Der Umschwung veränderte die staatlichen Prioritäten grundlegend
Unter diesen Vorzeichen entdeckten in den sechziger Jahren viele junge Deutsche aus der Bundesrepublik die Kibbuzim. Sie gingen als sogenannte Volontäre nach Israel, mit gutem Willen, Begeisterung und Hingabe, beseelt von dem Wunsch, mit ihrer Hände Arbeit etwas von der deutschen Schuld abzutragen. Nicht minder anziehend indes war der halb anarchistische Sozialismus, den sie im Kibbuz vermuteten. Das Leben hier erschien wie das Urmodell einer solidarischen, befreiten Gesellschaft: der vitale Gegenentwurf zur westdeutschen Nachkriegswelt. Und so wie die Väter- und Großvätergeneration die Juden verachtet und verfolgt hatte, so verklärte jetzt die Enkelgeneration die jüdischen Pioniere. Auch dies gehörte zur Revolte von 68.
Unterdessen durchlief die Kibbuzbewegung einen erfolgreichen Prozess der Industrialisierung – noch heute produzieren die Kollektive etwa 30 Prozent aller Agrarprodukte und 7 Prozent aller Industriegüter. Als engagierte Mitglieder der Arbeitspartei und der Gewerkschaft waren die Kibbuzniks eng in das von der Arbeiterbewegung geprägte politische Leben Israels einbezogen, waren im Parlament, in Regierung und Armee überproportional vertreten. Die Kollektivsiedlungen genossen hohes Ansehen.
Von dieser privilegierten Stellung ist nicht viel geblieben. Im Verlauf der vergangenen drei Jahrzehnte hat sich das Bild gewandelt. Der Umschwung, der 1977 eine von Menachem Begin geführte rechtsgerichtete Regierung an die Macht brachte, veränderte die staatlichen Prioritäten grundlegend: Subventionen, die stets den Kibbuzim zugekommen waren, dienten nun zur Errichtung jüdischer Siedlungen im Westjordanland und im Gaza-Streifen. Die neue großisraelische Expansionspolitik, die schleichend bereits im Jahrzehnt davor unter den Regierungen der Arbeitspartei begonnen hatte und jetzt unter dem Likud zum offensiven Programm wurde, zeigte kaum noch Gemeinsamkeiten mit den ursprünglichen Motiven der Kibbuzbewegung.
So stürzten der Prestigeverlust in der Öffentlichkeit und die Abwanderung der Jugend die Kollektive in eine tiefe Identitätskrise. Das große Experiment schien manchem Älteren endgültig missglückt. 2007 brach selbst der älteste Kibbuz des Landes mit der sozialistischen Tradition und folgte damit dem Beispiel anderer. Degania änderte radikal sein Regelwerk und führte den Kapitalismus ein. Waren nach alter Satzung die grundlegenden Dinge des Lebens kostenlos, so müssen die Mitglieder neuerdings für alles selbst aufkommen. Ebenso neu sind private Gehälter, die auf private Bankkonten überwiesen werden können. »Wir schaffen den Kibbuz nicht ab, wir verbessern ihn«, beteuert Tzali Koperstain, zuständig für die Wirtschaftsverwaltung.
Viele Mitglieder von Degania wussten gar nicht, was eine Kreditkarte und ein Bankkonto ist, hatten keine Ahnung, wie teuer bestimmte Dinge sind. Nach der Satzungsänderung erhielt jeder ein symbolisches Startgeld, und manche dachten, als sie 500 Schekel bekamen, sie wären reich, dabei hielten sie gerade einmal 100 Euro in Händen.

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Trotz dieser Umbrüche geht es weiter. Heute gibt es über 270 Kibbuzim unterschiedlicher Größe in Israel, mit jeweils 200 bis 2000 Mitgliedern. Insgesamt leben etwa drei Prozent der Gesamtbevölkerung in den Kollektiven. »Es ist wohl noch zu früh, Prognosen zu stellen«, meint der aus Karlsruhe stammende, im Kibbuz Givat Brenner lebende und im Forschungsinstitut der Vereinigten Kibbuzbewegung Takam in Jad Tabenkin arbeitende Chronist der Bewegung, Chaim Seeligmann. »Den ›alten‹ Kibbuz gibt es nicht mehr, doch der Kibbuz besteht nach wie vor – wenngleich in verwandelter Form, ganz anders, als ihn sich die Gründergeneration gedacht hatte.«
Einige wenige Kibbuzim gibt es auch in den besetzten Gebieten, auf den Golanhöhen und im Westjordanland, wie Kfar Etzion, das zum Siedlungsblock Gusch Etzion gehört. Und doch sind die meisten der Kollektive heute eher Bastionen anderer Art: Etliche unterstützen die israelische Friedensbewegung. Es sind Bastionen eines anderen Israel, dessen Stimme kaum mehr zu uns dringt.
Der Autor lehrt Geschichte an der Universität Duisburg-Essen
Elser und Stauffenberg, Weiße Rose und Rote Kapelle – dem deutschen Widerstand gegen Hitler ist das neue Heft von ZEIT Geschichte gewidmet. Jetzt am Kiosk. 115 S., 5,50 €
- Datum 03.12.2009 - 15:31 Uhr
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- Serie Zeitläufte
- Quelle DIE ZEIT, 03.12.2009 Nr. 50
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Sehr schöner Artikel, war wirklich interessant zu lesen.
Aber "Mit Bakunin in die Wüste" hätte meiner Meinung nach besser gepasst.
Ausgezeichneter Artikel mit einer herrlichen Kishon-Anekdote zu Beginn. Mehr davon! :-)
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