LiteraturgeschichteDer Ignorant und der Wahnsinnige

Der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld (1924 bis 2002) und sein Autor Thomas Bernhard (1931 bis 1989) ringen miteinander. Ein Vierteljahrhundert dauerte ihr Kampf um Geld, Gefühle und Werke, bis Unseld 1988 »Ich kann nicht mehr« seufzte. Ihr Briefwechsel, der am Samstag bei Suhrkamp erscheint, ist ein einzigartiges Dokument einer »gegenseitigen Hassliebe« (Bernhard). Hier erlebt man die Finessen, die Ausdauer und die Großzügigkeit Unselds – und das Ego und den Furor, die Verletzlichkeit und die Besessenheit des Künstlers Bernhard. Wir dokumentieren diese leidenschaftliche Beziehungsgeschichte vorab in Auszügen

Bernhard (l.) und Useld (r.) beim Beziehungsgespräch

Der "Narr" und sein "Franfurter Ungeheuer": Bernhard (l.) und Unseld (r.) beim Beziehungsgespräch in der Nähe von Gmunden  |  © Suhrkamp Verlag

Wien, 22. Oktober 1961

Sehr geehrter Herr Dr. Unseld,
vor ein paar Tagen habe ich an Ihren Verlag ein Prosamanuskript geschickt. Damit wollte ich mit dem Suhrkamp-Verlag in Verbindung treten. Ich besitze einige Bücher aus Ihrer Produktion und sie gehören zum Besten aus der neueren Zeit. Das ist es auch, was mich veranlasst hat, gewisse andere Verbindungen, die ich eingegangen bin, zu vernachlässigen. Vielleicht lässt sich ein Gespräch mit Ihnen arrangieren: ich komme Ende November durch Frankfurt. Ich kenne Sie nicht, nur ein paar Leute, die Sie kennen. Aber ich gehe den Alleingang.

Mit vorzüglicher Hochachtung
Ihr ergebener
Thomas Bernhard.

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Wien, 18.5.67

Lieber Dr. Unseld,
in meinem Safe, der gar kein imaginärer ist, ist als Wichtigstes das Vertrauen meines Verlegers zu mir aufbewahrt, ein wunderbarer selbstverständlicher Schatz. Ich finde, die Kritiker, ob dumm oder nicht, haben sich von meinem Buch aufregen lassen, das ist der Sinn eines solchen Buches. Wie Sie ja wahrscheinlich, sicher wissen, gibt es ja überhaupt nur dumme, darunter aber verheerend ganz dumme Kritiker. Ich weiss das und die Kost verdirbt mir nicht den Magen, wichtig ist nur, wie und in welchem Rahmen die Kritikerdummheit aufgetragen wird, das Besprechungsmenu, das auf eine Veröffentlichung folgt. (...) Sie haben einen Autor, der nicht dumm ist und sich nicht irritieren lässt.

Sehr herzlich
Ihr
Thomas Bernhard

Zwei Schauspieler

Schon im Juli 1968 dachte Siegfried Unseld an spätere Leser, als er an Thomas Bernhard in einer ihrer vielen Auseinandersetzungen ironisch schrieb: »Ich stelle mir vor, was künftige Adepten des Studiums von Literatur- und Verlagsgeschichte bei der Lektüre unseres Briefwechsels sagen werden.« Nun erscheint am 5. Dezember ihr Briefwechsel, ergänzt um ausführliche Kommentare und Dokumente aus dem Verlagsarchiv, vor allem um Aufzeichnungen Siegfried Unselds:

Thomas Bernhard/Siegfried Unseld: Briefwechsel; hrsg. von Raimund Fellinger, Martin Huber und Julia Ketterer; Suhrkamp Verlag, Frankfurt a M. 2009; 800 S., 34,80 €

Ohlsdorf, 14.11.67

Lieber Herr Dr. Unseld,
(...) Manchmal habe ich in letzter Zeit gezweifelt, ob ich denn doch einen Verleger habe, denn es schien mir, als kümmerte sich gar keiner um mich. Dann aber habe ich gedacht, was denn ein wirklich guter Verleger eigentlich ist, und zwar heute ist, wie schaut er aus, und dann bin ich, möglicherweise sogar gegen meinen Willen, auf Sie gekommen. Sie blieben übrig, sonst niemand. Ein Autor ist etwas ganz und gar erbärmliches und lächerliches und so betrachtet ist es ein Verleger auch. Aber ein Verleger ist letztenendes noch mehr mit dem Teufel im Bunde ein grösserer Anonymus und dadurch von nicht ganz einer solchen zierlichen Lächerlichkeit wie der Autor, der ganz und gar zierlich ist. Nichts ist wirklich unheimlich – und also ist es weder irgendein Autor noch irgendein Verleger.

Wenn ich es ehrlich bedenke, so sind meine Erzeugnisse unter Ihren Verlagszeichen doch am besten. Ich habe meinen und Sie haben Ihren Stolz und beide sind wir angewiesen auf ein Poetisches in der Natur, in welcher wir leben, abwechselnd leben und existieren, und von dem wir beide nicht wissen, was es ist. Ich empfinde mich durchaus glücklich und arbeite gut.

Sehr herzlich Ihr
Thomas Bernhard

Leserkommentare
    • afromme
    • 05. Dezember 2009 19:10 Uhr
    1. Tjenun

    Bernhard gibt den grantelnden Künstler, und Unseld reagiert in seiner Rolle als kalter Fisch, der den Grantler ja doch mag, es aber nicht so recht zeigen mag.

    Letztlich bleibt das alles doch irgendwie belanglos. Da bekabbeln sich zwei Menschen gegenseitig, ohne das es mich als Aussenstehenden besonders amüsieren oder emotional mitreissen würde.
    Vermutlich muss man die Personen Unseld und Bernhard erheblich mehr verehren als ich das tue, um aus diesem veröffentlichten Briefwechsel etwas mitnehmen zu können.

    • hagego
    • 16. Dezember 2009 13:26 Uhr

    Thomas Bernhard war sicher ein großer Dramatiker und Schriftsteller. Aber in diesem Briefwechsel ordne ich "die Größe" eher dem Verleger Dr. Siegfried Unseld zu. Mit welcher Nonchalance er die Gehässigkeiten Bernhards gegen Unseld, seinen Verlag und einige (genannte) Kritiker hingenommen hat... ist m.E. bewundernswert!

    Andererseits: Wäre der Briefwechsel heute noch von Interesse, wenn Thomas Bernhard ein allzu bescheidener Mensch gewesen wäre? Künstler! Erwartet man von ihnen nicht geradezu Maßlosigkeit, Unverschämtheit und Übertreibung?

    So manche Kritik (z.B. von Joachim Kaiser) könnte ja durch diesen veröffentlichten Briefwechsel als "Revanche" enttarnt werden. Und wäre deshalb - zum Teil - sogar ("menschlich") nachzuvollziehen. Wenn auch objektiv nicht gerechtfertigt.

    Ganz evident werden durch diesen Briefwechsel auch die Eifersüchteleien unter den Schriftstellern selbst. Jesses Maria! Manche Schriftsteller sind ja die reinsten Punker (Zitat Thomas Bernhard: "Die Schamlosigkeit, mit der Sie (Unseld) dieses schauerliche Walserbuch in die Höhe gestemmt haben, ist absolut geschmacklos und auf die verlegerische Zukunft bezogen, deprimierend!")!

    Bernhards Größe als Schriftsteller wird sich durch diesen Briefwechsel nicht verringern. Aber der "Mensch Thomas Bernhard" hinterlässt für viele ein paar neue Fingerprints...

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