Literaturgeschichte Der Ignorant und der WahnsinnigeSeite 5/5

Der Alleingeher: Thomas Bernhard am Strand in Portugal, Mai 1976
Wien, 26. November 85
Lieber Doktor Unseld,
wenn ich bedenke, mit was für einem gigantischen Werbeaufwand Sie sich über drei Monate lang für Herrn Walsers Buch [»Brandung«] ins Zeug legen, während Sie für meine »Alten Meister« fast nichts getan haben, obwohl Sie wissen, dass heute Werbung beinahe alles ist, könnte mir die Lust an einer Zusammenarbeit mit dem Verlag schon vergehen. Aber ich schreibe ja für mich und nicht für den Verleger und um Geld geht es ja wirklich nicht. Auch sonst haben Sie mich und meine Arbeit tatsächlich, wie gesagt wird, im Regen stehen lassen. Die Lebenszeit ist zu kurz, um sie mit Gezeter und Geplemper noch mehr zu verkürzen, aber Sie sollen wissen, dass ich nach wie vor ein guter Beobachter der Ereignisse bin.
Ihr
Thomas Bernhard
P. S.: Die Schamlosigkeit, mit der Sie dieses schauerliche Walserbuch in die Höhe gestemmt haben, ist absolut geschmacklos und auf die verlegerische Zukunft bezogen, deprimierend!
19. Jänner 1986
Lieber Doktor Unseld,
vor meiner Abreise aus Österreich habe ich noch einen Blick auf Ihre verlegerische Katastrophe geworfen; was Sie da auf über 3000 Seiten drucken und erscheinen haben lassen, ist die grösste verlegerische Peinlichkeit, die mir bis jetzt bekannt ist [Marianne Fritz, »Dessen Sprache du nicht verstehst«]. Über 3000 Seiten proletarischen stumpfsinnigen Müll mit dem Bombasmus eines Jahrhundertereignisses zu drucken und zu binden, gehört tatsächlich in das Buch der Rekorde: als Stupiditätsrekord. Es geht hier nicht um die Erzeugerin dieses über 3000 Seiten langen Unsinns, sondern um die Tatsache, dass der Verleger sich mit der Herausgabe dieser blödsinnigen Gemeinheit tatsächlich selbst entmündigt hat. Der Herausgeber des Ganzen ist ja ein kleinbürgerlicher schweizerischer Dummkopf und der Lektor, der das Ganze »betreut« hat, sozusagen ein lieber Idiot. Wie kommen Sie jetzt, der Sie so fest, ja, wie mir scheint, unwiderruflich darauf picken, von dem Leim weg, auf den Sie gegangen sind? Das ist nicht die einzige Frage. Die wichtigste ist jetzt die, wie es überhaupt möglich sein wird, diesem Verleger, der doch bis dahin ein grosser zu sein schien, in Zukunft ein Manuskript in die Hand zu geben? Wäre der Vorfall, der tatsächlich einmalig ist in der Literaturgeschichte, nicht so peinlich, wäre es damit getan, die Wiener Müllfrau zum Teufel und Ihr Lektorat ganz einfach gleich in die Hölle zu schicken. Aber der Humor hat Grenzen, wenn es um den elementaren Ernst geht. In Fragen der sogenannten hohen Kunst ist mit mir nicht zu scherzen. Die Ohrfeige, die Sie mir mit der Herausgabe dieser in Frage stehenden 3000 Seiten gegeben haben, hat eine tiefe Wirkung. Hätten Sie doch anstatt den Unsinn von Frau Fritz, nur eine dreitausend Blätter lange Klopapierrolle gedruckt und unter dem Suhrkampsignet herausgegeben, Sie wären auch damit ins Buch der Rekorde gekommen.
Ihr
Thomas Bernhard
Frankfurt am Main, Telegramm, 24. November 1988
lieber herr bernhard
ich habe gestern ihren brief vom 20. november erhalten. fuer mich ist eine schmerzensgrenze nicht nur erreicht, sie ist ueberschritten. nach all dem, was in jahrzehnten und insbesondere in den beiden letzten jahren an gemeinsamem war, desavouieren sie mich, die ihnen gewogenen und fuer sie wirkenden mitarbeiter, und sie desavouieren den verlag. ich kann nicht mehr.
ihr siegfried unseld
Wien, 25. November 88
Lieber Siegfried Unseld,
wenn Sie, wie Ihr Telegramm lautet, »nicht mehr können«, dann streichen Sie mich aus Ihrem Verlag und aus Ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben. Ihr Sie sehr respektierender
Thomas Bernhard
- Datum 04.12.2009 - 17:49 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 03.12.2009 Nr. 50
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bernhard gibt den grantelnden Künstler, und Unseld reagiert in seiner Rolle als kalter Fisch, der den Grantler ja doch mag, es aber nicht so recht zeigen mag.
Letztlich bleibt das alles doch irgendwie belanglos. Da bekabbeln sich zwei Menschen gegenseitig, ohne das es mich als Aussenstehenden besonders amüsieren oder emotional mitreissen würde.
Vermutlich muss man die Personen Unseld und Bernhard erheblich mehr verehren als ich das tue, um aus diesem veröffentlichten Briefwechsel etwas mitnehmen zu können.
Thomas Bernhard war sicher ein großer Dramatiker und Schriftsteller. Aber in diesem Briefwechsel ordne ich "die Größe" eher dem Verleger Dr. Siegfried Unseld zu. Mit welcher Nonchalance er die Gehässigkeiten Bernhards gegen Unseld, seinen Verlag und einige (genannte) Kritiker hingenommen hat... ist m.E. bewundernswert!
Andererseits: Wäre der Briefwechsel heute noch von Interesse, wenn Thomas Bernhard ein allzu bescheidener Mensch gewesen wäre? Künstler! Erwartet man von ihnen nicht geradezu Maßlosigkeit, Unverschämtheit und Übertreibung?
So manche Kritik (z.B. von Joachim Kaiser) könnte ja durch diesen veröffentlichten Briefwechsel als "Revanche" enttarnt werden. Und wäre deshalb - zum Teil - sogar ("menschlich") nachzuvollziehen. Wenn auch objektiv nicht gerechtfertigt.
Ganz evident werden durch diesen Briefwechsel auch die Eifersüchteleien unter den Schriftstellern selbst. Jesses Maria! Manche Schriftsteller sind ja die reinsten Punker (Zitat Thomas Bernhard: "Die Schamlosigkeit, mit der Sie (Unseld) dieses schauerliche Walserbuch in die Höhe gestemmt haben, ist absolut geschmacklos und auf die verlegerische Zukunft bezogen, deprimierend!")!
Bernhards Größe als Schriftsteller wird sich durch diesen Briefwechsel nicht verringern. Aber der "Mensch Thomas Bernhard" hinterlässt für viele ein paar neue Fingerprints...
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren