Österreich

Ab in die Puschen

Kuschelig und passgenau – die Doggln von Familie Hartl sind mehr als gewöhnliche Filzpantoffeln. Dafür kommt selbst das chinesische Fernsehen ins Zillertal.

Fußbekleidung der besonderen, traditionellen Art: die Doggln aus dem Zillertal

Fußbekleidung der besonderen, traditionellen Art: die Doggln aus dem Zillertal

Die Aussicht am Morgen vom Hang ins Zillertal ist von einer Schönheit, die Mitleid erregt. Mitleid mit all jenen, die nicht sehen können, wie die Sonne in der Früh zuerst die schneebedeckten Tiroler Bergspitzen anknipst, ehe sie langsam in die Ebene wandert – über rostbraune Baumspitzen, frostfahle Dächer der Holzhütten und funkelnde Wiesen. Am besten lässt sich diese Aussicht genießen, wenn ein Fenster die Landschaft vom Betrachter trennt, eine Tasse Kaffee zwischen den Händen dampft und die Füße in etwas Bettwarmweichem stecken, das vergessen macht, dass man schon vor einer halben Stunde aufgestanden ist.

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Die Tiroler haben früh verstanden, dass man dieses Gefühl nicht mit dem sperrigen Wort »Filzhausschuh« verunglimpfen sollte. Östlich von Innsbruck, zwischen Tuxer und Kitzbüheler Alpen, heißt der Wollschuh mit der dicken Filzsohle deshalb »Doggl«. Wer das Gefühl noch tiefer ergründen will, muss der Sonne ins Tal folgen, in den 2000-Einwohner-Ort Stumm. Unweit des Dorfplatzes, auf drei Wohn- und einer Arbeitsetage lebt und schneidert, näht, klebt und hämmert die Familie Hartl in dritter Generation unter einem Dach an einer Fußbekleidung der besonderen, der traditionellen Art.

Früher waren es die Bäuerinnen selbst, die aus alten Lodenkleidern und Stoffresten einen Pantoffel fertigten, wie ihn die Hartls heute mit dem schlanken Slogan »Warm. Bequem. Gesund. Super!« Kunden zu Füßen legen. Den aufwendigen Herstellungsprozess nimmt kaum noch jemand auf sich. Lieber kauften die Zillertaler ihre Doggln in Stumm, sagt Marion, die Ehefrau des jüngsten Hartl-Schusters Günter. An einer Werkbank schneidet sie aus festem Wollstoff vier Sohlen, vier Seitenstreifen und vier ohrenrunde Kappen. So geht es los. Als ihre Schwiegermutter vor zehn Jahren starb, übernahm sie deren Job. Die Fingerkuppen der 38-Jährigen sind fest wie Leder. In den Daumen der rechten Hand haben Nadelspitzen einen kleinen Krater gegraben, der nicht aussieht, als würde er je wieder verheilen.

In der hinteren Werkstatt ruhen die hölzernen Leisten wie Brotlaibe in den Regalen, semmelgroße Kinderformen ab Größe 17 bis hin zu baguettelangen 49ern. Die Stoffballen für die Oberbezüge lehnen in einer Zimmerecke an der Wand: Loden in allen Erd- und Schlammschattierungen, dazu die leuchtenden Farben der Polsterstoffe, Rot mit goldenen Sonnen, Karos in Blau, Grün und Gelb, floraler Brokat. Günter Hartl, 40, lehnt im Türrahmen zur Werkstatt hinter dem Ladenraum, die Hände in den Hosentaschen hinter der dunklen Arbeitsschürze, während er sagt: »Die Marion ist eigentlich der Kopf der Firma, die Entwicklerin, die Stoffe aussucht und mit den Formen experimentiert. Ich bin nur der Verkäufer.« Im Herbst, wenn das Geschäft anzieht, hilft Mutter Gretl, 64, mit aus, an einer wuchtigen Nähmaschine steppt sie Pantoffelteile aufeinander. Vater Franz, 73, sitzt in der Werkstatt nebenan, hinter dem Verkaufsraum, auf einem Schemel, in Jogginghosen und Fischgrätdoggln und lächelt einer dicken Katze zu, die draußen auf dem Fensterbrett hockt. »Er tut gern ausschneiden und die Form machen«, sagt Günter. Aber so weit sind wir noch nicht. Das rasselnde Schellen der Ladentür zieht den Juniorchef von der Werkbühne die Stufen hinunter, in den Verkaufsraum.

Wann der Doggl erfunden wurde, von wem und wo genau, weiß niemand. Früher jedenfalls, sagt Marion, hätten sie die Stoffreste von den Fabriken oft geschenkt bekommen. Aber jetzt, wo es nur noch eine einzige Lodenfabrik im Tal gibt, müssen sie für jeden Meter bezahlen. Nur für die Polsterstoffe, mit denen der Schuh alternativ zum Loden bezogen werden kann, machen ihnen die Hersteller manchmal einen Sonderpreis.

»Wer einmal einen Doggl hatte, will immer wieder einen haben«, sagt Marion. Manche Kunden kommen erst drei, fünf oder acht Jahre nach dem Kauf des ersten Paars zurück. Vielleicht halten Doggln kein ganzes Leben, aber wesentlich länger als manche Lebensabschnittsgemeinschaft. Weil die Schuhe im Inneren aus mehreren Lagen reiner Wolle bestehen, muss der Fuß, den sie schützen, nicht beim Tragen schwitzen. Und wenn die Puschen doch einmal stinken, reichen ein paar Stunden im Freien auf der Fensterbank zum Auslüften. Nur eines sollte man nie tun: den Doggl waschen. Warum er das nicht mag, wird beim nächsten Arbeitsschritt klar.

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    • Von Karin Ceballos Betancur
    • Datum 25.11.2009 - 14:33 Uhr
    • Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
    • Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
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