhe. Prantl, einer von 23 Almwirten im hinteren Ötztal, macht es anders als seine Kollegen, die den Skitouristen dieselbe dröhnende Hüttengaudi bieten wollen wie unten in Sölden. In Prantls Gampe Thaya an der blauen Piste, Abfahrt 11, sind die Klänge gedämpft, man betrinkt sich nicht, sondern schaut in den ausklingenden Tag, Après-Musik gibt es keine, nur Radio Tirol, vor allem wegen der Nachrichten. Prantl sagt: »Mir ists lieber, wenn die Leute auf den Bänken sitzen, dazu sind sie ja da.«
Jakob Prantl, verheiratet seit 26 Jahren, drei Kinder. Ein eigener Kopf. Macht Hauswurst, getrocknetes Rindfleisch, 50000 Liter Milch. Wohnt im Tal und bewirtet oben auf der Alm die Gäste. Pfeift auf den Gewinn, wenns ihm gegen den Strich geht. Hat grad 20 Sitzplätze von der Terrasse genommen, weil es ihm zu unübersichtlich wurde. Findet es nicht schlimm, wenn die kleine Naturhütte über der Alm mal eine Woche lang nicht vermietet ist. »Die braucht ja auch eine Erholung.« Nimmt zum Heutragen noch die Fergl, das hölzerne Rückengestell der Vorfahren, mäht die Wiese mit der Sense. Lässt sich Zeit bei allem, was er tut, weil Gedanken doch reifen müssen. Eine zusätzliche Käserei schwebt ihm vor, schon seit Jahren. »Langsam wirds a bisserl griffig, aber es ist noch nicht so weit«, sagt Prantl und zwinkert mit den Augen: »Erst muss es brodeln, bevor es siedet.«
Nebel liegt im Tal, als er an diesem frühen Morgen, den grünen Lodenhut mit der Bussardfeder tief ins Gesicht gezogen, die schwere Stalltür öffnet und in den dampfenden Atem der Tiere tritt. Er ruft »Kuisa«, den Lockruf, der den Kühen von der Weide vertraut ist. Sie wenden ihm die Köpfe zu und schauen ihn an mit diesem Blick, der einen alles Böse in der Welt vergessen lässt. Prantl spricht mit den Tieren, fasst sie an, harkt den Mist weg und füllt Heu nach, das duftet »fast wie ein Kräutertee«. Wann immer er ein Leid hat oder sich Gedanken in seinem Kopf klären sollen, geht er in den Stall. Auch im Urlaub ist er nur froh, wenn Kühe in der Nähe sind. »Wenn die Tiere glücklich sind, das überträgt sich«, sagt Prantl. Und weil die Übertragung natürlich auch in umgekehrter Richtung erfolgt, braucht es die richtigen Menschen. »Es ist wichtig, dass Ruhe im Stall ist.«
Prantl erkennt jede einzelne Kuh am Klang ihrer Glocke. Bella, die auf der Alm geboren wurde, Stern, das Kalb von der Steffi, die ihm immer den Rücken leckt, wenn er auf dem Melkschemel sitzt. Gina, die im Sommer nicht auf den Melkstand wollte, bis er einfach ihr Kalb dorthin getragen hat. Faser, die älteste Mutterkuh, die den anderen zeigt, wo es das beste Gras gibt. Und natürlich Stutz, seine stille Lieblingskuh, die zum Zeichen ihrer Preiswürdigkeit ein eingebranntes Edelweiß auf den Hörnern trägt. Stutz hat alles, was ein Tiroler Grauvieh mitbringen muss. Breites Becken, hohe Euteraufhängung, zartes Fußwerk. Und einen kurzen Kopf, der ihrem Blick Ausdruck verleiht. »Eine Kuh muss so einen gewissen Stolz haben«, sagt Prantl.
Weil er mit der Idee sympathisiert, hat er vor einigen Jahren überlegt, Bio-Landwirt zu werden. Als dann jedoch der Kontrolleur kam und ihm eine, wie er fand, widersinnige Verbreiterung des Stallfensters vorschreiben wollte, hat er ihm gesagt: »Du bist Kontrolleur, und ich bin der Bauer, der ich bin. Und wenn wir es dabei lassen, haben wir zwei keine Leiden.« Dem Vieh geht es ja auch so gut bei ihm, es darf seine Hörner behalten und liegt bis Oktober auf der Weide, danach auf Stroh. Die Kälber bleiben bei den Müttern, auch wenn das den Ertrag senkt. Die Kühe danken es ihm, sind fast nie krank, werden ja nicht überfüttert bei ihm. »6000 Liter Milch müssen sie geben«, sagen viele Kollegen. »4500 bis 5000 Liter sind genug«, sagt Prantl. »Die kurze Zeit, wo wir auf Welt sind, sind Zahlen doch nicht alles!«
In einer Woche kommen die Gäste auf die Alm, es ist noch viel zu tun. In der Nacht hat es kräftig geschneit, schwer ächzt der Jeep am steilen Berg, die Räder drehen durch. »Wir brauchen anderes Gerät«, entscheidet Prantl. Wechselt für die letzten Kilometer vom Jeep ins Kettenfahrzeug, das auf halber Höhe in einem Schuppen geparkt ist. Die Ketten kämpfen sich die Serpentinen hoch, der Motor rattert laut. Die Nebelwand reißt auf, ein Keil Sonne bricht durch die Wolken und wärmt das Tal. Bei 2000 Höhenmetern ist das Ziel erreicht. Drüben der alte Schmugglerweg und die Zollstation, die Gaislachkoglbahn und die Alm, wo Prantls Mutter geboren wurde. Ein Tannenhäher schreit über den Wipfeln. Prantl zieht die frische Bergluft in seine Lungen, blickt auf die drei Dreitausender, die jetzt blau aus ihrem Schatten hervortreten, und sagt: »Der Herrgott hat schon gewusst, wen er hier heraufschickt.«
Er schließt die Tür zur Almwirtschaft auf und klopft den Schnee von den Lodenhosen. »Der Gast hat sich stets so zu verhalten, dass sich der Wirt wohlfühlt«, steht über der Stube. Das ist durchaus so gemeint. Wenn bei Prantl Leute auflaufen, die glauben, für Geld könne man alles kaufen, belehrt er sie schnell eines Besseren. 3000 Euro hat ihm mal einer für eine Kuhglocke geboten. »Für kein Geld der Welt«, hat Prantl gesagt. »Die Glocke ist für die Kuh, nicht für den Menschen.« Ein anderer Gast wollte die Hütte gleich für volle fünf Jahre mieten. Ein leichtes Geschäft wäre das gewesen. Aber Prantl merkte, dass ihm hier jemand das Steuer aus der Hand zu nehmen drohte, und dachte, was, wenn er den das nächste Jahr nicht mehr dahaben will?
Lange hat er kämpfen müssen für ein Konzept, an das anfangs nicht mal seine eigene Familie glaubte. Hat sich einfach geweigert, Pommes und Frankfurter Würstchen auf die Karte zu nehmen, obwohl die Gäste das wollten. »Ich verkauf alles, aber nicht mich selbst«, hat Prantl gesagt, blieb stur und bot weiterhin ausschließlich einheimische Kost, von ihm selbst gekocht. Red Bull steht bei ihm unter »Fusel«, damit die Leute wissen, was er davon hält. Den Kakao gibts bei ihm nicht mit Wasser, sondern mit Kuhmilch, obwohl das anfangs vielen nicht zusagte. Aber es geht ihm ja auch nicht um die Zustimmung eines jeden. Würde er sonst überlegen, im nächsten Jahr Cola und Fanta von der Karte zu streichen?
Seine Buttermilch bezieht er direkt vom Bauern. »Wenn die aus ist, gibt es keine mehr«, sagt Prantl. Manchmal tagelang nicht, obwohl die Gäste darauf pochen, weil es auf der Karte steht. Ja, sagt Prantl, es steht aber auch dort, von wem sie kommt. Da kann er ja nicht plötzlich irgendwas in die Gläser füllen. Prantl zündet sich eine Zigarette an und sagt: »Die Ehrlichkeit ist am wichtigsten.«
1982 begann der gelernte Zimmermann Jakob Prantl, der zuvor mit seiner Frau ein Hotel geführt hatte, die verlassene Almhütte zu renovieren. Sorgte dafür, dass man wieder von der Ofenbank an schartigen Tischen vorbei durch winzige Fenster hinausschauen konnte, auf Kühe und Tal. Schleppte Baumaterial in 2000 Meter Höhe und stellte, weil ihm Verkitschtes ein Gräuel ist, zur Gampe ein neues Gebäude mit moderner Architektur. Eine Küche aus Edelstahl hinter einer riesigen Glasfront, damit er sich wohlfühlt und die anderen ihn sehen können. Bei den Nachbarn eckte er an damit. Das soll bäuerliche Idylle sein?, fragten sie sich.
Dass er die Holzwände außen nicht gestrichen hat, haben die meisten nicht verstanden. Einen Traditionsbruch haben sie ihm vorgeworfen, hinter vorgehaltener Hand. Dabei muss man nur warten, bis das Holz ergraut ist. Erst durch das Ableben entsteht Qualität. Prantl hält auf Tradition, allerdings nur, wo sie echt ist. Darum macht er auch nicht mit beim Après-Ski-Geschäft. Das gibt es in der Gegend erst seit etwa 1982. Davor gab es das nicht. Aus gutem Grund, sagt Prantl. »Es kann doch nicht richtig sein, wenn Menschen, die aus dem Urlaub kommen, danach urlaubsreifer sind als zuvor.« Prantl ist ein Visionär des Rückschritts, jedenfalls dann, wenn er denkt, dass er nach vorn führt.
Etwas über der Alm liegt die kleine Hütte, die Prantl vor acht Jahren aus Naturmaterialien baute. Kastenfenster, nicht eingeschäumt, sondern geschraubt, die Verdichtung mit reiner Schafwolle. Prantl sagt, die Materialien müssen stimmen. »Das ist wie beim Mensch der Charakter.« Den Untergrund hat er nicht betoniert, sondern gelassen, wie er war, mit den vorhandenen Steinen. Die Verbindungen der Geländer nicht geschweißt, sondern rausgetrieben. Selbst geschlagenes Holz und Lärchendach und innen ein altes Schild: »In der Frühe und auf den Abend bethe ich zu Gott.«
Wenn die ersten Urlauber eintreffen, sollen sie frisches Sauerkraut bekommen. Prantl macht es natürlich per Hand, so wie er es von seinem Großvater gelernt hat. Den anderen Almwirten ist das zu mühsam, es passt nicht mehr in die Zeit. Die kaufen es fertig gewürzt oder lassen es sich im Tal zumindest elektrisch hobeln. Die meisten Gäste merken den Unterschied wahrscheinlich sowieso nicht. Am Anfang haben sich Prantls Frau und die Kinder beschwert, weil das Hobeln in die Schultern geht. Überall zwickt und zieht es dann tagelang. »Genau das ist der Unterschied«, hat er ihnen erklärt. »Um genau das ist das Kraut besser!«
Aus der Küche holt Prantl ein schweres Holzbrett und das lange Messer, schleift es am Stein, schließt den Schuppen auf, in dem 700 Kilo Kohlköpfe lagern, und wuchtet eines der riesigen Lärchenholzfässer auf den Platz unter dem Holzkreuz, als wäre es eine Pappschachtel. Frau und Tochter arbeiten zu. Die äußeren Blätter in den Korb für die Schweine vom Nachbarn, »damit der Kreislauf stimmt«, Köpfe halbieren, Strünke heraus, dann auf den vierzig Jahre alten Hobel. Anpressen, immer wieder hin und her. In 13 Sekunden wandert der halbe Kopf durch das Schneidwerk ins Fass. Kräutersalz, Wacholder und Lorbeer schichtweise obendrauf. Wie viel wovon? »Der Papa ist das Maß«, sagt mit blau gefrorenen Fingern die Tochter.
Prantl schafft jetzt Platz im Fass. Stampft mit wuchtigen Hieben üppig wucherndes Kraut zu einer dünnen Schicht zusammen. Schweißperlen bilden sich trotz der Kälte auf seiner Stirn. »Alles kann man mit Maschinen machen, aber irgendwo fehlt dann das Menschliche.« Im Ötztal schaffen sie jetzt Melkroboter an, es wird schneller gehen, für die Milch braucht es dann keinen Menschen mehr. Aber die Zuwendung geht doch verloren. Das Verhältnis zum Tier. Und letztlich auch der Geschmack. Er würde doch nicht im Ernst eine solche Milch trinken. »Die Gier«, sagt Prantl, schüttelt den Kopf und hobelt weiter. Ein schönes Kraut werden die Gäste bekommen.
© DIE ZEIT
Information Ötztal
Anreise: Mit dem Auto aus Richtung München über Garmisch-Partenkirchen, Lermoos und Imst ins Ötztal, auf der Straße 186 nach Sölden. Mit dem Zug bis Innsbruck, weiter per Regionalbahn und Postbus
Die Almwirtschaft: Gampe Thaya, A-6450 Sölden, Tel. 0043-664/2400246, www.gampethaya.at
Geöffnet von Anfang Dezember bis nach Ostern und Ende Juni bis Anfang Oktober. Im Restaurant gibt es fast ausschließlich heimische Produkte. Spezialitäten: eingezetteltes Kraut mit Hauswurst, Ötztaler Käsespätzle, Salatteller »Gampe« mit Jungrindfleisch und Kürbiskernöl
Im angegliederten Gampe Ladele kann man Speck, Käse, Kräutertees und erlesene Schnäpse kaufen
Übernachten: Die (nat)UrHütta bietet Platz für 2 bis 6 Personen, eine Woche kostet 2180 Euro. Im Sommer wird nicht vermietet
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- Datum 30.11.2009 - 11:27 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
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Sölden liegt in Tirol - in Österreich
entweder nimmt der Autor seine Leser auf den Arm, oder er ist dem Schmäh selbst ordentlich auf den Leim gegangen. Offensichtlich findet die altbewährte Tiroler Inszenierung noch immer naive Anhänger. Sie können sich nicht vorstellen, wie man am Stammtisch über die gelungene Nummer von James Prantl gelacht hat. Kommt (die) Zeit, kommt Rat!
schöne PR, sozusagen Greenwashing Tiroler Art
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Man soll es nicht glauben aber so etwas gibt es tatsächlich noch. Machen jährlich Urlaub in Sölden und besuchen immer wieder die Gampe Thaya.
@MadMarvin und @firn: Man sollte nicht urteilen bevor man selbst vor Ort war... Rate zu einem Besuch und persönlichen kennen lernen mit Jakob Prantl...
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