Literaturgeschichte Der Ignorant und der Wahnsinnige
Der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld (1924 bis 2002) und sein Autor Thomas Bernhard (1931 bis 1989) ringen miteinander. Ein Vierteljahrhundert dauerte ihr Kampf um Geld, Gefühle und Werke, bis Unseld 1988 »Ich kann nicht mehr« seufzte. Ihr Briefwechsel, der am Samstag bei Suhrkamp erscheint, ist ein einzigartiges Dokument einer »gegenseitigen Hassliebe« (Bernhard). Hier erlebt man die Finessen, die Ausdauer und die Großzügigkeit Unselds – und das Ego und den Furor, die Verletzlichkeit und die Besessenheit des Künstlers Bernhard. Wir dokumentieren diese leidenschaftliche Beziehungsgeschichte vorab in Auszügen
© Suhrkamp Verlag

Der "Narr" und sein "Franfurter Ungeheuer": Bernhard (l.) und Unseld (r.) beim Beziehungsgespräch in der Nähe von Gmunden
Wien, 22. Oktober 1961
Sehr geehrter Herr Dr. Unseld,
vor ein paar Tagen habe ich an Ihren Verlag ein Prosamanuskript geschickt. Damit wollte ich mit dem Suhrkamp-Verlag in Verbindung treten. Ich besitze einige Bücher aus Ihrer Produktion und sie gehören zum Besten aus der neueren Zeit. Das ist es auch, was mich veranlasst hat, gewisse andere Verbindungen, die ich eingegangen bin, zu vernachlässigen. Vielleicht lässt sich ein Gespräch mit Ihnen arrangieren: ich komme Ende November durch Frankfurt. Ich kenne Sie nicht, nur ein paar Leute, die Sie kennen. Aber ich gehe den Alleingang.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Ihr ergebener
Thomas Bernhard.
Wien, 18.5.67
Lieber Dr. Unseld,
in meinem Safe, der gar kein imaginärer ist, ist als Wichtigstes das Vertrauen meines Verlegers zu mir aufbewahrt, ein wunderbarer selbstverständlicher Schatz. Ich finde, die Kritiker, ob dumm oder nicht, haben sich von meinem Buch aufregen lassen, das ist der Sinn eines solchen Buches. Wie Sie ja wahrscheinlich, sicher wissen, gibt es ja überhaupt nur dumme, darunter aber verheerend ganz dumme Kritiker. Ich weiss das und die Kost verdirbt mir nicht den Magen, wichtig ist nur, wie und in welchem Rahmen die Kritikerdummheit aufgetragen wird, das Besprechungsmenu, das auf eine Veröffentlichung folgt. (...) Sie haben einen Autor, der nicht dumm ist und sich nicht irritieren lässt.
Sehr herzlich
Ihr
Thomas Bernhard
- Zwei Schauspieler
-
Schon im Juli 1968 dachte Siegfried Unseld an spätere Leser, als er an Thomas Bernhard in einer ihrer vielen Auseinandersetzungen ironisch schrieb: »Ich stelle mir vor, was künftige Adepten des Studiums von Literatur- und Verlagsgeschichte bei der Lektüre unseres Briefwechsels sagen werden.« Nun erscheint am 5. Dezember ihr Briefwechsel, ergänzt um ausführliche Kommentare und Dokumente aus dem Verlagsarchiv, vor allem um Aufzeichnungen Siegfried Unselds:
Thomas Bernhard/Siegfried Unseld: Briefwechsel; hrsg. von Raimund Fellinger, Martin Huber und Julia Ketterer; Suhrkamp Verlag, Frankfurt a M. 2009; 800 S., 34,80 €
Ohlsdorf, 14.11.67
Lieber Herr Dr. Unseld,
(...) Manchmal habe ich in letzter Zeit gezweifelt, ob ich denn doch einen Verleger habe, denn es schien mir, als kümmerte sich gar keiner um mich. Dann aber habe ich gedacht, was denn ein wirklich guter Verleger eigentlich ist, und zwar heute ist, wie schaut er aus, und dann bin ich, möglicherweise sogar gegen meinen Willen, auf Sie gekommen. Sie blieben übrig, sonst niemand. Ein Autor ist etwas ganz und gar erbärmliches und lächerliches und so betrachtet ist es ein Verleger auch. Aber ein Verleger ist letztenendes noch mehr mit dem Teufel im Bunde ein grösserer Anonymus und dadurch von nicht ganz einer solchen zierlichen Lächerlichkeit wie der Autor, der ganz und gar zierlich ist. Nichts ist wirklich unheimlich – und also ist es weder irgendein Autor noch irgendein Verleger.
Wenn ich es ehrlich bedenke, so sind meine Erzeugnisse unter Ihren Verlagszeichen doch am besten. Ich habe meinen und Sie haben Ihren Stolz und beide sind wir angewiesen auf ein Poetisches in der Natur, in welcher wir leben, abwechselnd leben und existieren, und von dem wir beide nicht wissen, was es ist. Ich empfinde mich durchaus glücklich und arbeite gut.
Sehr herzlich Ihr
Thomas Bernhard

"ich gehe nicht mehr fremd!": Widmung im nicht bei Suhrkamp erschienenen Band "An der Baumgrenze"
Ohlsdorf, 11.7.68
Lieber Dr. Unseld,
es hat mir leid getan, dass ich Sie in Frankfurt nicht gesehen habe; aber mit Ihrer Frau zusammen wars ein Vergnügen. Bitte, sagen Sie das. Was die Honorarfrage betrifft, so sind wir tatsächlich anfangs grosszügig verfahren und ich habe geglaubt, wenn ich mich drei Jahre mit meinem Roman »Verstörung« herumschlage, dann ist ein grosser Teil meines Darlehens abgetragen. Dass ein so grosser und so guter Verlag wie der Ihre aber nicht mehr als tausendachthundert Exemplare verkaufen hat können, ist so absurd, dass das kein Mensch glaubt, wenn ich das sagte, denn selbst wenn ich ganz alleine mit meinem Rucksack durchs Land ginge, verkaufte ich in vier Wochen sicher mehr. Die Enttäuschung ist die grösste wie auch die grösste Unverständlichkeit, wenn man bedenkt, dass das Buch die allerbesten Kritiken, alles in allem den besten Wirbel gehabt hat usf. Ich rede nicht mehr weiter, sage aber doch, dass ich eine grosse Chance, wenigstens aber drei Jahre Arbeit verpulvert bekommen habe. (...) Abgesehen also, ich brauche etwas zum Leben also, wenn ich nichts habe muss ich, wie jeder andre Mensch auch, arbeiten gehen. Dagegen habe ich nichts, im Gegenteil, holzhacken oder ähnliches ist mir [die] längste Zeit lieber als schreiben, aber dann kann ich auch nicht daran denken, den Roman, an dem ich arbeite. weiter zu bringen und so fort. Wie stellen Sie sich vor, lebt ein Mensch mit einem Bauch? Man muss ihn füllen, ganz einfach. (...) Ihr Brief (vom 9. Juli) ist ungut. Ich weiss nicht, was Sie denken. Sollten Sie das Darlehen auf einmal haben wollen und mich damit überfallen, so töten Sie mich ja nicht. Ich treibe das Geld auf und Sie haben es. Es wäre das aber doch eine verrückte und bedauerliche Lösung, glaube ich. Herzlich Ihr
Thomas Bernhard
P.S.: Und für was für einen jämmerlichen Schreiberling halten Sie mich?
P.S. 1: Es ist mir auch im Augenblick alles wurscht, wie Sie sich jetzt verhalten mögen, ich finde das alles viel zu lächerlich.
P.S. 2: Und wenn Sie an die verschiedenen Literaturpreise denken, so muss ich Ihnen doch einmal sagen, dass mich allein mein Spitalsaufenthalt S 60.000.– gekostet hat.
P.S. 3: Ich wünsche keinen Sentimentalismus.
Ohlsdorf, 28.7.69
Lieber Herr Dr. Unseld,
Ihren Brief vom 25. verstehe ich überhaupt nicht und ich kenne mich genauso überhaupt nicht aus, was unser Finanzielles betrifft, das muss einmal mündlich und anhand von Papieren mit unseren Köpfen gemeinsam geklärt und dann aus der Welt geschafft werden, das hoffe ich, ich glaube auch daran, dass der Zeitpunkt nicht in aller weitester Ferne ist. Ich danke Ihnen für die prompte Überweisung der 3.000.–, die mich beruhigt und vor einer widerlichen Handlung bewahrt haben. Mein Zweifel war also unberechtigt, alles ist gut. Was ich immer wünsche, ist, alle dummen und dreisten, aber auch die verlockenden Angebote des Teufels abzuschlagen und weiterhin auf Aufforderungen der journalistischen gemeinen ebenso essaiistischen gemeineren Umwelt überhaupt nicht zu reagieren und mir meinen Platz am Schreibtisch für meine eigenen Gedanken fortwährend frei zu machen, eine lebenslängliche Reservation für mein perverses Vergnügen, das Schreiben, allein für mich, also, zu erhalten. Dieser Voraussetzung widme ich meine verirrten Anstrengungen. Und der Verleger soll auch glücklich sein, dass der Autor auf die falschen Töne pfeift. Ein Verleger, dessen Namen ich Ihnen, wenn Sie es, aus Neugierde wünschen, auch schreiben kann, wollte mich in den letzten Wochen »in Bausch und Bogen« kaufen, alle meine Schulden zahlen und mir ein lebenslängliches Salär geben etc., aber ich habe das »Angebot« natürlich nicht angenommen, aus so vielen Gründen, die die bekanntesten sind. Ich bin nicht mein eigener Totengräber auf die plumpe Weise, wenn, dann also auf die raffinierteste und das wird mir auch gelingen. Ich widerstehe dem Geld, d. h., dass ich ab und zu in die Lage komme, einen wirklichen Hilferuf auszustossen, der Widerwärtigkeit, etwas fordern zu müssen, nachgebe. (...)
Herzlich Ihr
Thomas Bernhard
Ohlsdorf, 27.10.70
Lieber Herr Dr. Unseld,
die eingehende Lektüre des »Kalkwerk«-Vertrages, den ich in Frankfurt unterschrieben habe, lässt mich die Unterschrift unter diesen Vertrag mit sofortiger Wirkung zurückziehen. Es sind Sätze in dem Vertrag enthalten, die ich unter keinen Umständen akzeptieren kann und ich bitte Sie, meine Unterschrift unter den Vertrag als nicht geleistet zu betrachten und mir das unterschriebene Exemplar des »Kalkwerk«-Vertrages nach Ohlsdorf zu schicken. Dasselbe gilt für den »Watten«-Vertrag. Meine Deutschlandfahrt kann, alles in allem, als eine deprimierende Bestandsaufnahme aller Zustände betrachtet werden, mit welchen ich zwischen Passau und Lübeck konfrontiert worden bin. Der Unsinn und die mit dem Unsinn gemeinsame Sache machende Dummheit, mit welcher noch nie soviel Staat zu machen gewesen ist wie heute, ist erschreckend in Deutschland. Die Oberfläche ist eine enervierend-gemeine, unter welcher sich eine ungeheuere Körper- und Geisteskatastrophe anzukündigen scheint. Der Verrat ist in allen Köpfen und in allem, worauf diese Köpfe sich zu existieren getrauen, ein vollkommener. Die Revolutionäre als Intelligenzler oder Intelligenzler als Revolutionäre (das alles ist nichts als zum speien!) überfressen sich in den chinesischen und jugoslawischen und italienischen Restaurants. Das ganze ist abstossend, weil es in Deutschland ist.
Mit sehr herzlichen Grüssen Ihr
Thomas B.
Bitte lassen Sie Anfragen, ob ich irgendwo vorlese, gleich wo, damit beantworten, dass ich das Vorlesen hasse und nicht mehr vorlese.
© Suhrkamp Verlag

"Im Jahr Dreitausend wird man deb Geist unseres Jahrhunderts ausgraben", "mit dem Siegel Suhrkampverlag": Berhard (l.) und Unseld (r.) in Persepolis, 1977
Ohlsdorf, 22.11.72
Sehr geehrter Herr Doktor Unseld,
es besteht gar kein Zweifel, das bestätigen die Kontoauszüge, die ich gestern von Frau Roser bekommen habe, dass ich selbst der weitaus bessere Anwalt meiner Arbeiten gegenüber den sogenannten Kulturkonzernen, das sind vor allem die Rundfunkanstalten und die Theater, bin, als der Verlag, der infolge seiner Grösse in den Verhandlungen mit diesen Riesenkulturkonsumvereinen auf den einzelnen Autor weniger Rücksicht nehmen kann und, das muss offen ausgesprochen sein, wie in meinem Falle, dem Autor mehr schadet, als nützt – ab einem gewissen Zeitpunkt. (...) Sie selbst wissen genau, dass ich mit meiner Prosaarbeit, die ich nach wie vor als die wichtigste meiner Arbeiten einschätze, und mit welcher ich jahraus, jahrein beschäftigt bin, nicht einmal die Lohnhöhe meines Nachbarn, der als Hilfsarbeiter in der Schottergrube arbeitet, erreiche, ein Umstand, mit dem ich mich abgefunden habe, mir ist meine Arbeit zu wichtig, ja lebenswichtig, aber dass ich (...) verlogenen Kulturmammutunternehmungen, also Rundfunk und Theatern gegenüber in einer Art unseligen perversen, durch nichts zu rechtfertigenden und zu entschuldigenden Autorenohnmacht befinde, dulde ich nicht länger, das ist mir unerträglich und damit finde ich mich naturgemäss nicht ab. Bevor ich einem einzigen Theater oder einem einzigen Rundfunk auch nur einen Schilling schenke, diesen mondänen und monumentalen Kulturrechtsbrechern zwischen Stavanger und Brindisi, mache ich völlig kostenlos hundert Vorlesungen, verbunden mit den abscheulichsten aller Grimassenschneidereien, nämlich des sogenannten freien Schriftstellers in allen nur möglichen Strafanstalten, Irrenhäusern, Altenheimen und Kindergärten und habe mein Vergnügen daran. (...) Was die Prosa betrifft, bin ich nur daran interessiert, dass sie in korrekten, fehlerfreien, mir dadurch Freude machenden Ausgaben im Suhrkampverlag erscheinen; es liegt mir nichts daran, ob der und der Rundfunk daraus etwas auf unerträgliche Weise in die Welt hinauskräht für DM 22.87 oder ob die oder die Zeitung daraus etwas für ihre blödsinnigen Leser für DM 13.74 abdruckt. Meine Ansicht ist die, dass mein Name nicht selten genug in Zeitungen und Rundfunk genannt werden kann. Höre ich meinen Namen aus dem Rundfunk, sehe ich mich im Dreck liegen, lese ich meinen Namen in der Zeitung, glaube ich, ich bin in einer Kloake. (...)
Im Vertrauen auf Sie
Ihr
Thomas Bernhard
Ohlsdorf, 7. Mai 79
Lieber Doktor Unseld,
was das im Augenblick in Stuttgart probierte Stück betrifft, bitte ich Sie, es absolut und unter allen Umständen unter Verschluss zu halten und keinem einzigen Menschen zu zeigen, nur so kann es zum Erfolg geführt werden. Wir müssen verhindern, dass der Text vor der Aufführung in die Hände der Schwätzer und Intriganten kommt, die bekannte Namen, aber in ihren scheusslichen Köpfen nichts als Geschwätz und Intrigantismus haben. Wir zerstörten uns absolut unser Konzept. Das Theater soll unmittelbar als Aufführung wirken, nicht schon vorher von allen diesen grauenhaften beispiellos dummen und gewissenlosen [Joachim]Kaiser und [Urs]Jenny und [Benjamin]Henrichs vernichtet werden. Alle diese Leute haben nicht einen Funken Theaterverstand und sind gerade durch ihre Inkompetenz so widerwärtig und allgegenwärtig und abstossend. Ich hoffe sehr, dass das Manuskript des »Ruhestands« nicht schon in die feindlichen Hände gelangt ist und es sollte, wie besprochen, ausser Ihnen und dem Setzer auch niemand zu Gesicht bekommen haben. Sie sollten sich nicht nur in meinem ureigenen, sondern auch in Ihrem Interesse den »Ruhestand« in den Panzerschrank stellen und erst bis nach der Aufführung in Stuttgart herausnehmen. Ich bitte sehr, das Stück erst eine Woche nach der Uraufführung in Stuttgart zu veröffentlichen. Der grösste Fehler war immer, das Manuskript schon vor der Aufführung den Maulaffen zwischen Hamburg und München vorgeworfen zu haben. Es ist mir sehr ernst mit der Bitte um vollkommenen Verschluss des »Ruhestandes«.
Ihr
Thomas Bernhard
7. Jänner 82
Lieber Doktor Unseld,
ab sofort dürfen keine Neuauflagen oder Neuausgaben meiner in den Verlagen Suhrkamp und Insel erschienenen Bücher mehr gemacht werden. Dies betrifft ausnahmslos alle in diesen beiden Verlagen erschienenen Bücher – sie sollen auslaufen und dann endgültig vergriffen sein. Was die Theaterstücke betrifft, so wünsche ich, ab sofort mit keinem Theater und mit niemandem mehr einen Vertrag abzuschliessen ohne mein ausdrückliches Einverständnis. Ich bitte umgehend um eine lückenlose Aufstellung aller Theater oder Veranstalter, mit welchen bis heute Verträge gemacht worden sind über Aufführungen meiner Stücke, die noch in Gang sind oder geplant. Ich bitte ausdrücklich nur um schriftlichen, keinen telefonischen Kontakt.
Herzlich Ihr
Thomas Bernhard
Frankfurt am Main, 18. Januar 1982
Lieber Thomas Bernhard,
Ihr Brief vom 7. Januar ist heute hier eingegangen. Herr Dr. Rach wird Ihnen sogleich die gewünschten Aufstellungen geplanter bzw. vereinbarter Aufführungen zugehen lassen. Wir haben zur Kenntnis genommen, daß ein Vertrag nur mehr abzuschließen ist, wenn Sie ihm zugestimmt haben. Dies ist, wie mir Dr. Rach berichtet, freilich auch in der Vergangenheit so geschehen. Was Ihre anderen Anweisungen betrifft, so hätten diese so weitgehende Konsequenzen, daß man sie wohl nicht in vier Briefzeilen erledigen kann. Außerdem haben wir ja einen Vertrag geschlossen, der Ihr bisheriges Werk umfaßt und der rechtsgültig ist. Ich wiederhole meinen Vorschlag, daß wir uns an einem Ihnen angenehmen Ort sehen und sprechen.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Siegfried Unseld
P. S.: Einen Scheck über DM 20.000.– füge ich diesem Schreiben bei.
D.O.
Palma de Mallorca, [Telegramm vor dem 28. Januar 1982]
kommen sie am 9. februar verfluchter
thomas bernhard
Ohlsdorf, 27. 12. 82
Lieber Siegfried Unseld,
die Grösse des Verlegers gleichen Namens wäre selbst nach einem tatsächlichen Weltuntergang nicht mehr zweifelhaft, aber der in die Geschichte als solcher Grösste eingegangene, muss sich trotzdem auch noch mit den abstrusen Lächerlichkeiten der Literaturfabrikation herumschlagen, solange sozusagen sein Gigantenherz schlägt und natürlich auch in Kürze wieder mit dem Autor Bernhard zusammenkommen, um die Finanzen zu besprechen, auf die ja beide, Verleger wie Autor, den allergrößten Wert legen, sollen sie nicht auf der Strecke dieser grausamen Zeit bleiben. (…)
Ihr in ein mehr oder weniger scheussliches Hotel gefallener
Thomas B.

Der Alleingeher: Thomas Bernhard am Strand in Portugal, Mai 1976
Wien, 26. November 85
Lieber Doktor Unseld,
wenn ich bedenke, mit was für einem gigantischen Werbeaufwand Sie sich über drei Monate lang für Herrn Walsers Buch [»Brandung«] ins Zeug legen, während Sie für meine »Alten Meister« fast nichts getan haben, obwohl Sie wissen, dass heute Werbung beinahe alles ist, könnte mir die Lust an einer Zusammenarbeit mit dem Verlag schon vergehen. Aber ich schreibe ja für mich und nicht für den Verleger und um Geld geht es ja wirklich nicht. Auch sonst haben Sie mich und meine Arbeit tatsächlich, wie gesagt wird, im Regen stehen lassen. Die Lebenszeit ist zu kurz, um sie mit Gezeter und Geplemper noch mehr zu verkürzen, aber Sie sollen wissen, dass ich nach wie vor ein guter Beobachter der Ereignisse bin.
Ihr
Thomas Bernhard
P. S.: Die Schamlosigkeit, mit der Sie dieses schauerliche Walserbuch in die Höhe gestemmt haben, ist absolut geschmacklos und auf die verlegerische Zukunft bezogen, deprimierend!
19. Jänner 1986
Lieber Doktor Unseld,
vor meiner Abreise aus Österreich habe ich noch einen Blick auf Ihre verlegerische Katastrophe geworfen; was Sie da auf über 3000 Seiten drucken und erscheinen haben lassen, ist die grösste verlegerische Peinlichkeit, die mir bis jetzt bekannt ist [Marianne Fritz, »Dessen Sprache du nicht verstehst«]. Über 3000 Seiten proletarischen stumpfsinnigen Müll mit dem Bombasmus eines Jahrhundertereignisses zu drucken und zu binden, gehört tatsächlich in das Buch der Rekorde: als Stupiditätsrekord. Es geht hier nicht um die Erzeugerin dieses über 3000 Seiten langen Unsinns, sondern um die Tatsache, dass der Verleger sich mit der Herausgabe dieser blödsinnigen Gemeinheit tatsächlich selbst entmündigt hat. Der Herausgeber des Ganzen ist ja ein kleinbürgerlicher schweizerischer Dummkopf und der Lektor, der das Ganze »betreut« hat, sozusagen ein lieber Idiot. Wie kommen Sie jetzt, der Sie so fest, ja, wie mir scheint, unwiderruflich darauf picken, von dem Leim weg, auf den Sie gegangen sind? Das ist nicht die einzige Frage. Die wichtigste ist jetzt die, wie es überhaupt möglich sein wird, diesem Verleger, der doch bis dahin ein grosser zu sein schien, in Zukunft ein Manuskript in die Hand zu geben? Wäre der Vorfall, der tatsächlich einmalig ist in der Literaturgeschichte, nicht so peinlich, wäre es damit getan, die Wiener Müllfrau zum Teufel und Ihr Lektorat ganz einfach gleich in die Hölle zu schicken. Aber der Humor hat Grenzen, wenn es um den elementaren Ernst geht. In Fragen der sogenannten hohen Kunst ist mit mir nicht zu scherzen. Die Ohrfeige, die Sie mir mit der Herausgabe dieser in Frage stehenden 3000 Seiten gegeben haben, hat eine tiefe Wirkung. Hätten Sie doch anstatt den Unsinn von Frau Fritz, nur eine dreitausend Blätter lange Klopapierrolle gedruckt und unter dem Suhrkampsignet herausgegeben, Sie wären auch damit ins Buch der Rekorde gekommen.
Ihr
Thomas Bernhard
Frankfurt am Main, Telegramm, 24. November 1988
lieber herr bernhard
ich habe gestern ihren brief vom 20. november erhalten. fuer mich ist eine schmerzensgrenze nicht nur erreicht, sie ist ueberschritten. nach all dem, was in jahrzehnten und insbesondere in den beiden letzten jahren an gemeinsamem war, desavouieren sie mich, die ihnen gewogenen und fuer sie wirkenden mitarbeiter, und sie desavouieren den verlag. ich kann nicht mehr.
ihr siegfried unseld
Wien, 25. November 88
Lieber Siegfried Unseld,
wenn Sie, wie Ihr Telegramm lautet, »nicht mehr können«, dann streichen Sie mich aus Ihrem Verlag und aus Ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben. Ihr Sie sehr respektierender
Thomas Bernhard
- Datum 04.12.2009 - 17:49 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03.12.2009 Nr. 50
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Bernhard gibt den grantelnden Künstler, und Unseld reagiert in seiner Rolle als kalter Fisch, der den Grantler ja doch mag, es aber nicht so recht zeigen mag.
Letztlich bleibt das alles doch irgendwie belanglos. Da bekabbeln sich zwei Menschen gegenseitig, ohne das es mich als Aussenstehenden besonders amüsieren oder emotional mitreissen würde.
Vermutlich muss man die Personen Unseld und Bernhard erheblich mehr verehren als ich das tue, um aus diesem veröffentlichten Briefwechsel etwas mitnehmen zu können.
Thomas Bernhard war sicher ein großer Dramatiker und Schriftsteller. Aber in diesem Briefwechsel ordne ich "die Größe" eher dem Verleger Dr. Siegfried Unseld zu. Mit welcher Nonchalance er die Gehässigkeiten Bernhards gegen Unseld, seinen Verlag und einige (genannte) Kritiker hingenommen hat... ist m.E. bewundernswert!
Andererseits: Wäre der Briefwechsel heute noch von Interesse, wenn Thomas Bernhard ein allzu bescheidener Mensch gewesen wäre? Künstler! Erwartet man von ihnen nicht geradezu Maßlosigkeit, Unverschämtheit und Übertreibung?
So manche Kritik (z.B. von Joachim Kaiser) könnte ja durch diesen veröffentlichten Briefwechsel als "Revanche" enttarnt werden. Und wäre deshalb - zum Teil - sogar ("menschlich") nachzuvollziehen. Wenn auch objektiv nicht gerechtfertigt.
Ganz evident werden durch diesen Briefwechsel auch die Eifersüchteleien unter den Schriftstellern selbst. Jesses Maria! Manche Schriftsteller sind ja die reinsten Punker (Zitat Thomas Bernhard: "Die Schamlosigkeit, mit der Sie (Unseld) dieses schauerliche Walserbuch in die Höhe gestemmt haben, ist absolut geschmacklos und auf die verlegerische Zukunft bezogen, deprimierend!")!
Bernhards Größe als Schriftsteller wird sich durch diesen Briefwechsel nicht verringern. Aber der "Mensch Thomas Bernhard" hinterlässt für viele ein paar neue Fingerprints...
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