Streit um ZDF-Chefredakteur Nie mehr Nikolaus
Das Problem im ZDF-Krieg ist das System, nicht die Person, meint Josef Joffe
Zu Recht empört die Causa Nikolaus Brender. Am Freitag steht die Vertragsverlängerung des ZDF-Chefredakteurs an. Wie kommt ein Ministerpräsident wie Hessens Roland Koch dazu, diesen begabten Journalisten (der einst bei der ZEIT hospitiert hat) aus so durchsichtigen politischen Motiven abschießen zu wollen?
Eine üble Attacke gegen die Rundfunkfreiheit – und doch erinnert der Vorgang an die Szene aus Casablanca, wo der gefügige Polizeichef auf Befehl des Nazi-Majors Strasser Rick’s Café schließt. Warum bloß?, entrüstet sich Rick (Humphrey Bogart). Der Polizeichef: »Unfassbar! Ich habe gerade gemerkt, dass hier gejeut wird.« Im selben Moment steckt ihm der Croupier seine Gewinne zu.

ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung. Weitere Texte von ihm finden Sie hier
So ähnlich geht’s in Mainz zu: Unglaublich, Parteipolitik! Die Union will einen Chefredakteur meucheln, der nicht genehm ist. Verfassungsbruch!, schelten 35 Staatsrechtslehrer, gewähre doch das Grundgesetz Rundfunkfreiheit. Wo waren die Professoren in den letzten fünfzig Jahren?
Koch hat bloß die Parteimacht allzu dreist ausgespielt. Traditionell verlief es eleganter: Die Mehrheit im Verwaltungs- und Rundfunkrat bestimmte, wer was wurde – die Minderheit wurde nach dem Muster »eins links, eins rechts« ruhiggestellt. Leise, regelhaft, an der Parteilinie entlang. Und die ist im ZDF-Verwaltungsrat schwarz.
Die Bundesrepublik wird nicht umsonst als Parteienstaat etikettiert; deren Macht quillt weit über das eigentlich Politische hinaus. Eben auch ins ZDF, wo selbst im Rundfunkrat 93,5 Prozent der 77 Mitglieder dem Proporz entsprechen, der Politikferne zum frommen Wunsch reduziert.
So staatsnah sollte das Öffentlich-Rechtliche natürlich nie sein, aber vom kleinsten bis zum größten Sender hat die Politik das letzte Wort – oder im Fall des Roland Koch auch das erste. Sein Gebaren ist schnöselig, aber systemkonform.
Stellen wir uns vor, diese Zeitung (oder jede andere) unterläge einem staatlich mandatierten Rat. Allein der Gedanke ist unerträglich. Aber so ist es bei Radio und TV. Wer solchen Machtmissbrauch verhindern will, muss nicht pro Brender und contra Koch, sondern gegen ein System sein, das in der demokratischen Welt nur von den Staatsmedien Frankreichs übertroffen wird. Aber die Öffentlich-Rechtlichen werden wir nicht abschaffen – erst recht nicht, nachdem die Privaten seit dreißig Jahren jede Chance vertun, Besseres ins Breitband zu stellen.
Wer heute intelligente Unterhaltung sucht, wird sie nicht bei RTLPro7VoxSAT, sondern beim amerikanischen HBO (The Wire, Curb Your Enthusiasm) finden. Man darf dennoch zart fragen, ob wir für die »Grundversorgung« zwanzig Öffentlich-Rechtliche brauchen, die nicht nur von steigenden Zwangsgebühren, sondern auch von hoch kapitalistischer Werbung profitieren.
Ein Gutes hat die Causa Brender/Koch doch. Noch nie wurde die Öffentlichkeit so sensibilisiert fürs Prinzipielle, das im Gewande einer Personalie daherkam. Möge die Einmischung gegenüber allen Öffentlichen-Rechtlichen Schule machen. Bloß ist es umgekehrt wahrscheinlicher: dass die Parteien daraus lernen, wieder still und geschmeidig zu agieren – nach der Maxime: einen für dich, einen für mich, und das in Rot, Schwarz, Grün und Gelb.
- Datum 30.12.2009 - 16:42 Uhr
- Serie Zeitgeist
- Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
- Kommentare 20
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"Aber die Öffentlich-Rechtlichen werden wir nicht abschaffen – erst recht nicht, nachdem die Privaten seit dreißig Jahren jede Chance vertun, Besseres ins Breitband zu stellen."
Was soll der Unsinn? Wie jedes Unternehmen müssen die Privaten Geld verdienen. Die bekommen nicht per Zwangsabgabe das Geld in den Allerwertesten geblasen. Der Vergleich mit HBO hinkt, da HBO ein Pay-TV Sender ist. Nur haben es solche Sender in den USA um einiges leichter, weil a) die potentielle Kundenbasis größer ist da mehr Einwohner und b) es in den USA keine Zwangs-Pay-TV-Sender wie ARD & ZDF gibt, die den Bürgern jede weitere Bereitschaft für ein TV-Angebot zu zahlen nehmen. ARD & ZDF gehört auf ein Grundangebot gestutzt das mit 5 EUR/Monat Gebühren auskommen kann. In Zeiten des Internet seh ich sowieso keine aufklärerische Funktion dieser aufgeblähten Beschäftigungsmaschinen für Parteibuchjournalisten.
Das sehe ich aber anders. Gerade in Zeiten des Internets, wo jeder selbsternannte "Experte" seine Meinung Kund tun kann und aus angeblichen Fakten schnell mal Verschwörungstheorien werden, die, einmal verbreitet, wohl nie wieder gänzlich ausgerottet werden können, lege ich wert auf unabhängige Medien und somit auch auf die Öffentlich Rechtlichen. Nicht, dass die Frei von Unterwanderung sind, aber je mehr unabhängige Medien es gibt, desto besser. Und die Aussage, die Privaten müssen Geld verdienen, soll doch wohl hoffentlich keine Absolution sein, den größten Blödsinn senden zu dürfen, oder?
Es lohnt sich also aus meiner Sicht, täglich darum zu kämpfen, dass sowohl Radio, TV, Print und auch das Internet nicht gänzlich den Kräften des freien Marktes und der Politik untergeordnet werden.
ich bin in etwa auch ihrer meinung ... allerdings finde ich, sollten sich die gebühren gegen null bewegen. das hat folgenden grund: das angebot der öffentlich rechtlichen hat sich in einem hohen maße den privaten angeglichen. was da mit den GEZ gebühren gezeigt wird entspricht leider in keinster weise dem, was es eigentlich sein sollte.
Das sehe ich aber anders. Gerade in Zeiten des Internets, wo jeder selbsternannte "Experte" seine Meinung Kund tun kann und aus angeblichen Fakten schnell mal Verschwörungstheorien werden, die, einmal verbreitet, wohl nie wieder gänzlich ausgerottet werden können, lege ich wert auf unabhängige Medien und somit auch auf die Öffentlich Rechtlichen. Nicht, dass die Frei von Unterwanderung sind, aber je mehr unabhängige Medien es gibt, desto besser. Und die Aussage, die Privaten müssen Geld verdienen, soll doch wohl hoffentlich keine Absolution sein, den größten Blödsinn senden zu dürfen, oder?
Es lohnt sich also aus meiner Sicht, täglich darum zu kämpfen, dass sowohl Radio, TV, Print und auch das Internet nicht gänzlich den Kräften des freien Marktes und der Politik untergeordnet werden.
ich bin in etwa auch ihrer meinung ... allerdings finde ich, sollten sich die gebühren gegen null bewegen. das hat folgenden grund: das angebot der öffentlich rechtlichen hat sich in einem hohen maße den privaten angeglichen. was da mit den GEZ gebühren gezeigt wird entspricht leider in keinster weise dem, was es eigentlich sein sollte.
Das zeigt mal wieder wie arrogant, ja ignorant, wir Deutschen gegenüber unseren Nachbarländern auftreten.
Seit Jahren wird über Italien und die Verwicklung von Berlusconi in die Medien hergezogen. Das mag ja vielleicht sogar zum Teil wahr sein, dass er versucht die Medien zu manipulieren, wie es eben machthungrige Politiker so tun.
Aber das System, mit dem die machthungrigen Politiker die Medien manipulieren können ist in Deutschland schlicht und einfach so ausgereift, dass es die wenigsten merken, wie manipuliert es ist.
Wir sollten wirklich erstmal vor unserer eigenen Tür kehren, bevor wir wieder über Italien oder was weiss ich wen herziehen. Auch wenn es einfacher ist, über andere herzuziehen als selber aufzuräumen.
Ich bezweifle mal, dass sie sich ein Bild von den italienischen Medien gemacht haben, also tatsächlich mal ein Blick in das Programm geworfen haben. Schon allein, weil sich der "Parteiproporz" auf eine einen Block und die Person Berlusconi konzentriert.
Die Tagesschau etwa - und auch viele Dokumentationen - weisen dagegen eine Qualität auf, wie sie sonst eigentlich nur bei der BBC zu finden ist.
Die Verquickung zwischen Medien und Politik hierzulande - da stimme ich ihnen zu - wird dadurch natürlich nicht besser und es lassen sich auch bei den Öffis genügend Negativbeispiele finden...
Ich bezweifle mal, dass sie sich ein Bild von den italienischen Medien gemacht haben, also tatsächlich mal ein Blick in das Programm geworfen haben. Schon allein, weil sich der "Parteiproporz" auf eine einen Block und die Person Berlusconi konzentriert.
Die Tagesschau etwa - und auch viele Dokumentationen - weisen dagegen eine Qualität auf, wie sie sonst eigentlich nur bei der BBC zu finden ist.
Die Verquickung zwischen Medien und Politik hierzulande - da stimme ich ihnen zu - wird dadurch natürlich nicht besser und es lassen sich auch bei den Öffis genügend Negativbeispiele finden...
Das sehe ich aber anders. Gerade in Zeiten des Internets, wo jeder selbsternannte "Experte" seine Meinung Kund tun kann und aus angeblichen Fakten schnell mal Verschwörungstheorien werden, die, einmal verbreitet, wohl nie wieder gänzlich ausgerottet werden können, lege ich wert auf unabhängige Medien und somit auch auf die Öffentlich Rechtlichen. Nicht, dass die Frei von Unterwanderung sind, aber je mehr unabhängige Medien es gibt, desto besser. Und die Aussage, die Privaten müssen Geld verdienen, soll doch wohl hoffentlich keine Absolution sein, den größten Blödsinn senden zu dürfen, oder?
Es lohnt sich also aus meiner Sicht, täglich darum zu kämpfen, dass sowohl Radio, TV, Print und auch das Internet nicht gänzlich den Kräften des freien Marktes und der Politik untergeordnet werden.
Kommentar voll und ganz!
Gott schütze uns vor der Fülle der selbsternannten Möchte-gern- und Hobbyjournalisten, die glauben mit ein paar Clicks und flotten Sätzen informiert zu sein und andere informieren zu können! (s. Komm. 1)
Joffe schafft es aber wieder, auf das abzustellen, um das es nicht wirklich geht: "intelligente Unterhaltung", bzw. deren Mangel ist wohl kaum der Grund, warum Koch Brender gerne kalt stellen würde und das ist auch nicht das, was den Zuschauern bitte noch in Restmengen erhalten bleiben sollte: umfassende und ausführliche Information in Nachrichtenprogrammen und Magazinen, ein kulturelles Mindestangebot, das nicht von den Privaten abgedeckt wird, sowie "experimentelle" Sendungen zu Themen abseits des "mainstreams".
Kommentar voll und ganz!
Gott schütze uns vor der Fülle der selbsternannten Möchte-gern- und Hobbyjournalisten, die glauben mit ein paar Clicks und flotten Sätzen informiert zu sein und andere informieren zu können! (s. Komm. 1)
Joffe schafft es aber wieder, auf das abzustellen, um das es nicht wirklich geht: "intelligente Unterhaltung", bzw. deren Mangel ist wohl kaum der Grund, warum Koch Brender gerne kalt stellen würde und das ist auch nicht das, was den Zuschauern bitte noch in Restmengen erhalten bleiben sollte: umfassende und ausführliche Information in Nachrichtenprogrammen und Magazinen, ein kulturelles Mindestangebot, das nicht von den Privaten abgedeckt wird, sowie "experimentelle" Sendungen zu Themen abseits des "mainstreams".
Dass ich Josef Joffe mal fast uneingeschränkt zustimme, es ist tatsächlich geschehen ...
Allerdings hinkt er der tatsächlichen Entwicklung hinterher.
Rot, Schwarz, Grün und Gelb sind nur 4 Farben, mittlerweile hat überdies ein Farbwechsel stattgefunden ROT ist heute von den LINKEn besetzt, die SPD ist grad mal eben noch leicht Rosa. Vor Scham? Schön wär's.
jeder politischen Partei, die ihre korrupten Dreckfinger auf den öffentlich-rechtlichen (!) Rundfunk legt, schmerzhaft auf dieselben schlagen.
Tut nur leider keiner.
...soll mal einer sagen, wir leben hier nicht in einer Bananenrepublik !
...aber sicher sagt gleich wieder einer, ich sei ein Verschwörungstheoretiker ?!
Holen wir es uns zurück - von der alleslähmenden Parteienoligarchie aus CDU/CSU/SPD/FDP. Die sind alle vier unwählbar für jeden, der Freiheit und Demokratie will in Deutschland. Diese vier Parteien zwingen uns, dafür zu zahlen, dass sie die Öffentlich-Rechtlichen zu ihrer Prpagandamaschine deformieren dürfen.
Einen Rundfunkrat fürs ÖR muss es geben: Demokratisch gewählt, von denen, die die Musik bezahlen.
Das sind nicht nur die „Rundfunk und Fernsehanstalten“ mit der die Politiker ihre Macht ausüben. Dazu gören auch andere „öffentliche“ Einrichtungen, wie z. B. die Zwangskammern. Kritiker über INTERNET-Portale werden vor Gericht gezerrt. Sie müssen sich die PRESSEFREIHEIT neu erkämpfen !.
Auch die Pressefreiheit im Tagesspiegel (ARD) mit „Onlinekommentaren“ wird sehr stark eingeschränkt. >>Wer Minister mit „Überflieger“ tituliert, fliegt raus<<.
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