Lehrerausbildung Besserung in SichtSeite 2/2

Einzelne Bundesländer experimentieren mit speziell ausgestalteten begleiteten Berufseingangsphasen. So soll der Gefahr begegnet werden, dass die neuen Ideen und frischen Kräfte unter dem Druck des Alltags und seiner Bewältigung gleich wieder zerrieben werden.

Obwohl der berufsbiografische Ansatz inzwischen zum allseits akzeptierten Modell geworden ist, sind vor allem hinsichtlich des organisierten Weiterlernens im Beruf kaum Erfolge zu verzeichnen. Wenn man aber unmittelbar Dinge und Abläufe in der Schule ändern will, dann muss man mit den dort tätigen Lehrkräften arbeiten; eine Änderung der Erstausbildung wirkt sich in den Schulen erst nach 10 bis 15 Jahren aus. Die Aufgabe bleibt also: Mehr geeignete Weiterbildung für die Lehrer!

In einem wichtigen Punkt gibt es positive Veränderungen zu verzeichnen. Im Zuge der seit einigen Jahren festzustellenden massiven Förderung der empirischen Bildungsforschung werden seit Kurzem auch die Prozesse und Wirkungen von Lehrerbildung verstärkt untersucht.

Natürlich ist auch auf offene Probleme hinzuweisen: Lehrerbildungsfragen fallen in die Kulturhoheit der Länder, die wiederum unterschiedliche Schwerpunkte setzen und unterschiedliche Geschwindigkeiten an den Tag legen. Dadurch hat die Vielfalt der Modelle, Wege und Varianten, die zum Lehrerberuf führen, innerhalb und zwischen den Bundesländern deutlich zugenommen. Das steigert die Unübersichtlichkeit des gesamten Systems .

Zweitens ist zu bemerken, dass allzu kurzatmige Reaktionen auf Bewegungen am Lehrerarbeitsmarkt alle Bemühungen um Qualität in der Lehrerbildung konterkarieren. Sobald in bestimmten Bereichen oder gar flächendeckend ein Mangel an regulär ausgebildeten Lehrkräften besteht, werden die Zugangsschwellen abgesenkt; im umgekehrten Fall werden sie erhöht. »Seiteneinsteiger« senken faktisch den Wert regulärer Ausbildungsprozesse ab.

Drittens: In der Debatte über den Lehrerberuf und über Lehrerbildung herrscht ein manchmal unerträglicher Populismus. Jeder kann sich zum Experten erklären; mit den schrillsten Thesen zu den randständigsten Problemen findet er nur allzu bereitwillig Gehör. Kaum ein Feld der Bildung ist derart von dumpfen Ressentiments, übersteigerten Hoffnungen und undurchdachten Kurzschlussreaktionen betroffen wie das Thema »Lehrer«.

Was muss man besonders hervorheben? Nordrhein-Westfalen sieht in dem neuen Gesetz eine einheitlich lange Ausbildung für alle Lehrämter vor: sechs Semester Bachelor und vier Semester Master; im Anschluss hieran ein anderthalbjähriger Vorbereitungsdienst. Die einheitlich lange Ausbildung ist sicherlich ein Durchbruch. An der TU München wurde eine School of Education gegründet, die vielleicht ein neues Kapitel in der universitären Lehrerbildung aufschlägt. Allerdings verhindern die üppigen finanziellen Bedingungen, dass dieses Modell auf die gewöhnliche Universität übertragen werden kann.

Was fehlt weiterhin? Eine neue Ausbildungs-, Laufbahn- und Besoldungsstruktur speziell für den Lehrerberuf. In deren Rahmen müsste es möglich werden, ein schrittweises Hineingehen beziehungsweise Hineinnehmen in den Lehrerberuf zu organisieren. Beide Seiten könnten an festgelegten Stellen ihre Bindung aneinander prüfen, verstärken oder lösen; die Laufbahn und die Besoldung würden auf der Entwicklung der beruflichen Kompetenzen aufbauen. Denn das eigentliche Problem ist nicht die Lehrerbildung, sondern die Struktur des Lehrerberufs selbst.

 
Leser-Kommentare
  1. Wenn gute Leistungen der Schüler und überhaupt Bildung Indikatoren für ordentliche Schulen und fähige Lehrer sind, dann war das noch in den 50ern, 60ern und frühen 70ern bei uns der Fall.

    All dies damals ohne jedwedes zwanghaft-hysterisches Verbesserungsdenken, wie man es bereits seit Jahren erleben muss - mit all den bekannten Folgen.

    Und danach!?

    Das sich an die 70er anschließende Dauerchaos an "Erneuerungen" im Bereich der Schule setzt sich bis heute fort. Die Größe des Aufwands für "Verbesserungen" steht längst in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zu den Resultaten.

    Das Ganze liegt nicht primär an der schlechteren Lehrerausbildung, sondern an der Gesellschaft insgesamt: An zweifelhaften Werten, die medial über die Eltern ausgegossen werden, an einer zunehmend perversen Unterhaltungselektronik, die die jungen Gemüter von Wichtigerem ablenken.

    Das Tempo der Reformen hält längst nicht mehr Schritt mit dem Tanz der Bevölkerung ums goldene Kalb.

  2. Was ist Kulturpessimismus? "füher war alles besser". Ich habe beides genossen: die "alte Schule" in der Wissen mit Zwang und körperlicher Gewalt vermittelt werden sollte und das darauf folgende System (2 verschiedene Fachgymnasien), das vom Aufbruch gekennzeichnet war.

    Die Pädagogik von damals nennt man heute "Schwarze Pädagogik", sie hat genau zu dem geführt: der Lehrerberuf gilt bei vielen Mitmenschen als höchst zweifelhaft.
    1.) Jeder hat in seiner Karriere punktuell Willkür und Unfähigkeit seitens des Lehrkörpers kennengelernt. Nach Eltern sind alle Menschen tief von ihren Lehrern geprägt. Das sitzt.

    2.) Die meisten Familien von heute hassen es, wenn Kinder am Abend die Athmosphäre dadurch vergiften, daß sie an den Hausaufgaben versagen. Haß aber ist ein schlechter Ratgeber in Kulturfragen.
    Daraus folgt: jede Gesellschaft benötigt gerade für den Lehrerberuf die besten, die es gibt, es ist mit keinem anderen Beruf zu vergleichen. Warum bezahlt man Grundschullehrer schlechter als Studienräte?

    Hausaufgaben gehören ersetzt durch qualitativ hochwertigen Unterricht und pädagogische Betreuung in der Schule am Nachmittag.

    Was fehlt, ist das Engagement seitens der Landesregierungen, sich dieses Themas so intensiv zu widmen, wie es seiner Bedeutung entspricht. Eine Brücke darf nicht einstürzen. Wenn aber durch unfähige Lehrer oder ein ganzes Fehlsystem ein Teil der Kinder fehlgeprägt werden, haut das niemanden sofort um, ausgenommen die Familien, in denen das geschieht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Pardon, aber Sie haben offenbar nicht verstanden, was ich meinte. Ganz gewiss nicht, dass "früher alles besser" gewesen sei.

    Wenn ich mir die Empfehlung erlauben darf, dann schauen Sie ich auf youtube.com einmal die Sendereihe mit dem o.a. Titel an.

    Pardon, aber Sie haben offenbar nicht verstanden, was ich meinte. Ganz gewiss nicht, dass "früher alles besser" gewesen sei.

    Wenn ich mir die Empfehlung erlauben darf, dann schauen Sie ich auf youtube.com einmal die Sendereihe mit dem o.a. Titel an.

  3. Es langweilt sehr den x-ten Anlauf diesbezüglich nachzulesen und die Ignoranz des ewig Selbigen zu ertragen.
    Die Tätigkeit des Lehrers setzt sicher Fachkenntnisse voraus, doch noch weit mehr geht es um Menschenkenntnis, Führungsfähigkeit, Erfahrung, Menschenliebe und die dazu nötige beaufsichtigte (nicht bürokratisierte oder gegängelte) Freiheit.
    Damit ist der Lehrerberuf einer der anspruchsvollsten Jobs, die eine Gesellschaft zu vergeben hat. Dem wird weder die Ausbildung gerecht, noch das aktuelle Selbstverständnis eines großen Teils der Lehrerschaft.
    Junge Lehrer sind häufig sehr engagiert und hoch motiviert, doch ihre mangelnde Erfahrung, ihre Tendenz zur Überbewertung formaler Leistung, überfordern sie häufig. Ein Teil der älteren Lehrerschaft ist deshalb enttäuscht und frustriert und macht Dienst nach Vorschrift, fällt demoralisiert wegen Krankheit aus.
    Es gibt auch die raren Vertreter, die lernen die formalen Bedingungen nicht so wichtig zu nehmen, denen es immer wieder gelingt Zugang zu ihren Schülern zu finden, die sich den immer neuen Überraschungen, was mögliche Charaktere oder Zeitgeist angeht, öffnen und aus Erfahrung geduldig auf das Endergebnis setzen. Trotz besserwisserische Schulbehörden, Bürokratie, hysterische oder bezüglich den eigenen Sprösslingen blinde Eltern, opportunistische Direktoren oder Kollegen,schlechten Schulbücher und Konzepten, sind sie das Rückgrat und letzte Bastion deutscher Schulen.
    Wie wäre es, wenn man mal auf diese setzen würde?

    H.

  4. Pardon, aber Sie haben offenbar nicht verstanden, was ich meinte. Ganz gewiss nicht, dass "früher alles besser" gewesen sei.

    Wenn ich mir die Empfehlung erlauben darf, dann schauen Sie ich auf youtube.com einmal die Sendereihe mit dem o.a. Titel an.

  5. Ein wesentliches, wenn nicht sogar das eigentliche Problem ist die Unterwerfung jeglicher Bildungsanstrengungen unter das Prinzip betiebswirtschaftlicher Nutzen -und Verwertungsinteressen.

    Einige Kurz-Rezensionen hier:
    http://www.amazon.de/prod...

  6. immer nur ein Stückchen pro Generation, und dass, obwohl Lehrer fürstlich entlohnt werden? Die Kinder müssen sich jahrelang in die Unterdrückungsmaschine setzen und fragen sich, warum sie dies oder das immer wieder aushalten müssen. [ entfernt: Bitte beschränken Sie sich auf Verlinkungen, die direkt ersichtlich zur Debatte beitragen. Danke. Die Redaktion/m.e. ]

  7. Solange Bildung Ländersache ist, geht nichts voran. Die Prioritäten liegen völlig falsch. Angesichts unseres Bildungsproblems, das ein Unterschichtenproblem ist, muß die Schule Sozialarbeit leisten. Sie mag dafür nicht gedacht sein, ist aber alles, was wir haben. Und das geht nur über Ganztagsschulen und kleine Klassen. Das Geld wird aber verpulvert für neue Lehrpläne, neue Strukturen, den ewigen Streit zwischen Gesamtschule und Gymnasium. In einer Klasse mit 30 Schülern bleiben die Schwachen und die ganz Starken auf der Strecke, egal in welcher Schulform.

  8. Wir reden über Lehrer und stellen aber Planstellenausfüller und Lehrplanvollzugsbeamte an und merken den Unterschied noch nicht einmal. Die künftigen Unterrichtsabwickler üben eine ErZIEHung mit DRUCK ein und nicht einmal ihre Ausbilder haben realisiert, dass es ErDRÜCKung ist. Wenn es damit nicht geht, verdopppeln sie die BEWUSSTEN Anstrengungen und vernachlässigen das UNBEWUSSTE noch mehr; die daraus resultierende DYSBALANCE wird stur ignoriert.
    Dieses Chaos nennen sie Bildung und Ausbildung und haben ganz offensichtlich nicht mal im Lexikon nachgeschaut, was das Wort BILdung einmal bedeutet hat und bedeuten kann und sollte. Als Ich-kann-Schule-Lehrer sehe ich weder eine Lehrer(aus)bildung noch Lehrer noch Bildung. Nach den Grundsätzen der neuen Ich-kann-Schule würde ich jemand folgen, der 1.) wenigstens 1 Problem konkret ghelöst hat und 2.) den Lösungsweg konkret vorausgeht.
    Schaun wir mal.
    Franz Josef Neffe

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
  • Quelle DIE ZEIT, 03.12.2009 Nr. 50
  • Kommentare 12
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Lehrer | Bildungspolitik | Ausbildung
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service