Dubai Reich gegen Reich
Die finanzielle Krise verändert die Machtbalance unter den arabischen Emiraten. Dubai steckt in der Schuldenfalle, Abu Dhabi ist weiterhin flüssig
© Karim Sahib/AFP/Getty Images

Scheich, was nun? Es ist unklar, wie Dubai seinen Schuldenberg abbauen kann
Jüngst ging das Gerücht um in Dubai, die Regierung würde in leeren Hochhäusern die Beleuchtung bezahlen, damit die düsteren Giganten der krisengeplagten Bevölkerung nicht aufs Gemüt schlagen. Die Sache war nicht zu beweisen, wie so oft. Es waren die Undurchsichtigkeit und der sie überstrahlende Glanz, welche Dubai groß und berühmt gemacht haben. Mochte der Herrscher des Vitrinen-Emirats auch planen, was er wollte, es würde schon weitergehen: höher, schöner, reicher. Vorige Woche dann, vor dem muslimischen Opferfest, kam das böse Erwachen aus der Investoren-Trance. Die Holdinggesellschaft Dubai World bat ihre Gläubiger um Aufschub bei der Schuldentilgung. Dann folgte die kalte Dusche für alle, die ihr Geld in dem Golfemirat geparkt haben: Der Staat will nicht für den Staatskonzern Dubai World garantieren.
Dubai schlingert. Die Financiers flüchten aus der Metropole, die Börsen am Golf zucken wild nach unten, die Welt fragt sich: Warum ist Dubai World abgestürzt? Ist Dubai pleite? Wer könnte dem Emirat helfen – und zu welchem Preis?
- Das Emirat Dubai
Dubai ist der größte Hafen und das bedeutendste Handelszentrum der Vereinigten Arabischen Emirate. Der Export des in der Region geförderten Erdöls sowie der Tourismus gehören zu den rentabelsten Wirtschaftszweigen. Bei Urlaubern sind die Einkaufszentren und Luxushotels beliebt - wie das berühmte segelförmige Burj al-Arab. Auf künstlichen Inseln, die in Form von Palmen angelegt wurden, sollen neben langen Sandstränden auch Luxuseinrichtungen für Urlauber geschaffen werden.
Mit einer Fläche von etwa 3900 Quadratkilometern ist das Emirat am Persischen Golf etwas größer als das Saarland und Berlin zusammen. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes leben rund 1,3 Millionen Menschen in Dubai, etwa 80 Prozent davon sind Ausländer. Der größte Teil Dubais besteht aus Wüste. Bis 1833 gehörte Dubai zum Emirat Abu Dhabi.
Sinn für Ironie haben die Herrscher von Dubai. Vor wenigen Wochen stellten sie noch den Burj Dubai fertig, eine leuchtende Nadel in den Wüstenhimmel, das höchste Gebäude der Welt. Es war das zu Ende gebaute Großprojekt aus der Zeit vor der Krise. Dubai war über Jahre die funkelnde Erfolgsgeschichte der Globalisierung. Zu riesigen Palmen geformte Inseln wurden in den Golf hinausgebaut. Darauf die teuersten Hotels der Welt, die exklusivsten Villen, die höchstgelegenen Luxusapartments. In Dubai, wo Muslime neben Christen, Hindus neben Goldanbetern leben, war der Superlativ das gemeinsame Glaubensbekenntnis.
Ermöglicht wurde die Erfolgsgeschichte von dreißig Jahren durch Öl und Handel und auch durch die Kriege im Irak, für die die Waffen in Dubai umgeschlagen wurden. Doch was den Traum ins Bizarre trieb, war der Bauwahn auf Pump. Der staatlich kontrollierte Immobilienentwickler Nakheel, einst Vorzeigefirma, jetzt Lumpenfiliale des Konzerns Dubai World, hatte viele der Leuchtturmprojekte im Emirat erbaut. So funktionierte das Prinzip Nakheel. Beim Bauen in luftigen Höhen arbeitete der Konzern mit immer kurzfristigeren Krediten. Das Geld nahm Nakheel an den internationalen Märkten auf. Die Firma verkaufte Land an Immobilienfirmen und zahlte so die Kredite ab. Die Einnahmen wuchsen wie die Hochhäuser, es war ein gigantisches Geschäft. Bis zum großen Crash 2008. Seither verkauft Nakheel kaum noch, seither kämpft der Entwickler darum, jede Tranche abzustottern. Das wurde hinter den Glasfassaden wohlverborgen. Nun ist der Schuldenkreislauf vor aller Augen zusammengebrochen, Dubai bekennt, seine Schulden nicht mehr bedienen zu können.
Dubai World, die Dachgesellschaft von Nakheel und einstige Perle des Scheichs Mohammed bin Raschid al-Maktoum, steht mit rund sechzig Milliarden Dollar in den roten Zahlen. Dubai World gehört zu achtzig Prozent dem Emirat. Die Staatsunternehmen Dubais müssen im kommenden Jahr insgesamt über dreißig Milliarden Dollar zurückzahlen. Die Ankündigung der Regierung vom Wochenbeginn, dass sie nicht für alle Schulden ihrer himmelstürmenden Unternehmen einstehen wolle, alarmiert die Investoren und freut die Feinde des Traums von Dubai.
Im Westen nicken jene, die es immer schon wussten: »Ohne Öl wird der Araber doch nicht reich.« Im Osten frohlocken die Islamisten, denen ein auf Geld und Zinseszins aufgebautes Leben zuwider ist. Dubai sei dazu verdammt unterzugehen, schreibt der islamische Vordenker Ali Bulac aus Istanbul. »Es war die Ikone eines falschen Himmels, ein falsches Glück, pures Piraten-Entertainment und die Leiter der neuen Reichen in der Wüste. Alles nichts als eine Fata Morgana!« So und ähnlich prasseln nun die flotten Urteile.
Ist Dubai am Ende? Davon kann keine Rede sein. Das Emirat hat Schulden, aber es hat auch einen Riesenbesitz. Wäre Scheich Mohammed al-Maktoum bereit, sich davon jetzt zu trennen, würde sein Land gar nicht in der Schuldenfalle stecken.
Es gibt ja nicht nur die Immobilien in Dubai selbst, die stark an Wert verloren haben und die der Scheich derzeit besser nicht verkaufen sollte. Es gibt auch die Fluggesellschaft Emirates, den Aluminium-Giganten Dubal, den Hafen Dschabel Ali, es gibt Beteiligungen an den Börsen von London und New York, an der HSBC-Bank. Es gibt darüber hinaus Hotels und Bürohäuser in den besten Lagen von New York, London, Hongkong. Der Scheich ist keineswegs über Nacht verarmt. Er hat nur andere Prioritäten, als sofort alle Schulden zu bedienen und zu begleichen.
Seine Regierung will den Nakheel-Konzern radikal umzubauen. Sie will den Immobilienentwickler möglichst nicht durch weitere Quersubventionierung retten, sondern erinnert die Investoren an »ihre Verantwortung für ihre Entscheidung, den Unternehmen Geld zu leihen«. So schön dekorierte der Finanzminister Abdulrahman al-Saleh die Absicht der Regierung, die Schulden nicht zu übernehmen. Ein Beobachter in Dubai vermutet, man wolle die lädierte Nakheel »an die Wand fahren lassen« und von den lukrativen Geschäften der Staatsholding trennen.
Dazu gehört das Logistikunternehmen Dubai World Ports, das auch in diesem Krisenjahr Gewinne macht. Dazu zählt vor allem der neue Flughafen in Dubai, ein Drehkreuz für Afrika, Asien und Europa, das 120 Millionen Passagiere im Jahr abfertigen soll. Dazu zählt auch der Tiefseehafen Dschabel Ali, der wie der Großflughafen in der Freihandelszone Dubai Logistics City liegen soll. Hier und nicht in Luxusapartments mit Golfblick liegt die Zukunft von Dubai – das will der Scheich retten.
Allein schafft er es nicht. Wer hilft ihm dabei? Alle schauen auf den nahen Nachbarn und die eigentliche Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate: Abu Dhabi. Hier ist ADIA, der reichste Staatsfonds der Welt, beheimatet. Hier wohnen die Miteigentümer der Daimler AG und der Citigroup in New York.
Auch Abu Dhabis Staatsfonds haben in der Krise gelitten, aber auf hohem Niveau. Ihr Geldzufluss beruht nicht auf Miet- und Pachtzinsen, sie schwimmen auf Öl. Abu Dhabi hat größere Erdölreserven als Russland und nur etwas geringere als Iran. Der Herrscher, Scheich Khalifa bin Sajid al-Nachjan, hat bereits Kredite in Höhe von 20 Milliarden Dollar ans Nachbaremirat gegeben. Es hätte auch mehr Geld sein können. Doch hielt sich der Scheich in den Tagen des Sturms über Dubai vornehm zurück. Warum hat er dessen Entblößung zugelassen?
Am Golf kursieren zwei Erklärungen: Zunächst einmal hat Dubai Schulden aufgehäuft, die niemand gern übernimmt. Eckart Wörtz vom renommierten Gulf Research Center meint, dass Abu Dhabi nicht unnötig Geld in ein tiefes Loch werfen wolle. Man denke sich: »Warum sollen nicht die internationalen Investoren auch zahlen?« Der Schaden indes sei erheblich, warnt Wörtz, auch wenn außerhalb des Immobilienbereichs viele Unternehmen recht gut dastünden. Das zeigt der Einbruch an den Golfbörsen. Zum Zeichen seiner Solidarität hat Scheich al-Nachjan dem Herrscher von Dubai am Dienstag – spät, aber immerhin – zu dessen Krisenmanagement gratuliert. Diese Verbeugungen und Liebenswürdigkeiten verdecken den harten Machtkampf der beiden Scheichs.
Viele Jahre schon hatte das Glitzeremirat Dubai der Hauptstadt Abu Dhabi Schau und Schneid gestohlen. Nicht nur die schicksten Hochhäuser wuchsen in Dubai empor, das Emirat betrieb auch eine eigene Außenpolitik. Im Krieg zwischen Irak und Iran in den achtziger Jahren stand Abu Dhabi zu Saddam Hussein, während Dubai es mit den Mullahs hielt. Erst 1996 hat Dubai seine Armee zögerlich in die Einheitsstreitkräfte der Emirate integrieren lassen. Dubais Straucheln ist nun Gelegenheit für Scheich al-Nachjan, mit den Extravaganzen Schluss zu machen. Seine Hilfe gegen Aufgabe der Unabhängigkeit Dubais – so kann der Deal nun lauten. Die Konföderation der Emirate würde in der Krise zum stärker zentralisierten Staat.
Über derlei Absichten schweigen sich die Scheichs natürlich aus. Den Investoren gegenüber wollen sie künftig etwas mehr Klarsicht walten lassen. Dubai World verspricht, es wolle »eine Politik der regelmäßigen Kommunikation« einführen, um die Kreditgeber laufend über »den Prozess der Restrukturierung« zu informieren. Dass die Zeit der Kilometertürme und Palmeninseln mit Zwölfzylinder-Highways vorbei ist, deutet die Hauptmeldung der Gulf News vom Wochenbeginn an: Dubai will jetzt Fahrradwege bauen.
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- Datum 04.12.2009 - 18:05 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03.12.2009 Nr. 50
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Wie weit kann Fehlinformation noch gehen? Dubai war einer der zahlreichen, Kleinstprovinzen des Osmansichen Reiches und das seit über 400 Jahren. Das vertragen die vornehmen, "Adligen" nicht und verfälschen ihre Herkunft.
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