Hamburger Schulreform Kurswechsel!
Schwarz-Grün in Hamburg hat sich mit der Schulreform verrannt.
Vor zwei Wochen ist die geplante Schulreform in Hamburg gescheitert. Doch bislang weigert sich der schwarz-grüne Senat, diese Realität anzuerkennen.
Vor zwei Wochen war in der Hansestadt ein Volksbegehren gegen den Kern der Reform überraschend erfolgreich: gegen die flächendeckende Einführung einer sechsjährigen Grundschule ("Primarschule") zulasten der weiterführenden Schulen und gegen die Abschaffung des Rechts der Eltern, die Schulform für ihr Kind zu wählen. Mehr als 180.000 Hamburger unterschrieben das Volksbegehren, dreimal so viele wie nötig. Mit einem Volksbegehren kann in Hamburg ein Volksentscheid erzwungen werden, der in einem Gesetz mündet.
Statt innezuhalten, erklärten Bürgermeister Ole von Beust (CDU) und seine grüne Schulsenatorin Christa Goetsch umgehend, dass die Primarschule nicht verhandelbar sei. Gönnerhaft fügten beide hinzu, dass man über das Elternwahlrecht reden könne. Ironischerweise entmündigen ausgerechnet Politiker der Grünen die Bürger: Die Bevölkerung müsse einfach besser informiert werden. Tolle Reform also, nur die Leute sind zu blöd.
Dabei kann es für die schwarz-grüne Koalition nur eines geben: Sie muss Größe beweisen, indem sie Demut zeigt. Sie muss begreifen, dass sie sich verrannt hat. Das Elternwahlrecht steht seit dem Volksbegehren eh nicht mehr zur Disposition. Aber auch die Zwangsbeglückung ganz Hamburgs mit der Primarschule ist vom Tisch. Eine Lösung kann nur auf Freiwilligkeit gründen.
Vor allem sollte sich der Senat auf jene nötigen Reformen stürzen, für die es einen breiten Konsens in der Stadt gibt: die gezielte Förderung der vielen, vielen Schüler, die nicht richtig lesen können, und die Schaffung einer attraktiven Stadtteilschule. Zur Stadtteilschule sollen in Hamburg alle Schulformen vereint werden, die es neben dem Gymnasium gibt; auf ihr kann – nach 13 Schuljahren – auch das Abitur erlangt werden. Wenn diese neue Schulart nicht gehegt und gepflegt wird, dann wird sie keine Alternative zum Gymnasium, sondern die neue Restschule.
Zu einem Kurswechsel gibt es keine Alternative, weil Schwarz-Grün einen Volksentscheid um jeden Preis vermeiden muss. Selbst wenn sich eine knappe Mehrheit für die Primarschule fände, würde die Abstimmung die in dieser Frage gespaltene CDU zerreißen und den Schulen statt einer erfolgreichen Reform große Verwerfungen bescheren. Sollte die Primarschule aber gekippt werden, und das wäre nicht unwahrscheinlich, dann flöge die Koalition auseinander, und die Bildungspolitik wäre auf Jahre vergiftet – auf Kosten der Schüler.
- Datum 03.12.2009 - 13:23 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03.12.2009 Nr. 50
- Kommentare 37
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hm, komischer kommentar. es ist doch ein kommentar, oder?
natürlich ist es verlogen, dass die grünen einerseits ständig auf basisdemokratie abfahren, aber andererseits den reichen pfeffersäcken so mirnichts-dirnichts ihre teuer erkauften (sic) 180 000 stimmen aberkennen wollen.
andererseits wüsste ich schon gerne, ob die reformgegner auch mit unterschriftenlisten in billstedt, jenfeld, dulsberg oder harburg unterwegs waren.
ich wittere da nämlich eine besonders subtile form des disenfranchisement. gibt's für sowas eigentlich schon ein deutsches wort?
Sie werden sich wundern (und leider begreifen das viele in ihrem Schwarz-Weiß-Denken nicht): Gerade in Billstedt sind viele Eltern gegen die Primarschule. In Blankenese (für Nichthamburger: reicher Stadtteil) ist es wurscht, ob die Kinder vier oder sechs Jahre zusammen in der Grundschule lernen, sie treffen sich hinterher eh alle auf dem Gymnasium wieder. In Billstedt (nicht so reich) freuen sich viele Eltern aus Aufsteigerfamilien, dass ihr Kind nach der vierten Klasse endlich aus dem Stadtteil rauskommt und im "besseren" Stadtteil Marienthal zur Schule gehen kann. Ich will hier das Verhalten gar nicht werten, sondern nur meine Beobachtung schldern.
Schön wie die Demagogik der Befürworter der Schulreform 'zieht', ich habe selber Unterschriften gegen die Reform gesammelt. Weil diese Reform ein billiger, hingepfuschter Kompromiss zwischen 2 Parteien ist, die nicht zusammenpassen. Nach dem Motto: GAL, du darfst Schulpolitik machen, dafür genehmigst du Moorburg und Elbvertiefung. Die ganze Umsetzung wurde auf die Umbauten bezogen, pädagogisches Konzept? Keins in Sicht. Das Elternwahlrecht ist in Hamburg unantastbarer, demokratischer Bestandteil.
Ich stand in der Innenstadt zum Sammeln und wurde von Unterschriftswilligen überrannt, aus allen sozialen Schichten, allen Stadtteilen (P.S. Blankenese hat 16.ooo Einwohner)und nun der Hammer:
Gerade bildungswillige Ausländer haben unterschrieben, aus allen Stadtteilen besonders den sozialschwachen: Tenor: Ich möchte meinem Kind, das lernbereit und -willig ist, nicht zu muten sich 6 Jahre in Grundschule zu quälen! Gerade aus Harburg kamen Massen an Unterschriften, aus Billstedt - der Konsens bei den ELTERN in Hamburg ist da.
Nur der herrschenden Politikerkaste gefällt das Ergebnis (Produkt ihtrer Unfähigkeit) nicht!
Ausgerechnet die ZETI als Sprachrohr der reichen Pfeffersäcke, das ist wirklich neu. Denn bis jetzt hat ja die ZEIT erfreulicherweise gegen das althergebrachte, an das 3-Klassen-Wahlrecht angelehnte und nach weislich schlechte selektive Bildungssystem angeschrieben.
Im Übrigen sehe ich das auch so wie Sie. Hätte man die Unterschriftenlisten auch in Billstedt, Jenfeld, Dulsberg oder Harburg ausgelegt, dann wären ganz sicher keine 180.000 Stimmen für das demokratiefeindliche Volksbegehren zusammengekommen.
Sie werden sich wundern (und leider begreifen das viele in ihrem Schwarz-Weiß-Denken nicht): Gerade in Billstedt sind viele Eltern gegen die Primarschule. In Blankenese (für Nichthamburger: reicher Stadtteil) ist es wurscht, ob die Kinder vier oder sechs Jahre zusammen in der Grundschule lernen, sie treffen sich hinterher eh alle auf dem Gymnasium wieder. In Billstedt (nicht so reich) freuen sich viele Eltern aus Aufsteigerfamilien, dass ihr Kind nach der vierten Klasse endlich aus dem Stadtteil rauskommt und im "besseren" Stadtteil Marienthal zur Schule gehen kann. Ich will hier das Verhalten gar nicht werten, sondern nur meine Beobachtung schldern.
Schön wie die Demagogik der Befürworter der Schulreform 'zieht', ich habe selber Unterschriften gegen die Reform gesammelt. Weil diese Reform ein billiger, hingepfuschter Kompromiss zwischen 2 Parteien ist, die nicht zusammenpassen. Nach dem Motto: GAL, du darfst Schulpolitik machen, dafür genehmigst du Moorburg und Elbvertiefung. Die ganze Umsetzung wurde auf die Umbauten bezogen, pädagogisches Konzept? Keins in Sicht. Das Elternwahlrecht ist in Hamburg unantastbarer, demokratischer Bestandteil.
Ich stand in der Innenstadt zum Sammeln und wurde von Unterschriftswilligen überrannt, aus allen sozialen Schichten, allen Stadtteilen (P.S. Blankenese hat 16.ooo Einwohner)und nun der Hammer:
Gerade bildungswillige Ausländer haben unterschrieben, aus allen Stadtteilen besonders den sozialschwachen: Tenor: Ich möchte meinem Kind, das lernbereit und -willig ist, nicht zu muten sich 6 Jahre in Grundschule zu quälen! Gerade aus Harburg kamen Massen an Unterschriften, aus Billstedt - der Konsens bei den ELTERN in Hamburg ist da.
Nur der herrschenden Politikerkaste gefällt das Ergebnis (Produkt ihtrer Unfähigkeit) nicht!
Ausgerechnet die ZETI als Sprachrohr der reichen Pfeffersäcke, das ist wirklich neu. Denn bis jetzt hat ja die ZEIT erfreulicherweise gegen das althergebrachte, an das 3-Klassen-Wahlrecht angelehnte und nach weislich schlechte selektive Bildungssystem angeschrieben.
Im Übrigen sehe ich das auch so wie Sie. Hätte man die Unterschriftenlisten auch in Billstedt, Jenfeld, Dulsberg oder Harburg ausgelegt, dann wären ganz sicher keine 180.000 Stimmen für das demokratiefeindliche Volksbegehren zusammengekommen.
Sie werden sich wundern (und leider begreifen das viele in ihrem Schwarz-Weiß-Denken nicht): Gerade in Billstedt sind viele Eltern gegen die Primarschule. In Blankenese (für Nichthamburger: reicher Stadtteil) ist es wurscht, ob die Kinder vier oder sechs Jahre zusammen in der Grundschule lernen, sie treffen sich hinterher eh alle auf dem Gymnasium wieder. In Billstedt (nicht so reich) freuen sich viele Eltern aus Aufsteigerfamilien, dass ihr Kind nach der vierten Klasse endlich aus dem Stadtteil rauskommt und im "besseren" Stadtteil Marienthal zur Schule gehen kann. Ich will hier das Verhalten gar nicht werten, sondern nur meine Beobachtung schldern.
Ich finde es bedenklich, wie Herr Kerstan die Situation in Billstedt schildert. Vor allem die beschriebene "Bildungsflucht" aus dem Stadtteil stimmt so nicht. Seit mehr als 40 Jahren gibt es im Stadtteil Billstedt das Kurt-Körber-Gymnasium (vormals Gymnasium Billstedt)Keinesfalls streben Eltern danach, ihre Kinder so schnell wie möglich aus dem Stadtteil zu schaffen. Das KKG ermöglicht durch intensive Arbeit und Förderstrukturen auch und gerade nicht empfohlenen Kindern den Weg zu einem erfolgreichen Schulabschluss.
Ich finde es bedenklich, wie Herr Kerstan die Situation in Billstedt schildert. Vor allem die beschriebene "Bildungsflucht" aus dem Stadtteil stimmt so nicht. Seit mehr als 40 Jahren gibt es im Stadtteil Billstedt das Kurt-Körber-Gymnasium (vormals Gymnasium Billstedt)Keinesfalls streben Eltern danach, ihre Kinder so schnell wie möglich aus dem Stadtteil zu schaffen. Das KKG ermöglicht durch intensive Arbeit und Förderstrukturen auch und gerade nicht empfohlenen Kindern den Weg zu einem erfolgreichen Schulabschluss.
Schön, dass es nach den hitzigen Diskussionen wieder Stimmen gibt, die konstruktive Lösungen vorschlagen und sich für eine echte Verbesserung des Schulsystems einsetzen.
Weiter so!
Gerne wird ja behauptet, dass Reiche aus den Elbvororten hier Politik für ihre Kinder betreiben. Wenn man dieses Argument ernst nehmen könnte, dann hieße es ja, das "Reiche" ihre Kinder nicht mehr auf Privatschulen und -internate geben müssten. Weit gefehlt.
Man nimmt in naiver Weise an, die Kinder sitzen 6 Jahre, oder später sogar 9 Jahre in der selben Schule zusammen, und schon lösen sich die Probleme in Luft auf. Aber was passiert denn, wenn Blankeneser Kinder zusammen sitzen und Kinder aus Wilhelmsburg, um mal krasse Gegensätze zu nennen? Die Lernleistungen werden sich sicherlich nicht in der Breite verbessern. Aber, die Reform kostet viel Geld. Die Grundschulen sind für 6 Jahre gar nicht ausgelegt, die Lehrkräfte auch nicht. Schon konnte man von Beust ja vernehmen, dass an den Gymnasien noch weiter gespart werden muss. Aber selber betont er immer, dass die Reform nicht zu Lasten anderer Schulformen geht. Die Schulform ist auch nur sekundär. Relevant wäre erst einmal die absolute Unterfinanzierung des Bildungssektors zu verändern. Denn da liegt der wahre Unterschied zu Ländern wie Finnland oder Dänemark. Ansonsten wird der Trend zur Privatschule sich noch mehr verstärken.
Meine mich zu erinnern, dass ich das vor Monaten hier schon einmal entwickelte: Beust bekam Moorburg und die Elbvertiefung - und darf an sinnlosen, obszön kostspieligen Prestigeprojekten wie der Elbphilharmonie und der Entwicklung der "HafenCity" (har har) festhalten. Die Grünen bekamen fast nichts außer der vagen Idee einer Stadtbahn, die es wahrscheinlich aus Kostengründen niemals geben wird. Zum Ausgleich dürfen sie das gewachsene Schulsystem zerschlagen. Es ist ihre Spielweise und das Ganze ein klassischer DEAL. Eine ganz entfernte Parallele zum Minarett-Streit auch: ja, wir fragen das Volk gern, aber wenn das "falsche" Ergebnis dabei herauskommt, gehen wir davon aus, dass die Leute unzureichend informiert oder schlicht zu doof sind.
Auch - und gerade in Harburg haben sehr viele unterschrieben. Bei jedem Arzt lagen Unterschriftenlisten aus, und vor den Gymnasien wurde eifrig gesammelt.
Man kann doch den armen Kindern nicht das G8 um die Ohren hauen, den Lehrplan stauchen, ohne ihn zu entrümpeln und dann auch noch die ersten beiden Gymnasialklassen wegnehmen. Außer natürlich, die Primarschule hätte in Klasse 5 und 6 das gleiche Niveau wie das Gymnasium (HA!)
"Kurswechsel" ist ein sehr guter und treffender Beitrag. Anzumerken sei noch: In der Tat gibt es kein längeres gemeinsames Lernen, wie von Herrn von beust und Frau Goetsch so gerne betont. Dies nicht nur wegen aufzulösender Klassenverbände und Schulbesuche an verschiedenen Standorten für Grundschüler; vielmehr ist es rein rechnerisch schon falsch. Bei acht Jahren Schulpflicht hatten wir bisher eine Aufteilung von vier plus mindestens vier Jahren. Jetzt macht man daraus sechs plus mindestens zwei. Der fortführende schulische Bereich leidet also.
Fragen aber sollte man Frau Goetsch vor allem, warum sie den Kindern in sozial schwächeren Gebieten eigentlich keine zumindest kleine Aussicht auf Chancengleichheit bieten will; wer sein Geld für eine Reform einsetzt, die erst ab Klasse vier greift, vernachlässigt deutlich die Kinder, die vor Klasse null schon Hilfe bräuchten. Die Primarschule wird die Quote von annähernd 40% Abgängern der Gesamtschule Mümmelmannsberg ohne Schulabschluss jedenfalls nicht verbessern.
Zu Kommentar 1: es wurden seitens der Volksinitiative keine Stimmen gekauft. Die u.a. 10 000 Stimmen aus Harburg kamen vorwiegend von Eltern, die sich gegen politische Weltfremdheit wenden.
Diese Schulreform ist vom Volk nicht gewollt, und das war seit einem Jahr absehbar. Statt die Einwände von Betroffenen beizeiten ernst zu nehmen, haben die Reformer mit Arroganz ihr Projekt durchgezogen und die Kritiker verhöhnt. Die CDU hat ihre Stammwähler verprellt, und auch bei den Grünen sind nicht alle vom Ehrgeiz ihrer Senatorin angetan. Das eilig beschlossene Gesetz wird von 70% der Befragten abgelehnt.
Wenn jetzt nachgebessert wird, muss alles verhandelbar sein: Lockerung des strikten Regimes der Primarschulen, Möglichkeit des Wechsels auf weiterführende Schulen nach Klasse 4 alternativ zur freiwilligen Verlängerung der Primarschulzeit bis Klasse 6, Durchlässigkeit zwischen den Schultypen, Erhalt der Gymnasien ab Klasse 5, Möglichkeit der Profilbildung der Schulen, Elternwahlrecht für die Orientierungsstufe.
Die Bürger wollen mehr Lehrer, aber die Reformpläne sehen die Streichung von Gymnasiallehrerstellen vor. Fachlehrer müssen pendeln, Primarschüler bekommen ihren Sprachunterricht an einer Nachbarschule - mehr Fahrzeit für alle. Kleinere Klassen wären hilfreich - nicht größere Einheiten über Jahrgangs- und Leistungsstufen hinweg. Das gemeinsame Lernen ist in Wahrheit ein Sparprogramm. Nur die Leiter der Primarschulen sollen mehr Gehalt bekommen. Der Systemwandel ist eine ideologisch motivierte Machtverschiebung zugunsten der Primarschulen und zum Nachteil der Gymnasien. Werden die Schüler dadurch besser auf die um Exzellenz bemühten Elite-Unis vorbereitet?
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