Von Nikolaus Harnoncourt gibt es den berühmten Satz, dass Musik nicht dazu da sei, den Menschen zu beruhigen oder ihm Erholung zu verschaffen, sondern ihn aufzurütteln und zu erschrecken. Er hat das im Zusammenhang mit den Beethoven-Symphonien gesagt, die er Anfang der neunziger Jahre für die CD aufnahm. Was damit gemeint ist, kann man bis heute nirgendwo besser ablesen als in seinem eigenen Gesicht: Wenn er am Dirigentenpult steht und auf eine Fortissimo-Stelle zusteuert, legt er die Stirn in furchterregende Falten, und seine Augäpfel treten schreckgeweitet aus den Höhlen, als sehe er eine unfassbare Gefahr auf sich zukommen, die das Orchester, das Publikum und die ganze Welt im nächsten Augenblick überrollt. Dieser musikalische Ingrimm ist ein Markenzeichen der Interpretationen von Nikolaus Harnoncourt.

Am 6. Dezember wird der Österreicher 80 Jahre alt, und seit einiger Zeit hat man den Eindruck, der Dirigent tauche nun in die Phase der Altersgeruhsamkeit ein. Seine Mozart-Tempi sind bedächtiger geworden, statt die Stücke voranzupeitschen, entwickelt er Bedeutungstiefe aus gespannter Ruhe. Seine Phrasierungen erscheinen – nicht nur bei Mozart – runder als in den hitzigen siebziger und achtziger Jahren, sein Klang ist längst nicht mehr so trennscharf zugespitzt wie einst. Wie viele andere Dirigenten hat sich Harnoncourt im Herbst seiner Karriere intensiv mit Bruckner befasst. Und auf eine historische Instrumentierung, wie früher mit seinem Concentus Musicus, pocht er sowieso nicht mehr. Dafür ist er ist ein viel zu gern gesehener Gast bei Traditionsorchestern wie den Wiener oder Berliner Philharmonikern.

Zum Achtzigsten hat Harnoncourt jetzt noch einmal eine Bach-Kantaten-CD veröffentlicht. Die Bach-Kantaten gehören zu seinen Lebensgroßprojekten: Alle 200 hat er (gemeinsam mit Gustav Leonardt) über einen Zeitraum von 20 Jahren für die Schallplatte aufgenommen. Harnoncourt ist der Dirigent, der die meisten Schallplatten überhaupt produziert hat, er übertrifft darin sogar Karajan. Seine neue Kantaten-Einspielung ist eine Art Schaukelstuhl-Projekt: Ein Jubilar lehnt sich zurück und vergleicht das Damals mit dem Heute. Bei zwei der drei Kantaten sind den Neuaufnahmen nämlich Interpretationen aus den frühen Siebzigern gegenübergestellt. So hat man den Bogen unmittelbar vor Ohren, den Harnoncourts Bach-Deutungen über die Jahrzehnte hinweg spannen – von der spitzzüngigen »Nur so geht das!«-Artikulation zum beruhigten Erzählfluss, von der demonstrativ gegeneinander abgesetzten polyfonen Stimmführung zum lebensherbstlichen Mischklang.

In der Kantate Wachet auf, ruft uns die Stimme BWV 140 lässt der Dirigent die gläubige Seele heute viel unverzagter und prächtiger vor Jesus treten als früher. Die Besetzung mit Knabenchor und Knabensolisten verlieh den alten Aufnahmen die Aura engelhafter Reinheit, mit einem gemischten Chor und Frauensolisten klingt nun alles irdischer und lebenserfüllter. Vor allem aber hört man, dass Harnoncourt mit 80 Jahren niemandem mehr etwas beweisen muss: Der schneidende Widerspruchstonfall und die kämpferischen rhetorischen Zuspitzungen im Dienst der Originalklangbewegung sind verschwunden. Und man spürt in der Abwesenheit, dass das hitzköpfige Bewusstsein, es besser als alle anderen zu wissen, womöglich die treibende Energie war, die der Alte-Musik-Szene einst so viel Durchschlagskraft verlieh.

Aber hat Harnoncourt wirklich alle Schlachten geschlagen? Berechenbar war er nie. Deshalb ist es ein Fehler, zu glauben, der große alte Mann der historischen Aufführungspraxis habe sich vollends auf sein Altenteil zurückgezogen. Er ist sehr wohl noch abenteuerlustig und immer für eine Überraschung gut: Von Zeit zu Zeit unternimmt er lange aufgeschobene Lustreisen etwa zu Bizets Carmen (die er vor vier Jahren auf die Bühne brachte), oder er erfüllt sich einen Jugendtraum: In diesem Sommer gab er, fernab von seinem angestammten Repertoire, George Gershwins Porgy and Bess in Graz. Er liebt dieses Werk, seit er die einschlägigen Nummern als Teenager hörte, vom Vater am heimischen Klavier gesungen. Porgy and Bess ist die zweite Geburtstags-CD, die Harnoncourt veröffentlicht – und von Altersmilde ist in ihr nichts zu spüren. Wer sie einlegt, Blues-Atmosphäre und den Klang lastender Südstaatenhitze in der Catfish Row erwartet, wird schon beim ersten Akkord zusammenzucken: So grell und expressiv rumort das kurze Orchestervorspiel. Man spürt sofort: Da ist er wieder, der Harnoncourtsche Ingrimm, der alte Besessenheitskitzel, noch einmal ein Stück vom Kopf auf die Füße zu stellen. Man sieht förmlich, wie die Augäpfel des Dirigenten hervortreten.

Denn in Porgy and Bess lässt sich wie einst bei Bach und Beethoven über die wahre Werkgestalt streiten, man kann gegen Hörkonventionen andirigieren und über angemessene Fassungen grübeln. Kein süffiges Broadway-Musical sei das Gershwin-Werk, sondern eine Oper in der Nähe von Alban Bergs Wozzeck, sagt Harnoncourt, und dementsprechend dramatisch hochfahrend ist der Ton seiner Interpretation. Mit steirischen Urkräften fegt er über alle fingerschnippende Leichtigkeit hinweg und stellt ein aufrüttelndes »Wir arme Leut’«-Pathos vor das Melodramatische. Dazu hat er eine eigene Fassung erstellt, die ganz der dramatischen Verdichtung dient. Er hat afrikanische Trommeln – gleichsam als Originalinstrumente – in das Stück integriert und die sonst nie gegebene Noise Symphony im dritten Akt als atmosphärisch griffige Perkussionsimprovisationen rekonstruiert. Bei Gershwin hat Harnoncourt noch einmal der Ehrgeiz gepackt. Und der setzt enorme Kräfte frei.

Über den Swing sagt der Dirigent: »Ich habe etwas davon in mir.« Und tatsächlich: Von rhythmischer Akzentuierung versteht er viel. Aber ein wirklich lässiger Foxtrott-, Mambo- und Charlestontänzer ist er trotzdem nicht, und sein Blues bleibt etwas hüftsteif. Aber wer würde das ernstlich einem 80-Jährigen vorwerfen?