Ausstellung Unheimlich traurig. Unheimlich schönSeite 2/2
Einerseits erkennt man einen David Lynch, wenn man einen David Lynch sieht, im Museum genauso untrügerisch, wie man einen David Lynch im Kino erkennt. Aber andrerseits entwickelt er seine Methoden und Macken immer wieder am Material. (Vielleicht lernt man das auch noch einmal als Filmemacher, dass man keine Bilder über etwas macht, sondern Bilder mit etwas.) Und das ist beim Besuchen dieser Ausstellung, so hervorragend die Exponate auch im Katalog reproduziert sind, die unwiederholbare Erfahrung: Auf den reliefartigen großformatigen Mischtechnikbildern sieht man die Schaumstoffwesen, menschenähnlich, im Augenblick des Todes etwa, des Ermordet-Werdens, genauer gesagt, während ihnen das Leben in Form eines Lynch-Gewürms entfährt. Man sieht, wie grob und hingeknallt das ist, einschließlich der echten Unterhose um den Unterleib. Nur ein Schritt zurück, und man sieht das Gegenteil, eine ungeheuer genaue Physiognomie, ein einmaliges Wesen, einmaliger vielleicht als der Mensch, der ihm beim Sterben zusieht. Was ist da los?
Kann ich Trauer empfinden, Empörung, angesichts eines Schneemanns, eines Schaumgummimonsters? Kann ich Sterblichkeit erahnen, nur weil ein Raum, wie ein Bühnenbild für textloses Sprechen, nicht »aufgeht«, ums Verrecken nicht? David-Lynch-Bilder funktionieren als Kurzschlüsse zwischen der Komik des Augenblicks und der Trauer der Überzeit. Die Körperlichkeit ist externalisiert; hier ist alles Körper, wenn auch, bedingt durch das Material, auf verschiedene Weise. Etwas Grauenhafteres kann man über den bürgerlichen Körper, den Individualkörper, den Seelenkörper gar nicht sagen.
David Lynch ist nicht nur einer, der den Film mit den Mitteln der bildenden Kunst weitergebracht hat, sondern auch einer, der die bildende Kunst weiterbringt. Wie unselbstverständlich dieser Übergang noch ist, kann man in der Ausstellung in Brühl beobachten: Der cineastische Diskurs – mögen seine Vertreter auch fachgerecht über Surrealismus, Collage und gar über Félix Vallotton, Edvard Munch und Vincent van Gogh und ihre Spuren im bildnerischen Wert von David Lynch reflektieren – und der Diskurs der bildenden Kunst – mögen seine Vertreter auch die Lynch-Filme Einstellung für Einstellung auswendig hersagen – begegnen sich nicht sonderlich entspannt. Mir schwant etwas: Die Verbindung von Filmkunst und Kunstfilm ist selber etwas Unheimliches.
Andy Warhol hat der Popkultur mit einer wundervollen Frechheit die Oberfläche genommen, um sie berechtigterweise zur Kunst zu erklären. David Lynch verfährt genau umgekehrt. Er entnimmt der populären Kultur, ja eben, die Seele. Und dass diese Seele der populären Kultur »krank« ist, wundert uns viel weniger als wie schön sie ist.
Lynch zeigt, was passiert, wenn man Warhols Tomatendosen aufmacht
Aber ist Seele nicht definitiv Old School? Auf den ersten Blick nämlich ist die David-Lynch-Kunst ein Schritt zurück. Das Magische und Dunkle scheint nun wieder an die ewig bearbeitete und ewig verborgene Biografie gebunden, psychoanalytisches Deuten und sein Scheitern gehören zum Spiel, der Aufklärung seiner selbst setzt der Künstler den heftigsten Widerstand entgegen: Der Maler darf nicht wissen, was er weiß, so ähnlich kann man, nebenan, bei Max Ernst lesen, und Lynch würde ihm sicher zustimmen: Das Unbewusste, oder das Unterbewusste, wie man es nimmt, ist das gewaltige Reservoir des Künstlers, das weder er selbst noch sein Publikum durch Rationalität und mediale Coolness entweihen dürfen. Aber zwischen Max Ernst und David Lynch, zwischen Surrealismus 1 und Surrealismus 2.2 liegt die Pop-Art, liegt der iconic turn, liegen tausend Tode des Autors, des Originals und der Aura. Und David Lynch ist gewiss keiner, der das alles nicht weiß oder nicht wissen will. Deswegen kann man seine Kunst nicht nur als Wiederkehr des Surrealismus, mit einer Spur Dadaismus, Referenzen zu allem Fantastischen und Grotesken in der Kunstgeschichte ansehen, sondern auch als radikale Fortsetzung der Pop-Art. Lynch zeigt, was passiert, wenn man Warhols Tomatendosen aufmacht, seine Bananen schält und seine Wandblumen pflückt.
Und auf einmal sieht alles ganz anders aus.
Bis zum 21. März 2010; weitere Informationen unter www.maxernstmuseum.de
- Datum 04.12.2009 - 12:34 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03.12.2009 Nr. 50
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Ich hatte vor zwei Jahren das Vergnügen, David Lynch persönlich kennenzulernen. Er ist ein überaus liebenswürdiger, angenehmer Mensch, der sich seit einigen Jahren für philanthropische Aufgaben einsetzt, z.B.
(in Hinblick auf die Eskalation von Gewalt in Schulen) für die Qualität der schulischen Ausbildung von Kindern oder die Lebensqualität der nordamerikanischen Indianer ( speziell die Winebago Indianer ) - in dieser Initiative wird er von der 'Bill Clinton Stiftung'
unterstützt.
Auf folgender Webseite können weiterführende Informationen zu diesem Thema gefunden werden:
http://www.davidlynchfoun...
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