Die Briten haben ihre Industrie in den vergangenen Jahrzehnten vernachlässigt und sich ganz auf das Wachstum der Finanzbranche konzentriert. In Zukunftsbranchen wie der Umwelttechnologie sind sie auf dem Weltmarkt kaum präsent © Oli Scarff/ Getty Images

So langsam haben alle die Nase voll von der Rezession. Von business as usual ist die Weltwirtschaft noch weit entfernt, aber immerhin haben die Verbraucher in den G-20-Ländern und EU-weit mit ihrer vorsichtig optimistischen Nachfrage in den vergangenen beiden Quartalen zu einem zarten Wachstum beigetragen. Zuletzt meldeten die USA, Italien und Kanada, dass sie die Talsohle hinter sich gelassen haben. Die Zukunft ist wieder rosiger.

Nur für die Briten nicht. Auch nach 18 Monaten negativen Wachstums hat die Rezession die britische Wirtschaft in ihren Fängen. Zuletzt schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,3 Prozent.

Er habe den Wirtschaftszyklus aus den Angeln gehoben, hatte Gordon Brown zehn Jahre lang getönt, boom and bust gebe es nicht mehr. Die Wahrheit ist, dass Großbritannien, das Wunderkind der vergangenen Dekade, heute unter den größten Volkswirtschaften das Schlusslicht ist. Das Haushaltsdefizit erreicht historische und internationale Rekorde. Bis zum Ende des Haushaltsjahres im nächsten März wird das Loch im Budget zwölf Prozent des BIP betragen, fast dreimal so viel wie im deutschen Bundeshaushalt. Auch die Arbeitslosigkeit steigt in Großbritannien schneller als in vergleichbaren Nationen. Und das Pfund ist seit Beginn der Krise gegenüber dem Euro um 40 Prozent gefallen. Die Rating-Agenturen sehen die Zukunft fürs Erste negativ. Irgendwann wird zwar der Aufschwung kommen, aber auch dann wird Großbritannien dem Rest der westlichen Industrienationen auf absehbare Zeit hinterherhinken.

20 Jahre lang lagen die Briten voll im Trend. Die Deindustrialisierung und der Ausbau der Finanzindustrie machten sie zum Vorreiter der globalisierten Wirtschaft. Heute aber macht das Wort von der "Anpassungsrevolution" die Runde. Von einer Reindustrialisierung ist die Rede und einem neuen Gleichgewicht zwischen Dienstleistungsbranchen und der Industrie. Es wird ein langer und teurer Prozess.

Egal, wer die Wahlen im Mai gewinnt, die nächste Regierung wird einen harten Sparkurs fahren müssen. Geld für Konjunkturprogramme wird da nicht übrig bleiben.

Die erste Hürde ist der Haushalt. Vergangene Woche kündigte Gordon Brown ein Gesetz an, das die Regierung dazu verpflichtet, das Defizit innerhalb von vier Jahren zu halbieren. Dafür wurden die Investitionsvorhaben halbiert, der Staat soll abspecken. Mehr schlechte Nachrichten mochte der Premier den Bürgern bisher nicht zumuten. Ihm steht ein Wahlkampf bevor. Aber auch wenn Zehntausende Stellen im öffentlichen Dienst gestrichen werden, das Problem der Gesamtverschuldung ist damit noch lange nicht gelöst. Rechnet man das Geld für die Rettung der Banken mit, erreicht der Schuldenberg über 70 Prozent des Bruttosozialprodukts. Der Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, hat die britische Regierung gerade ermahnt, sich "dieser Herkulesaufgabe bedingungslos zu stellen".

Egal, wer die Wahlen im Mai gewinnt, die nächste Regierung wird einen harten Sparkurs fahren müssen. Geld für Konjunkturprogramme wird da nicht übrig bleiben.

Solange das globale Finanzsystem funktionierte, war die Londoner City nicht aufzuhalten. Mit immer neuen verbrieften Papieren und Derivaten wurde sie zu einem der wichtigsten Finanzzentren der Welt und auch zu einem der stärksten Motoren der britischen Wirtschaft. Knapp zehn Prozent der britischen Wirtschaftsleistung wurden in der City erwirtschaftet, und über zwanzig Prozent der Unternehmenssteuern kamen von dort. Dann brach das System zusammen.