DIE ZEIT: Viele Hochschulen profilieren sich durch stark spezialisierte Studiengänge, das European College of Liberal Arts setzt auf eine breite humanistische Bildung. Sie haben neben Sommerseminaren und Einjahreskursen ein Bachelorprogramm für Value Studies gestartet. Warum sollten sich junge Erwachsene mit Werten auseinandersetzen, bevor sie zum Beispiel Wirtschaft studieren?

Peter Hajnal: Unsere Zeit ist geprägt von der Globalisierung und einer rasanten technischen Entwicklung. Um die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen, brauchen wir Menschen, die das Wissen verschiedener Disziplinen verknüpfen. Bei uns gibt es keine Fachbereiche, sondern stattdessen ein Studium generale mit der Möglichkeit zur fachlichen Vertiefung. Im Mittelpunkt stehen Werte – in Politik und Religion, Kunst und Philosophie. Sie bestimmen, wie wir mit anderen Menschen umgehen. Was bedeutet Gemeinschaft? Was ist Gerechtigkeit? Es ist wichtig, über solche grundsätzlichen Fragen zu diskutieren, um später im Berufsleben differenzierte und intelligente Entscheidungen treffen zu können, die andere Menschen nicht ausgrenzen.

ZEIT: Wie ist der Studiengang aufgebaut?

Hajnal: In den ersten beiden Jahren beschäftigen sich die Studenten in einem Kern-Kurs mit fundamentalen Werken der europäischen Geistesgeschichte, die unsere Werte geformt haben, wie Platons Staatsphilosophie. Daneben wählen sie zwei von drei möglichen Vertiefungen: Kunst und Ästhetik, Literatur und Rhetorik, Ethik und Politische Theorie. Im dritten Jahr besuchen sie Sprachkurse und absolvieren Praktika in aller Welt. Danach erarbeitet jeder Student ein individuelles Projekt, das mit der Bachelorarbeit abschließt.

ZEIT: Wer sind Ihre Teilnehmer?

Hajnal: Der erste Jahrgang besteht aus zwölf Studenten im Alter zwischen 18 und 24. Sie stammen aus elf Ländern, unter anderem aus Mexiko, Rumänien, Russland und der Mongolei; zwei Deutsche sind auch dabei. Einige kommen von der Schule, andere haben bereits studiert, waren aber mit dem Studium an ihrer Universität unzufrieden. Da das Bachelorprogramm sehr gut auf weiterführende Studien in geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern vorbereitet, werden die meisten Absolventen wohl ein Graduiertenstudium anschließen.

ZEIT: Ein Jahr am ECLA kostet inklusive Unterkunft und Verpflegung 15000 Euro. Richtet sich das Programm nur an Gutbetuchte?

Hajnal: Nein. Fast alle Studenten erhalten ein Stipendium; der Betrag richtet sich nach der Bedürftigkeit. Es ist also durchaus möglich, dass ein Student nur fünfhundert Euro pro Jahr zahlen muss. Unser Aufnahmekomitee wählt übrigens nur nach Qualifikation und Persönlichkeit aus, ohne die finanziellen Verhältnisse der Kandidaten zu kennen.

Interview: Marc Hasse