Augstein und Walser: Lebenslauf der Liebe
Verteidigung der Kindheit: Jakob Augstein hat öffentlich gemacht, dass Martin Walser sein biologischer Vater ist
»Es gibt Familien, die sind nicht auf Tradierung angelegt, verstehst du, daß der eine dem anderen was erzählt.« So erklärte Martin Walser 1998 seinem Freund Rudolf Augstein familiäres Schweigen: »Diese Familie, aus der ich komme, konnte sich abendliche Plaudereien über Vorfahren nicht leisten. Die war immer viel zu sehr mit dem Überlebenskampf beschäftigt.« Als die beiden älteren Herren sich vor über zehn Jahren bei St. Tropez zum großen Spiegel- Gespräch trafen, ging es eigentlich um Deutschland und die fortwirkende Macht der Vergangenheit. Die Leser konnten nicht ahnen, dass sich hinter den harmlosen Walser-Worten ein Subtext verbarg, der beide Väter aufs Engste verband. Auch der Sohn und Leser Jakob Augstein wusste damals noch nicht, dass er von »fehlenden abendlichen Plaudereien über Vorfahren« höchst persönlich betroffen war: Erst nach dem Tod Rudolf Augsteins im Jahr 2002 erfuhr er von seiner Mutter auf Nachfrage, dass nicht dieser, sondern Martin Walser sein leiblicher Vater ist. In der vergangenen Woche brach Jakob Augstein, Verleger der linken Wochenzeitung Freitag, das Schweigen und machte kursierende Gerüchte zu einer öffentlichen Tatsache.
Denn so privat, wie sie zunächst scheinen mag, ist diese Geschichte nicht. Natürlich befriedigt sie zunächst den voyeuristischen Blick des Bildungsbürgers, dem endlich einmal Stoff aus seiner Interessensphäre geboten wird. Doch der Plot dieser kompliziert klingenden Augstein-Walser-Konstellation ist deshalb so fantasieanregend, weil sie die bundesrepublikanische Kulturgeschichte als unkonventionelles, völlig untragisches Märchen erzählt: mit einem Prinzen und zwei mächtigen Königen, die sich nicht bekriegen – und nicht einmal die schönen Mütter sind böse Königinnen. Giftmischende (Halb-)Schwester-Hexen gibt es auch nicht: »Jakob ist in unserer Familie seit Langem angekommen, hat ein prächtiges Verhältnis zu unseren Töchtern«, gab König Martin zu Protokoll. Und Prinz Jakob hat zudem als Sprecher der Erbengemeinschaft Anteil am Spiegel- Reich von König Rudolf.
Das Publikum erlebt jedenfalls kein Kleinbürgerdrama, wie sie Walsers Romane und dessen Helden von Anselm Kristlein bis Gottlieb Zürn beherrschen, sondern ein unausdenkbares Stück aus dem intellektuellen Hochadel der Bundesrepublik. Maria Carlsson, die schöne und gebildete Updike-Übersetzerin, war in den sechziger Jahren mit Rudolf Augstein liiert und wurde später seine dritte Frau; ihre Tochter Franziska wurde 1964 geboren. Das befreundete Ehepaar Walser mit den vier kleinen Töchtern verbrachte bei ihnen auf Sylt seine Sommerurlaube, wo zwischen 1966 und 1968 ein illustres Kulturvölkchen gemeinsam sonnenbadete. Und Walsers Verleger Siegfried Unseld ließ sich auf Wasserskiern von Augstein und dessen Motorboot ziehen. Walser verband mit Unseld ebenfalls eine spezielle Beziehung: Der Verleger hatte ihm ein paar Jahre zuvor die Geliebte, die Fernsehjournalistin Corinne Pulver, ausgespannt. Das vermochte freilich die »herrliche Männerfreundschaft« (Unseld) nicht zu stören, ebenso wenig wie das Kind, das Corinne vom verheirateten Siegfried bekam. Wahlverwandschaften: Ein männliches Trio wirbelte umtriebig durch die Kulturlandschaft der sechziger Jahre.
Und die Frauen? Jakobs Mutter Maria Carlsson erklärte: »Ich habe Rudolf nicht betrogen. Er hat von Anfang an alles gewusst und war überhaupt nicht eifersüchtig.« Vielleicht war das bei Walsers Frau Käthe ähnlich, die üblicherweise seine Tagebücher abtippt. Dort bekannte er am 20. April 1967: »Ich möchte wieder mit einer Frau schlafen. Aber es ist mir unmöglich. Ganz unmöglich mit Käthe. Sie weiß alles.«
Wenige Wochen zuvor hatte dort der weise Walser ahnungsvoll notiert: »Die Beziehung zu Eltern ist, je älter die Kinder werden, um so reiner nur noch Kultur. Natürlich sind nur die Bindungen der Eltern zu den Kindern.« Da war Maria Carlsson mit seinem Sohn bereits im fünften Monat schwanger. »Ich mag ihn sehr, sehr gern«, sagt Walser heute über Jakob. Vier Jahrzehnte später ist dieses Märchen erzählbar geworden, auch wenn die inneren Geheimnisse und Gefühle zum Glück niemals sichtbar sein werden. König Rudolf dürfte lächelnd von seiner Wolke zuschauen.
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio






Ich und du
und Müllers Kuh,
wir stecken all
in Mamas Jäh & Muh.
über den "intellektuellen Hochadel" im Kleinwalsertal in der 'Gala' für bildundsnahe Schichten ...
Offenbar scheint da ein reges Interesse zu bestehen, fleissig den Genpool der Gerüchteküche (man verzeihe mir die schiefe Metapher) zum Kochen zu bringen. Über Wittgenstein erfährt man bei Ihnen in der Zeitung Alles; nur nichts über seine philosophischen Konzepte der "Familienähnlichkeit". Dafür geben Sie dann den Nachweis, wie Martin Walser sich so durchs Leben (nochmal: Verzeihung) durchgemendelt hat. Was bei mir übrigbleibt, ist ein ebenso schales Gefühl, als hätte ich mich gerade im Treppenhaus mit der altjüngferlichen Dame unterhalten, die immer so gut Bescheid weiss über das rege Treiben der anderen Bewohner. So bitte nicht, liebe Tante Zeit. Man kann nicht so tun, als würde dieser Artikel nicht den Voyeurismus des Bildungsbürgers befriedigen (was denn sonst ?) Hat es viell. eine welthistorische Bedeutung, dass Siegfried Unseld sich damals vom Motorboot schleppen ließ ? Und wenn schon, dann bitte berichtet uns doch Alles: Von welcher Firma war der Motor dieses Motorbootes ? Was ist bloß aus Corinna Pulver geworden ? Wie können Sie es wagen, usnere Neugier in diesesn so eminent wichtigen Fragen noch ungesättigt zu lassen ? Ich erwarte Berichte: Heideggers homoerotisches Techtelmechtel mit Karl Jaspers, aus dem das ungeliebte Kind Hannah Arendt hervorgegangen ist; das zeitlebens unter einem Elektrakomplex litt; so dass man vermuten kann einige Thesen wie die Banalität des Bösen sind eigtl. eine Auseinandersetzung mit dem Vater ?
bei dem namen walser dachte ich es kommt was interessantes.
Korrekt! Das steht aber schon alles im Fliehenden Pferd.
Korrekt! Das steht aber schon alles im Fliehenden Pferd.
Herrlich, wie eine Allerweltsgeschichte, die tausende Male hinter deutschen Bierzelten passiert, sich in der kristallenen Sphäre des deutschen Bildungshochadels liest. Boaahhhh!
Und wie sich flugs ein Eleve anschickt, den in tiefe biologische Niederungen abgestiegenen weißen Ritter literarisch zu überhöhen ...
Korrekt! Das steht aber schon alles im Fliehenden Pferd.
jemand verraten, warum bei dieser Unart... sich für die
privatesten, intimsten Angelegenheiten anderer zu interessieren... immer so getan wird als würde mich auch nichts anderes brennender interessieren ? Es interessiert mich nicht. Es ödet mich an. Verkaufen Sie's als Groschen-
roman. Vielleicht liegt aber auch simpel ein Mangel an eigenem Privatleben vor. Daher stammt die Neigung zu solcherlei Voyeurismus ursprünglich. Die Magd Liesel machte
sich Phantasien über ihre Gnädige und den Herrn ... wenn
sie des Nachts, beim einschlafen... noch nicht zu müde vom Tagewerk war.
Mit Ausnahme einer verschwindend geringen Zahl von Übermenschen, von denen wir hier glücklicherweise einen unter uns weilen haben, ist der Voyeurismus bei den Allermeisten fest implementiert.
Z.B. gründen Tantiemen zahlreicher Literaten auf dieser Eigenschaft. Z.B. Walsers Buch, in dem er weiland den Seitenhoppser zu Jacobs Spermie romantisiert hatte, ist auch nix anderes. In prächtige literarische Dessous verziert verkaufte sich die erotische Idealisierung seines gewöhnlichen Triebes bis in der Bestsellerlisten.
Mit Ausnahme einer verschwindend geringen Zahl von Übermenschen, von denen wir hier glücklicherweise einen unter uns weilen haben, ist der Voyeurismus bei den Allermeisten fest implementiert.
Z.B. gründen Tantiemen zahlreicher Literaten auf dieser Eigenschaft. Z.B. Walsers Buch, in dem er weiland den Seitenhoppser zu Jacobs Spermie romantisiert hatte, ist auch nix anderes. In prächtige literarische Dessous verziert verkaufte sich die erotische Idealisierung seines gewöhnlichen Triebes bis in der Bestsellerlisten.
Mit Ausnahme einer verschwindend geringen Zahl von Übermenschen, von denen wir hier glücklicherweise einen unter uns weilen haben, ist der Voyeurismus bei den Allermeisten fest implementiert.
Z.B. gründen Tantiemen zahlreicher Literaten auf dieser Eigenschaft. Z.B. Walsers Buch, in dem er weiland den Seitenhoppser zu Jacobs Spermie romantisiert hatte, ist auch nix anderes. In prächtige literarische Dessous verziert verkaufte sich die erotische Idealisierung seines gewöhnlichen Triebes bis in der Bestsellerlisten.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren