Wintersport Platz da!
Wintersportorte rüsten mit Rodelbahnen auf. Ein robuster Schlitten, und der Spaß ist perfekt.
Wie geht eigentlich noch mal juchzen? Über mir der strahlend blaue Winterhimmel. Vor mir die Tochter. Und der Abhang. Zwischen meinen Beinen ein Holzschlitten namens Davos. Ich erinnere mich dunkel daran, wie man steuert. Bremsen ist nicht, gelenkt wird mit den Füßen, der Rest ist Vertrauen. Also los. Wie laut das rattert! (War das nicht früher leiser?) Wie der Schnee stöbert! Wie unfassbar schnell wir werden. Wie spontan der Schrei »Bahn frei!« aus mir herausbricht. Und wie nach wenigen Sekunden der Schlitten sich quer stellt und kippt. Wir liegen im Schnee und – juchzen! Geht ganz leicht. Kommt von selbst. Kann jeder.
Zum Juchzen braucht es nicht viel mehr als Glück und Gravitation. Ich weiß noch, wie ich als Kind beim ersten Schnee den Schlitten aus dem Keller holte, die Kufen mit einer Speckschwarte einfettete und zum Hang beim Hochhaus um die Ecke rannte. Die ersten Spuren im Neuschnee waren rotbraun vom Rost. Seit die Winter ausbleiben, sind Rodelpartien aufwendiger geworden. Die meisten Deutschen müssen erst einmal ins Auto steigen, um dahin zu kommen, wo genügend Schnee liegt. Und wenn man schon einmal unterwegs ist, dann soll auch nichts mehr schiefgehen. Am besten also, man fährt gleich in einen der Wintersportorte.
Auf die Idee wäre ich früher nicht gekommen. Wintersport, das war doch Ski. Da konnte man sich mit seinem lahmen Schlitten unmöglich hinwagen. Seit ein paar Jahren ist das anders. Einige Wintersportziele werben sogar besonders um Gäste, die auf gemütliche Art ihren Spaß haben wollen. In der Kategorie »sanfter Tourismus« bieten sie Schneeschuhwandern, Iglubauen und Nordic Walking an. Und eben auch Schlittenfahren. Allein in der Schweiz gibt es heute über 150 als Rodelbahnen ausgewiesene Strecken. Hunderttausende rodeln pro Saison in der Region Bergün. 6oo Gäste und mehr kommen am Tag auf die Bahn vom Faulhorn nach Grindelwald, deren Ausgangspunkt mühsam erklommen werden muss. Dafür hat man dann auch mehr von der Abfahrt. Sie dauert über eine Stunde. Auch das Zillertal in Österreich hat aufgerüstet. 16 Bahnen mit 45 Kilometer Gesamtlänge gibt es dort. An der Wallbergbahn im bayerischen Rottach-Egern hat eine Rodelstrecke die präparierte Standardabfahrt für Skiläufer ersetzt.
Freilich hat sich der olle Schlitten über die Jahre weiterentwickelt. Sportartikelhersteller bieten bunte Alternativen an, etwa den Skifox, einen Carvingski mit Sitz drauf; oder den Skibob, eine Art Fahrrad mit Kufen beziehungsweise dessen Derivat Snowter, einen Skibob ohne Sitz. Selbst ausgeklügelte Luftmatratzen sind im Einsatz, sogenannte Airboards, bäuchlings zu nutzen und steuerbar. Wer aber das authentische Kinderglück sucht, besteht auf einen Holzschlitten. Und damit wirklich alles stimmt, sollte »Davos« draufstehen.
Weit verbreitet und von Schweizer Herstellern liebevoll gepflegt ist der Irrtum, dass man nach Davos fahren muss, um einen Davos zu kriegen. Oder wenigstens bei einem Schweizer Hersteller nachfragen sollte, um das Original zu finden. Stimmt alles nicht: Schwaben reicht auch. »Davos ist kein Herkunfts- und kein Markenname, sondern bezeichnet einen Typ«, sagt Friedrich Glogger. Glogger, 44 Jahre alt, ist Schlittenbauer in dritter Generation; sein Großvater gründete in Lutzingen bei Ulm vor 90 Jahren die Firma Gloco. Hier werden Schlitten noch in guter Handwerkstradition gefertigt. Die Sendung mit der Maus war auch schon mal da.
Es gibt Schlitten, erklärt Glogger, deren Kufen in Längsrichtung wie Hörner gebogen sind, solche mit Sitzmatten und tiefergelegte Sportrodel. Doch die archetypische Schlittenform, das ist der Davoser. Seine Kufen liegen waagerecht auf dem Boden und krümmen sich erst am vorderen Ende. Ein echter Davoser ist aus Esche oder Buche, seine Kufen laufen auf einem schmalen Eisenband. Nicht für Hochleistungen ist er gedacht, sondern für den Familienspaß. Friedrich Gloggers Schlitten tragen 150 Kilogramm und verkraften auch Stoßbelastungen von einer Tonne – zum Beispiel wenn Papa, Mama und Kind über einen Huckel auf der Piste donnern und mit Krawumm landen.
Eins stimmt am Davos-Mythos doch: Der Schlitten, wie wir ihn kennen, ist ein gebürtiger Schweizer. Als winterliches Transportmittel wurde er im 19.Jahrhundert aus Norwegen eingeführt. Schweizer Schreiner entwickelten ihn weiter zum Davoser. Sie kamen nur nicht auf die Idee, ein Patent anzumelden, also steht »Davos« heute auch auf Billigimporten aus Osteuropa. Tatsächlich aber ist man auf Kufen seit alters unterwegs. Schon in Mesopotamien hat man wohl mit einer Art Schlitten Transporte durchgeführt. Die Steinquader für die Pyramiden wurden ebenfalls auf Kufen transportiert. Das wesentlich jüngere Rad ist im Prinzip nichts anderes als eine Fortentwicklung der Kufe mit verbundenen Enden und einer drehbaren Aufhängung.
- Datum 27.11.2009 - 13:05 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
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och, wie gerät man da ins träumen und fühlt sich als fährt man selbst diesen Schlitten. Sehr schön formuliert! Holzschlitten kann man hier erwerben www.holzschlitten-shop.de, einfach mal rein schauen.
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